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Nach Fiasko mit der BaselworldGrossaktionär will Messegesellschaft MCH zerschlagen

Auch LVMH zieht sich von der Uhrenmesse zurück. Für den Steuerzahler wird die MCH Group zu einem Risiko. Grossaktionär Erhard Lee plädiert für die Zerschlagung, um frisches Geld aufzutreiben.

Die Baselworld generierte in Basel für die Gastronomie und die Hotellerie Millionenumsätze. Nun wird sie zur Hypothek.
Die Baselworld generierte in Basel für die Gastronomie und die Hotellerie Millionenumsätze. Nun wird sie zur Hypothek.
Foto: Nicole Pont

Der Nächste, bitte: Nach Rolex, Patek Philippe und Chanel haben nun auch die Uhrenmarken der LVMH-Gruppe (TAG Heuer, Hublot, Zenith und Bulgari) ihren Rückzug von der Baselworld angekündigt. Der Absturz der Traditionsmesse belastet Messebetreiber MCH Group: Seine Kreditwürdigkeit nähert sich Ramschniveau. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) hat ihn auf das Niveau BB-/negativ zurückgestuft. Laut den Schätzungen generierte die Baselworld jeden zehnten Umsatzfranken oder 44,5 Millionen Franken im Jahr.

«Die Situation ist ohne Zweifel angespannt.»

Christoph Brutschin, Regierungsrat Basel-Stadt

«Auf jeden Fall ist das ein grosser Schlag für den Messeplatz Basel», sagt Erhard Lee, der grösste private Investor bei der MCH Group. Verwaltungsrat und CEO hätten «völlig versagt». Für die Baselworld prognostiziert er: «Ich kann mir vorstellen, dass es eine beschauliche Messe für Zulieferer, Schmuckindustrie und Edelsteinhändler wird.» Auch der Basler Volkswirtschaftsdirektor Christoph Brutschin bestätigt: «Die Situation ist ohne Zweifel angespannt.»

Ende 2019 wies die MCH Group eigene Mittel von 138 Millionen Franken aus. Auf einen Teil dieser Mittel schielten auch Rolex und Co, als sie wegen der Corona-Krise und der Verschiebung der Baselworld auf das nächste Jahr ihre bereits getätigten Auslagen minimieren wollten, obwohl der Ausstellervertrag die Kostenabwälzung auf die Aussteller klar regelt. Als die MCH Group ihnen nicht weit genug entgegenkam, erklärten sie ihren Abgang nach Genf.

Alle drei Tage eine Million vernichtet

Viele Optionen bleiben der MCH Group nicht mehr zum Überleben. Eine Kapitalerhöhung wäre die logischste. In diesem Fall müssten die beiden Basel, die Stadt und der Kanton Zürich als Grossaktionäre aber Steuergelder in Millionenhöhe in das marode Unternehmen pumpen. Zumindest in den beiden Basel käme dies einem politischen Erdbeben gleich. So beklagen bereits heute die Basler Grünliberalen, dass der Verwaltungsrat zwischen Ende 2016 und 2019 alle drei Tage rund eine Million Franken Eigenkapital vernichtet habe.

Für den Fall, dass Investoren den Einstieg wagen, müsste die Stimmrechtsvinkulierung für Private aufgehoben werden. Es entstünden bei der MCH Group neue Machtverhältnisse. Die Strategie, möglichst viele Messen, Kongresse und Veranstaltungen in Zürich und Basel stattfinden zu lassen, wäre gefährdet.

Um überleben zu können, könnte die MCH Group auch Teile ihres Immobilienportfolios veräussern. Wahrscheinlicher ist aber der Verkauf von Geschäftseinheiten. Bereits im letzten Jahr wurde der Bereich Live Marketing Solutions (LMS) offiziell zum Verkauf gestellt. Zum rentablen Bereich von LMS gehören unter anderem MC2 in den USA und der Standbauer Expo Mobilia in der Schweiz. LMS steuerte im letzten Jahr 41,8 Prozent oder 186,1 Millionen Franken zum Gruppenumsatz bei. Die Sparte beschäftigt mit rund 500 Mitarbeitern etwa die Hälfte der gesamten MCH-Belegschaft.

Corona-Krise könnte hilfreich sein

Grossaktionär Lee möchte hingegen, dass mithilfe von MC2 und Expo Mobilia die Uhrenfirmen gruppenweise rund um die Welt mit einer «Baselworld on Tour» reisen können. Für ihn wäre dies die direkte Antwort auf die Digitalisierung, damit der Käufer die Uhr live erleben könnte – zum Beispiel in den 20 wichtigsten Städten der Welt.

«Die Firma muss geschlachtet werden.»

Erhard Lee, grösster privater Investor bei der MCH Group

Aus seiner Optik hat die MCH Group «durchaus Überlebenschancen», da sie über verschiedene intakte Bereiche verfügt. Für ihn ist deshalb klar: «Die Firma muss geschlachtet werden.» Die Einzelteile will er von Profis führen lassen beziehungsweise in grössere professionelle Firmen integrieren. «Die Hallen in Basel und Zürich würden so geöffnet für vielfältigere Nutzung, statt zu 80 Prozent vom Staat leer gehütet zu werden.» Um Druck auf die staatlichen Ankeraktionäre zu machen, droht er weiterhin mit einer Sonderprüfung, die er vor Gericht durchsetzen will.

Während der Sturm tobt, wird sich der Verwaltungsrat der MCH Group nächsten Freitag unter dem geschützten Messedach in Basel zu einer ruhigen Generalversammlung treffen. Wegen Covid-19 ohne unzufriedene Aktionäre in der Halle. Der umstrittene Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer stellt sich zur Wiederwahl. Die 590’000 Franken Vergütung des Verwaltungsrates werden angesichts der bestehenden Machtverhältnisse wohl ebenso glatt abgenickt wie nicht erfolgsabhängige Vergütungen des Executive Boards im Umfang von 2,8 Millionen.

«Die Corona-Krise erweist sich als stützender Faktor für die MCH Group.»

Adrian Knoblauch, ZKB-Analyst

ZKB-Analyst Adrian Knoblauch meint es deshalb durchaus ernst, wenn er sagt: «Die Corona-Krise erweist sich als stützender Faktor für die MCH Group.» Mit Kurzarbeit lassen sich Kosten senken. Zudem ist der Staat gegenwärtig grundsätzlich gewillt, allen Unternehmen, die in Problemen stecken, zu helfen.

Die Baselworld machte Basel für einige Tage zur Weltstadt. Nun droht wieder Provinzialität.
Die Baselworld machte Basel für einige Tage zur Weltstadt. Nun droht wieder Provinzialität.
Foto: Kostas Maros
30 Kommentare
    Max Blatter

    Ich frage mich, ob die Messe nicht zu sehr auf ein Segment setzte, das ich gerne als "Technostalgie" bezeichne? Firmennamen wie Rolex und ähnliche stehen aus meiner Sicht vor allem für Schmuck-"Uhren", die für manche Geschmäcker vielleicht "schön" sind, jedenfalls aber horrend teuer ... während sie in Sachen Zeitmessung auf die völlig veraltete, ungenaue und unzuverlässige mechanische Technologie setzen. Eine nostalgische Technologie eben!