Google-Gründer Page und Brin treten ab

Larry Page und Sergey Brin ziehen sich aus dem Tagesgeschäft zurück. Sie bleiben aber die mächtigsten Personen.

Sergey Brin (links) und Larry Page haben Google 1998 gegründet. Bild: Jacob Silberberg (Reuters)

Sergey Brin (links) und Larry Page haben Google 1998 gegründet. Bild: Jacob Silberberg (Reuters)

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Es lohnt bei Fotografien bisweilen, darauf zu achten, wer nicht zu sehen ist. Der Technikkonzern Google etwa lud kürzlich ein paar Leute ins Quantum Artificial Intelligence Lab ein, um den Quantenchip Sycamore zu zeigen, der Berechnungen wesentlich schneller als ein Supercomputer ausführen kann. Es soll der Beginn eines neuen Computerzeitalters sein, für die Menschheit so bedeutsam wie der erste Flug des Satelliten Sputnik, und für derart wahnwitzige Projekte, die «Moonshots» heissen und dem Bereich «X» zugeordnet sind, da sind bei Google die beiden Firmengründer Larry Page und Sergey Brin verantwortlich – auf dem Foto im Labor sind allerdings nicht Page und Brin neben dem Chip abgebildet, sondern Geschäftsführer Sundar Pichai.

Es war ein dezenter Hinweis darauf, was am Dienstag offiziell verkündet wurde: Page und Brin ziehen sich komplett zurück. «Wenn das Unternehmen eine Person wäre, dann wäre es nun ein junger Erwachsener, 21 Jahre alt – und es wäre Zeit, den Hühnerstall zu verlassen», heisst es in einem offenen Brief auf der Firmen-Webseite: «Wir haben uns nie an Managementrollen geklammert, wenn es bessere Möglichkeiten gegeben hat, das Unternehmen zu führen. Alphabet und Google brauchen keine zwei Geschäftsführer plus einen Präsidenten. Es ist an der Zeit für uns beide, die Rolle der stolzen Eltern zu übernehmen. Wir bieten Liebe und Rat an, aber keine tägliche Nörgelei.»

Wer das Heranwachsen von Google in den vergangenen beiden Jahrzehnten verfolgt und dabei immer wieder Fotos betrachtet hat, der mag nun fragen: Ach, schon wieder? Bereits im Jahr 2001 hatten die beiden die Geschäftsführung an Eric Schmidt abgegeben, der den Börsengang des Unternehmens im Jahr 2004 verantwortete – Page, Brin und Schmidt vereinbarten damals, den Konzern bis 2024 gemeinsam zu leiten. 2011 übernahm Page, vier Jahre später übergab er nach der Gründung des Mutterkonzerns Alphabet das Google-Kerngeschäft an Pichai. Page wurde Chef von Alphabet, Brin der Präsident – Pichai war letztlich beiden unterstellt.

Brin und Page sehen sich eher als Tüftler und Visionäre

Der manövrierte das Unternehmen behutsam durch turbulente Zeiten, es ging um Privatsphäre, Datenschutz, Fragen nach Missbrauch der Marktmacht und Vorwürfe der Steuerflucht. Es gab zudem Aufregung um die mittlerweile eingestellten Pläne, nur für den chinesischen Markt eine zensierte Version der Suchmaschine zu entwickeln. Um den Umgang mit heiklen Inhalten auf dem Portal der Tochterfirma Youtube. Um Geschäfte mit dem US-Verteidigungsministerium und der chinesischen Regierung. Um üppige Abfindungen für ehemalige Angestellte, die sich Verfehlungen geleistet hatten. Vor einem Jahr musste Pichai vor dem US-Kongress aussagen, weil es Vorwürfe gegeben hatte, dass der Algorithmus der Suchmaschine konservative Inhalte benachteilige.

«Weder die Struktur von Alphabet noch das Tagesgeschäft werden sich erkennbar ändern», schrieb Pichai in einer E-Mail an die Mitarbeiter. Seit seinem Aufstieg zum CEO hat Google 15 Quartale nacheinander jeweils mit Gewinn abgeschlossen, zuletzt mit 7,07 Milliarden Dollar. Im vergangenen Geschäftsjahr konnte das Unternehmen seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent auf 136 Milliarden Dollar steigern. Der Wert der Aktie ist seit Jahresbeginn um fast ein Viertel gestiegen, Google wird derzeit mit 892 Milliarden Dollar bewertet. Das sind ausserordentliche Argumente für Pichai, zumal es aus dem Umfeld des Konzerns seit einiger Zeit heisst, dass Brin und Page keine besonders grosse Lust hätten, ein derart gewaltiges Gebilde zu leiten.

Sie sehen sich eher als Tüftler und Visionäre, Page zum Beispiel kümmerte sich zuletzt vor allem um die Firma Kitty Hawk, die fliegende Autos produzieren will. Das sei den beiden wahrlich gegönnt, bröckelt doch im Techniktal an der Pazifikküste der lange Zeit mit religiösem Eifer gepflegte Gründerkult. Im Silicon Valley wird derzeit eher die Frage gestellt, ob Tüftler die Leitung einer Firma nicht eher abgeben und sich aufs Tüfteln konzentrieren sollten.

Der Rückzug ist eine logische Konsequenz, die sich seit Jahren andeutet

Page und Brin, beide 46 Jahre alt und seit ihrer Studienzeit an der Elite-Universität Stanford befreundet, seien in diesem Jahr, das berichten mehrere Angestellte, kaum noch auf dem Campus im kalifornischen Mountain View zu sehen gewesen und hätten zuletzt auch nicht mehr an den Mitarbeiter-Meetings am Freitag teilgenommen. Im Juni überraschte Page sowohl Angestellte als auch Investoren, als er nicht zur Versammlung der Anteilseigner kam.

Der Rückzug wird deshalb als logische Konsequenz, als Abschluss einer Entwicklung gesehen, die sich seit Jahren angedeutet hatte. Das Kerngeschäft von Alphabet, also Werbeeinnahmen über Suchmaschine und Videoportal sowie das Mobiltelefon Android, läuft prächtig, aufgrund der massiven Einnahmen kann sich der Konzern das Investment in «Moonshots» wie den Quantenchip Sycamore leisten, bei dem es Jahrzehnte bis zu den ersten Anwendungen mit realem Nutzen dauern könnte.

Allerdings greift Apple gerade mit dem Videodienst AppleTV+ die Google-Tochter Youtube massiv an, Amazon ist im immens wichtigen Wachstumsmarkt Cloud Computing bereits enteilt und wird eher von Microsoft denn von Google gejagt. «Ich freue mich, langfristige Herausforderungen anzunehmen und sie über Technologie zu lösen – dank Larry und Sergey ist unsere Mission eine zeitlose», schreibt Pichai: «Die gute Nachricht ist: Ich werde weiterhin mit den beiden arbeiten.»

Nun wird es interessant: Page und Brin, deren Vermögen auf jeweils mehr als 50 Milliarden Dollar geschätzt wird, werden auch weiterhin im Aufsichtsrat des Konzerns sitzen – und gemeinsam gehören ihnen noch immer 51,3 Prozent der stimmberechtigten Anteile. Sie können, wenn ihnen der Sinn danach steht und sie sich einig sind, jeden Geschäftsführer absetzen. Sie mögen nicht mehr auf Fotos zu sehen sein, die Öffentlichkeit ist ihnen ohnehin stets zuwider gewesen, sie werden jedoch nach wie vor die Kontrolle über ihr Baby haben, das nun erwachsen sein soll.

Erstellt: 04.12.2019, 09:03 Uhr

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