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Die jüngste Show des Mode-KonzernsGrossartiges und nicht so Tolles bei Chanel

Handwerklich makellos mit Hingabe zum Detail: So präsentiert sich Chanel in seiner jüngsten Show. Das ist nicht, was man auf Social Media heute aufregend findet.

Eines schönen Tages in Chenonceau: Chanel-Designerin Virginie Viard mit ihren Models nach der Show der Métiers d'Art.
Eines schönen Tages in Chenonceau: Chanel-Designerin Virginie Viard mit ihren Models nach der Show der Métiers d'Art.
 Foto: Chanel

Dafür, dass diese Chanel-Show nur online stattfinden wird, hat man Tage vorher schon das Gefühl, in der Front Row zu sitzen. Erst kommt die kalligrafierte Einladung ins Haus geflattert, ein QR-Code geleitet auf die Webseite. Da ist das aberwitzig hübsche Château de Chenonceau, Kulisse des Defilees. Die Geschichte des sogenannten Schlosses der Frauen im Tal der Loire erzählen die Schauspielerinnen Keira Knightley auf Englisch, Anna Mouglalis auf Französisch und Penélope Cruz auf Spanisch.

Noch zwei Tage bis zur Show, da fühlt man sich schon so allem Profanen enthoben, dass man seinen Mitmenschen huldvoll die Hand zum Kusse reichen will. Das ist das Chanel-Gefühl: Luxus, Savoir-faire und offenbar grenzenlose Möglichkeiten– so funktioniert Inszenierung im Zeitalter von Corona. Falls der Geldtopf denn noch voll ist.

Kein anderes Haus hat eine solche Kollektion

Von den sechs Kollektionen im Jahr sind die üblicherweise im Dezember vorgeführten Métiers d'Art die herausragendste. Kein anderes Haus hat eine solche Kollektion, kein anderes Haus eine solche Sammlung von Ateliers. Fast vierzig sind es mittlerweile, klug aufgekauft seit Mitte der Achtzigerjahre, als das ehrbare Handwerk der Couture auszusterben schien.

«Corona geht vorbei, aber Le 19M wird bleiben, ein Fenster der Sichtbarkeit in Paris.»

Chanel-CEO Bruno Pavlovsky

Die Sticker von Lesage, die Schmuck- und Knopfmacher von Desrues, die Feder- und Blumenkünstler von Lemarié, die Schuhmagier von Massaro: Sie alle arbeiten heute nicht nur, aber bevorzugt für Chanel. Wenn die Ateliers Chanels Kronjuwelen sind, so fehlte ihnen bisher noch der Tower of London: «Le 19M», ein Haus im Norden von Paris, das einen Teil der Ateliers (600 von 6600 Mitarbeitern) auf 25’000 Quadratmetern beherbergen soll.

Seit 30 Jahren erfolgreich am Ruder: Chanel-Chef Bruno Pavlovsky.
Seit 30 Jahren erfolgreich am Ruder: Chanel-Chef Bruno Pavlovsky.
Foto: Lou Benoist (AFP)

Misslich ist der Zeitpunkt der Eröffnung, da man sich im Jahr 2021 wohl immer noch mit Corona herumschlagen wird. CEO Bruno Pavlovsky hat allerdings nicht vor, sich seine Pläne durchkreuzen zu lassen. «Dieses Gebäude steht für unsere zeitlose Wertschätzung des Handwerks», sagt er. «Corona geht vorbei, aber Le 19M wird bleiben, ein Fenster der Sichtbarkeit in Paris.»

Zur Weltmacht wurde die Firma erst unter Pavlovsky

Wie könnte er nicht langfristig positiv denken? Als Pavlovsky 1990 zu Chanel kam, hatte der Designer Karl Lagerfeld die Erfolgsformel gerade erst gefunden, es waren dies die Bouclé-Kastenjacke, die Perlen, Kamelien, Schwarz-Weiss-Kontraste und flott wechselnden Musen – der Geist der seligen Coco, in die Gegenwart übersetzt. Ein grosser Konzern war Chanel noch nicht. Geschweige denn: eine Weltmacht.

Bruno Pavlovsky, 58, hat sie mitgeformt. Mehr als 200 Shops weltweit, mehr als 8000 Angestellte, elf Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2018. Er sitzt im Pariser Headquarter im Video-Interview, dunkles Sakko, oberster Hemdknopf offen, keine Krawatte; hinter der Milchglasscheibe in seinem Rücken sieht man hier und da Menschen durch die Gänge gleiten. Er sagt: «Ich war zwischenzeitlich auch im Home-Office, aber mein eigentlicher Platz ist hier bei Virginie Viard und ihrem Team, die gerade diese neue Kollektion vollenden.»

