BMX

Herausragendes Jahr mit Dämpfer

Platz 2 in der Weltcup-Gesamtwertung und Silber an der EM. Der Winterthurer David Graf könnte die abgelaufene Saison als überragend abbuchen.Wäre da nicht Rio gewesen.

Ausgerechnet auf der grössten Bühne ging es für David Graf nicht auf - Platz 14 an den Olympischen Spielen in Rio.

Ausgerechnet auf der grössten Bühne ging es für David Graf nicht auf - Platz 14 an den Olympischen Spielen in Rio. Bild: Keystone

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«Er hat», sagt Nationaltrainer Roger Rinderknecht, «seit 2012 einen enormen Schub gemacht.» In den vergangenen beiden Saisons fuhr David Graf Resul­tate her­aus, die vor ihm kein Schweizer BMX-Pilot – auch nicht Rinderknecht, der Olympiastarter von 2008 und 2012 – erlangt hatte: insgesamt drei Podest­plätze im Weltcup, 2015 Bronze an den Europaspielen und an der WM, 2016 EM-Silber und Platz 2 im Gesamtweltcup sowie mehrfache Präsenz in den Top Ten der Weltrangliste.

«Sein Potenzial hat man schon früher in den Trainings gespürt. In den letzten zwei Jahren schlug es sich auch in Resultaten nieder», freut sich Rinderknecht über die Entwicklung seines Nach­fol­gers als bester Schweizer BMX-Fahrer und Wülf­lin­ger Nachbarn. «Er hat sich in der internationalen Szene einen Namen verschafft.»

Der 27-jährige Winterthurer darf sehr zufrieden sein mit dem, was er sich in all den Trainings und Rennen erarbeitet hat: «Jah­re­lang habe ich den Anschluss an die Weltspitze gesucht. Inzwischen ist er mir gelungen.» Vor zwei Jahren bewegte sich Graf im Gesamtweltcup um den 50. Platz, vor einem Jahr um den 10. Rang, jetzt ist er der Zweitbeste. «Ein cooler Verlauf», freut er sich.

«Im dümmsten Moment»

Deshalb auch kann Graf, momentan die Nummer 9 der Weltrangliste, über die abgelaufene Saison sagen, dass sie «eigentlich super» war. Umgehend folgt jedoch die relativierende Ergänzung: «Bis auf die zwei Saisonhöhepunkte, die WM und vor allem Rio. Die ­haben nicht funktioniert und trüben schon. Von dem her war es eine durchzogene Saison.»

Ende Mai an der WM in Kolum­bien musste er sich mit Platz 17 begnügen. An den Olympischen Spielen in Rio, auf die er seit 2012, als er Ersatzfahrer in London war, hingearbeitet ­hatte, kam er nach Stürzen im Viertel- und Halbfinal nicht über Platz 14 hin­aus. Dabei hatte er sich den ­Final zum Ziel gesetzt, gar eine Medaille schien möglich. Diese Perspektiven waren realistisch, zumal Graf aus allen Läufen die drittschnellste Zeit überhaupt auf die Olympiabahn gelegt hatte.

«Es ist einfach nicht aufgegangen», blickt Graf auf die bitteren Momente im Parque Radical de Deodoro zurück, wo einmal mehr bestätigt wurde, dass im BMX sehr viel passieren kann. «Egal, wohin ich auch fuhr, es hatte immer ein anderer genau die gleiche Linie und war im Weg. Es gibt solche Rennen, in denen nichts läuft. Ich habe das leider im dümmsten Moment eingezogen.»

Nicht ganz zufrieden war er mit den Starts. «Wenn die besser gewesen wären, wäre es vielleicht anders verlaufen.» Aber grundsätzlich habe er «nicht das Gefühl, dass ich etwas hätte anders machen müssen. Die Form stimmte. Ich war noch nie so gut. Ich nahm Rio wie ein normales Rennen und hatte mich nicht beein­drucken lassen.»

«Mal etwas auskurieren»

Die Zugabe nach Olympia verlief wieder erfolgreich: An den letzten beiden Weltcuprennen in den USA verbesserte sich Graf in der Gesamtwertung vom 4. auf den 2. Schlussrang hinter dem Amerikaner Corben Sharrah. In Rock Hill, South Carolina, belegte Graf, wie schon im Weltcup­rennen zuvor im Mai in Papendal, den 3. Platz. Weniger gut klappte es anschliessend in Flo­rida. In Sara­sota lag er im Halbfinal auf gutem Finalkurs, ehe ihm «ein kleiner Fahrfehler» unterlief, wie er erzählt. Er stürzte. «Es hat mich recht umgehauen. Die ­Hüfte schmerzt immer noch.»

Mitte letzter Woche kehrte ­David Graf aus den USA zurück. Dieser Tage hält er sich noch bei seiner Freundin in Würzburg auf; am Sonntag trifft er wieder in Winterthur ein, wo er tags dar­auf zusammen mit Rinderknecht am «Sport-Supporter-Apéro» auftritt und über das Thema «Olympische Spiele – ein Traum?» spricht.

Bald trennen sich die Wege von Graf und Rinderknecht – zumindest, was das Leben in der Nachbarschaft betrifft. Denn Graf zieht aus dem Elternhaus in Wülf­lin­gen aus und lässt sich ab November in einer Wohnung in der Nähe des Stadtzentrums nieder. «Das hatte ich schon länger mal vor», sagt er. Wegen der Olympischen Spiele fand er zunächst keine Zeit dafür. Zeit hat er momentan auch, um sich nach seiner bisher anstrengendsten Saison zu erholen. «Mal etwas auskurieren», sagt er. Doch nicht allzu lange: «Ich habe keine Lust, ewig nichts zu machen.» Er will «langsam wieder ins Training reinkommen».

Tokio 2020 lockt

Denn vom BMX hat er noch lange nicht genug. Am 19. August nach dem Olympia-Halbfinal, im ersten Moment, «als der Frust und die Enttäuschung gross waren», wollte er sich noch nicht fest­legen, ob die Olympischen Spiele 2020 in Tokio eine Perspek­tive für ihn ist oder nicht. Mittler­weile sagt er: «Rio habe ich ziemlich schnell verdaut. Inzwischen bin ich motiviert, nochmals vier Jahre anzuhängen.»

2020 ist David Graf knapp 31-jährig und gewiss nicht zu alt für die Weltspitze. Davon ist auch Rinderknecht überzeugt: «Es liegt etwas drin.» In den nächsten zwei Jahren legt Graf den Fokus auf die Welt- und Europameisterschaften. Zudem will er sein Engage­ment als Privat- und Klubtrainer erhöhen. Nach 2018 folgt der aufwendige, lange Prozess der Qualifikation für Tokio.

Mit dem Olympiastart 2016 war ein Traum in Erfüllung gegangen – ehe die Ernüchterung folgte. Deshalb sagt David Graf zur Fortsetzung seiner Karriere: «Ich kann ja auch nicht aufhören nach dem, was in Rio passiert ist. Und ich sehe nicht ein, weshalb ich das machen sollte. Ich bin schnell und habe viel Spass», erklärt er. «Im BMX opfert man viel und geht grosse Risiken ein. Es muss Spass machen und mir etwas wert sein – nicht nur wegen der Erfolge. Denn man weiss ja nie, ob es diese auch gibt ...» ()

Erstellt: 21.10.2016, 11:16 Uhr

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