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Die Bedeutung der Nations LeagueHauptsache, es wird gespielt

Normalerweise wäre das Spiel gegen Deutschland ein Fest für den Schweizer Fussball. Doch ist es das auch ohne Zuschauer? Finanziell kann es der Verband jedenfalls verschmerzen.

2012 spielte Deutschland zum letzten Mal in der Schweiz. Damals gewann die Schweizer Nationalmannschaft spektakulär 5:3. Eren Derdiyok gelangen drei Tore.
2012 spielte Deutschland zum letzten Mal in der Schweiz. Damals gewann die Schweizer Nationalmannschaft spektakulär 5:3. Eren Derdiyok gelangen drei Tore.
Foto: Andreas Gebert (Keystone)

Damals war es ein Fest, als Deutschland zum letzten Mal in der Schweiz haltmachte. Gut 27’000 Zuschauer schauten im Mai 2012 im Basler St.-Jakob-Park vorbei. 5:3 gewann die Schweiz, 5:3 nach 56 Jahren ohne einen Sieg, dafür mit vielen herben Niederlagen gegen den grossen Nachbarn.

Granit Xhaka ist als einziger Schweizer von diesem besonderen Tag übrig geblieben, die meisten seiner Teamkollegen sind zurückgetreten. Auch sonst wird alles anders sein, wenn er die Mannschaft am Sonntag in seinem alten Heimstadion gegen Deutschland auf den Platz führen wird: Einen Tag voller Ausgelassenheit wird es nicht geben, weil die Uefa wegen Corona auch in der Nations League keine Zuschauer zulässt. Leere statt Lust, so ist das in diesen Tagen.

«Jammern bringt nichts», sagt Robert Breiter. Dabei weiss der Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV), was seinem Arbeitgeber bei einem leeren Stadion an Einnahmen entgeht. Das sind um die 2 Millionen Franken brutto, sofern es gut besetzt gewesen wäre.

Als der Verband im vergangenen November das Budget 2020 erstellte, ging er von Einnahmen aus den Spielen der Nationalmannschaft (und der U-21) von 5,895 Millionen aus. Das Programm für das Jahr sah auch verlockend aus: gleich zweimal gegen Deutschland, weil für den Mai auch noch ein Test angesetzt war, dazu auch noch Spanien in der Nations League und ein Freundschaftsspiel gegen Kroatien in St. Gallen.

Das Nationalteam als Geldkuh

Im Vorjahr brachten die Länderspiele lediglich 2,2 Millionen ein, was auch nicht weiter erstaunte, weil die Gegner Dänemark, Gibraltar, Irland und Georgien hiessen und zusammen nur 67’000 Zuschauer anlockten. Die 2,2 Millionen machten gerade einmal 3,6 Prozent der gesamten Einnahmen des SFV aus.

Gemäss Budget hätten die knapp 6 Millionen für dieses Jahr wohl einen Anteil von 8 Prozent ergeben. Trotzdem belegt das, dass der Verband in diesem Bereich gewisse Ausfälle verschmerzen kann. Denn andere Geschäftsfelder sind für ihn weit wichtiger: Der Verkauf der Fernsehrechte an der Nationalmannschaft, die Erlöse aus den kommerziellen Rechten und die Gelder aus den Teilnahmen an grossen Turnieren sorgten allein im letzten Jahr für 60 Prozent aller Einnahmen von 61,3 Millionen. Darum betont Breiter jetzt: «Alle Verbände sind von den A-Nationalmannschaften abhängig. Sie sind überall die Geldkuh. Darum ist es auch für uns absolut vital, dass jetzt überhaupt gespielt wird.» Anders gesagt: Der Zuschauer sorgt für den Rahmen, aber weit weniger für den Inhalt in der Kasse.

Für den Verband ist entscheidend, dass er seinen Verpflichtungen im kommerziellen Bereich nachkommen kann. Das Fernsehen kann er zufriedenstellen, wenn die Mannschaft nur schon zu einem Geisterspiel aufläuft. Bei den Werbepartnern ist das noch anders, da hat der Verband, sagt Breiter, «bisher nicht vollumfänglich liefern können». Die Partner würden für die Situation Verständnis aufbringen, fügt er bei. Bilanz gezogen wird Ende Jahr, wenn man weiss, ob im Oktober und November Zuschauer zugelassen werden.

Andererseits verursachen Spiele vor leeren Rängen weniger Kosten, die Stadionmiete ist tiefer. Für die Sicherheit müssen nicht mehr knapp 100’000 Franken aufgewendet werden wie zum Beispiel gegen Dänemark, weil nur noch ein paar Journalisten ins Stadion dürfen. Und der SFV hat Reserven. Breiter will nicht ins Detail gehen, wie gross sie sind, er sagt nur: «Wenn die Einnahmen fehlen, ist schnell zu sehen, wie die Reserven wegschmelzen.»

Am Donnerstag spielte die Schweiz gegen die Ukraine. Viel passte nicht zusammen. Ukraine gewann 2:1. Heisst für die Schweizer Nationalmannschaft: Ein Sieg muss her.
Am Donnerstag spielte die Schweiz gegen die Ukraine. Viel passte nicht zusammen. Ukraine gewann 2:1. Heisst für die Schweizer Nationalmannschaft: Ein Sieg muss her.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Unbedingt in Topf 1

Man kann nun davon halten, was man will, dass die Nations League durchgeboxt wird. Und Joachim Löw, der fast schon ewige Bundestrainer Deutschlands, ärgert sich in diesen Tagen, dass dazu zwei Termine für Freundschaftsspiele angesetzt sind, die das Programm in diesem Herbst noch mehr beladen und die Nationalspieler noch mehr fordern. Was trotzdem bleibt, ist die Bedeutung dieses Wettbewerbs. Wer sich für das Final Four qualifiziert wie die Schweiz im Sommer letzten Jahres, sichert sich eine Prämie von 7 Millionen Euro. Platz 3 ist schon 1 Million mehr wert, die Schweiz verspielte diesen Zustupf mit der Niederlage im Elfmeterschiessen gegen England.

Granit Xhaka hat auch diesmal den Gruppensieg zum Ziel erklärt. So forsch ist der Captain gerne. Der Auftakt am Donnerstag in der Ukraine hat gezeigt, wie weit der Weg dahin ist, zumal mit einer derart durchzogenen Leistung. Ein 1:2 bei dem Gegner, der deutlich schwächer einzustufen ist als Deutschland und Spanien, ist auf jeden Fall ein herber Dämpfer.

Ein Nicht-Abstieg aus der Liga A wäre auch schon ein Erfolg, wirtschaftlich wie sportlich. In der höchsten Liga beträgt das Startgeld 2,25 Millionen Euro, eine Liga tiefer sind es noch 1,5 Millionen. Zudem haben die Resultate in der Nations League einen Einfluss auf die Platzierung in der Weltrangliste, die wiederum entscheidend ist bei der Besetzung der Lostöpfe für die nächste WM-Qualifikation.

Wer in Topf 1 ist, entgeht Kalibern wie Frankreich oder Spanien. Was deshalb von Bedeutung ist, weil es bloss die zehn Gruppensieger direkt ans Turnier in Katar schaffen. Die übrigen drei Plätze, die Europa dafür zustehen, machen die Gruppenzweiten und zwei Teilnehmer aus der Nations League unter sich aus. Auch darum wäre es ganz praktisch, wenn die Schweiz in Basel gegen Deutschland gewänne. Sie liegt im Moment in Europa auf Platz 7.