Kristen Stewart allein zu Haus

Pavlovsky hat, das räumt er ein, zwei schwierige Jahre hinter sich. Erst starb im Februar 2019 nach 36-jähriger Regentschaft Karl Lagerfeld, den er «ein nie dagewesenes Genie» nennt. Dann übernahm Lagerfelds langjährige Mitarbeiterin Virginie Viard. «Der Januar 2020», sagt Pavlovsky, «war der erfolgreichste Monat, den wir bei Chanel jemals hatten.» Und dann: kam Corona.

Er nennt keine Zahlen, aber die Verluste müssen gewaltig sein. Kleidung von Chanel ist bis heute nicht online, sondern ausschliesslich in Chanel-Stores erhältlich, und die waren monatelang geschlossen. Über die Designerin («Karls linke und seine rechte Hand»), spricht Pavlovsky mit einer Bewunderung, die keinen Widerspruch duldet. Virginie Viard habe das übermenschlich grosse Lagerfeld-Erbe angetreten und weiterentwickelt, Chanel sei heute femininer, moderner und habe neue Kunden akquiriert, darunter viele junge Frauen.

Einziger Gast in der der Chanel-Show: Kristen Stewart.
Einziger Gast in der der Chanel-Show: Kristen Stewart.
Foto: Chanel

Man selbst war zuletzt der Ansicht, sehr viel Kontinuität zu sehen und zu wenig Erneuerung. Am Abend der Show sitzt man also recht gespannt vor dem Bildschirm. Kamerafahrt auf das Château de Chenonceau. Schnitt. Die Schauspielerin und Markenbotschafterin Kristen Stewart als einziger Gast in der grossen, leeren, schwarz-weiss gefliesten Halle, sie trägt Chanel zur Punkfrisur und sieht glaubhaft gethrillt aus. «Kristen allein zu Haus!», spottet jemand auf Twitter. Dann beginnt das Defilee.

Passend zu den Bodenfliesen: Wollrock von Chanel.
Passend zu den Bodenfliesen: Wollrock von Chanel.
Foto: Chanel

Es gibt darin Grossartiges und nicht so Tolles. Nicht so toll ist der Burgfräulein-Spitzhut mit Schleier, der als Ironie durchgehen könnte, wäre der Rest der Kollektion nicht so ernst gemeint. Nicht so toll sind auch manche aus dem Ruder gelaufenen Volumen und Proportionen; einzelne Taschen sowie das eine oder andere Samtkleid mit Prom-Dress-Potenzial.

Ironie? Der Burgfräulein-Spitzhut von Chanel.
Ironie? Der Burgfräulein-Spitzhut von Chanel.
Foto: Chanel

Ein echtes Problem sind die silber- und roséfarbenen Leggings, die unter den meisten Looks getragen werden. Wenn nicht mal Chanel-Models gut darin aussehen, was soll man als normale Frau damit anstellen? Und dennoch, Teile dieser Kollektion sind atemberaubend. Ein paar wirklich geniale Mäntel. Grafische Minis und lange Wollröcke. Die dominierende Farbpalette: Schwarz und Weiss.

Die grafischen Minis überzeugten, die Leggings weniger.
Die grafischen Minis überzeugten, die Leggings weniger.
Foto: Vogue

Das also ist Chanel im Dezember 2020. Handwerklich makellos, mit immer noch herzzerreissender Hingabe zum Detail. Realistischer als früher, aber nicht unbedingt das, was man auf Social Media heutzutage aufregend findet. Im Interview hat man Bruno Pavlovsky gefragt, ob er nach Lagerfelds Tod denn kurz erwogen habe, einen Designer von aussen zu verpflichten.

Da setzte Pavlovsky einen Blick auf, der einem höflich signalisierte, dass man nichts, aber auch gar nichts verstanden hatte. «Natürlich hätten wir einen solchen Designer engagieren können. Aber ich mag keine Designer, die Mode für sich selbst entwerfen. Man geht nämlich nicht zu Chanel, weil man etwas anderes entwerfen will als bisher.» Aha. Sondern? «Sondern weil man herausfinden will, wie diese lange Erzählung weitergeht.»

3 Kommentare
    Ulli Reich

    Sorry, aber Chanel ist einfach nur langweilig. Schade um die vielen hübschen Details und schönen Gewebe, die an äusserst konventionelle Kleider verschwendet werden.