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Kommentar zum Chor-VerbotGemeinsames Singen vertreibt die Angst

Wegen Corona werden bei uns die Chöre verboten. Das ist richtig, aber schade. Denn jetzt bräuchten wir diese Stimmen am meisten.

Aretha Franklin singt in einer schwarzen Ghetto-Kirche von Los Angeles, begleitet vom lokalen Gospelchor, das tröstende «Amazing Grace» (1972).
Aretha Franklin singt in einer schwarzen Ghetto-Kirche von Los Angeles, begleitet vom lokalen Gospelchor, das tröstende «Amazing Grace» (1972).
Foto: AP

Wer von uns hatte schon das Glück, Johann Sebastian Bachs «Messe in h-moll» in einer Kathedrale zu hören? Das «Hallelujah» von Georg Friedrich Händel während der Weihnachtsmesse zu feiern? Das «War Requiem» von Benjamin Britten mitsamt Chor und Orchester live zu erleben? Aretha Franklin gehört zu haben, die in einem Ghetto von Los Angeles «Amazing Grace» vortrug, das Spiritual der Vergebung?

Die wenigsten von uns hat es in New Orleans an ein Gospelkonzert verschlagen, an dem die paar Weissen eine Weile brauchten, bis sie realisierten, dass sie so wenige unter so viel Afroamerikanern waren. Wer von uns würde nicht gern im Stadion an der Anfield Road stehen, während die Fans des FC Liverpool «You’ll Never Walk Alone» singen? Können Sie die «Marseillaise» hören, ohne ein Gefängnis stürmen zu wollen?

Singen lindert, Singen im Chor heilt, Singen von Sinnen befreit. Gemeinsames Singen kühlt den Schmerz, mindert die Verzweiflung, löst die Einsamkeit, nährt die Hoffnung, vertreibt die Angst. Jede Kultur singt, feiert das Leben, beschwört die Götter, stärkt sich für den Krieg. Singen ist eine evolutionäre Leistung des Individuums im Einklang mit seinem Stamm.

Der afroamerikanische Gospel mit seinem Spiel von Ruf und Antwort, Beteuerung und Bestätigung, feiert den Trost des Glaubens. Die Missionare waren beim Bekehren der Sklaven begeistert, mit welcher Inbrunst die Heiden zum Christentum fanden. Dabei besangen diese, undercover sozusagen, das animistische Beschwören ihrer afrikanischen Ahnen, Geister und Götter.

Und sowieso ging es während der afroamerikanischen Gospelmessen im amerikanischen Süden wesentlich freudiger zu, als die Puritaner es vorgesehen hatten. Das Beschwören der Mässigung im Tonfall der Entfesselung: Das hatten sie nicht kommen sehen.

Die Chöre in unseren Kirchen singen nicht weniger innig, ziehen das Vergeistigte aber dem Erotischen vor. Sie lobpreisen ihren Gott im Ton der Ergebenheit. Selbst das Jubilieren über die Befreiung, so erhaben es klingt, lässt das Irdische anklingen: Als sängen nicht jene, die erlöst sind, sondern jene, die erhört werden wollen. Man braucht nicht gläubig zu sein, um ergriffen zu werden. Aber man kann nicht ergriffen sein, ohne die Gläubigen zu verstehen.

Das Singen wirkt auf den Chor und auf die Gemeinde gleichermassen. Es ergreift Körper und Seele. Aus unzähligen Untersuchungen wissen Musikwissenschaft, Musikethnologie und Neurophysiologie, dass das Singen die Menschen zusammenbringt, Halt verleiht und Glück verbreitet.

Unsere Behörden verbieten jetzt wegen Corona den Auftritt von Chören mit über zehn Beteiligten. Manche Pfarrerinnen und Pfarrer stört das. Dabei sind die Einschränkungen richtig und nicht verhandelbar: Gesundheit geht vor Gemeinschaft. Und zwar so lange, bis die Ansteckungsgefahr weggeimpft wurde. Oder zumindest so weit minimiert werden kann, dass Gruppen sich wieder treffen können.

Trotzdem muss man das verordnete Schweigen bedauern, für die Singenden und die Angesungenen: Ausgerechnet jetzt, wo wir die gemeinsamen Stimmen besonders nötig haben, bleiben sie auf die Familie beschränkt, um den Weihnachtsbaum gruppiert. Doch das Singen im Quartett kommt nicht an Händel heran. Oder an die Fans der Anfield Road.

12 Kommentare
    Hansueli Hof

    "Singen nimmt die Angst" ... ja welche Angst denn? Die Angst, sich den Käfer Corona einzufangen? Oder man könnte den Job verlieren? Beides kann passieren, aber gegen beide hilft Singen sicher nicht. Also welche Angst denn? Da wird immerzu unreflektiert psychologisiert, und das bringt überhaupt nichts.