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Schweizer Fussball im DilemmaGeisterspiele ja, aber…

Der Bundesrat plant, die Fortsetzung der Meisterschaft ab 8. Juni wieder zu gestatten – aber das heisst noch lange nicht, dass auch wieder gespielt wird. Es stellen sich viele grundsätzliche Fragen.

Auf dem Platz spannende Torszenen, auf den Tribünen gähnende Leere: die neue Realität?
Auf dem Platz spannende Torszenen, auf den Tribünen gähnende Leere: die neue Realität?
Peter Klaunzer (Keystone)

Irgendwann an diesem Mittwochnachmittag sagt Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga zum Umgang mit dem Coronavirus: «Einfache Lösungen gibt es nicht.» Sie hält ihre Aussage allgemein, wie zutreffend sie ist, zeigt sich nirgends besser als beim Fussball.

Natürlich gibt es jetzt diese Aussage des Bundesrates, dass ab dem 8. Juni der Wettkampfbetrieb im Spitzensport «geplant» sei. Zumindest ist sie konkret, was das Datum betrifft. Und sie macht all jenen Hoffnung, die glauben, in der Bewilligung von Geisterspielen liege die Rettung des Schweizer Clubfussballs.

Aber das heisst noch lange nicht, dass auch tatsächlich wieder gespielt und die Saison beendet wird. Das entscheidende Wort hat der Bundesrat, er wird erst am 27. Mai definitiv entscheiden, ob er dem Fussball grünes Licht gibt. Bundesrätin Viola Amherd, als Verteidigungsministerin auch zuständig für den Sport, betont, dass zuerst die Entwicklung abgewartet werden müsse.

Will die SFL dasselbe wie der Bundesrat?

Denn es geht um eine zentrale Frage: Welche Auswirkungen haben die jetzt beschlossenen Lockerungen auf die Verbreitung des Virus? Wenn sich die Fallzahlen wieder negativ entwickeln, ist gut vorstellbar, dass der Bundesrat von einem Fussballbetrieb ab Juni nichts mehr wissen will.

Selbst wenn der Bundesrat in vier Wochen Ja zum Fussball sagt, heisst das noch immer nicht, dass dann auch wirklich gespielt wird. Die Swiss Football League (SFL) und ihre 20 Vereine aus Super und Challenge League haben sich selbst darüber klar zu positionieren: Was wollen sie eigentlich? Sind Geisterspiele wirklich das, was ihnen im Kampf ums wirtschaftliche Überleben hilft?

Sind Geisterspiele in der jetzigen Situation das richtige Mittel?
Sind Geisterspiele in der jetzigen Situation das richtige Mittel?
Claudio de Capitani (Freshfocus)

Das Komitee der SFL tagt am Donnerstag zum Thema, es wird die Clubs informieren und dann schnell mit ihrer Befragung beginnen. Letzten Endes wird es eine ausserordentliche Generalversammlung brauchen, um zu entscheiden, wie es weitergeht, um die Frage zu beantworten: Wird die Saison abgebrochen? Oder über den 30. Juni hinaus fortgeführt?

Erste Vereine haben sich schon gegen Geisterspiele ausgesprochen, Sion, Thun, Xamax, Lugano und auch der FC Basel. Das wiederum stört Andreas Mösli, den Geschäftsführer des FC Winterthur. «Wenn Einzelne bereits lautstark verkünden, was sie nicht wollen», sagt er, «ist das unprofessionell und sehr egoistisch.» Das hat nichts damit zu tun, dass er «für eine Idee Geisterspiele» ist, er hält sich lieber an die Fakten.

Wie teuer ist ein Geisterspiel?

Und zu den Fakten gehören einige Fragen: Was kosten Geisterspiele? Was bringen sie? Was ist mit dem Fernsehvertrag? Was verliert die Liga, wenn sie die Saison abbricht? Welche finanziellen Folgen hat das? Und noch eine Frage, die von Bedeutung ist: Was sagen eigentlich die lokalen Behörden? Bewilligen sie überhaupt Geisterspiele? Was ist, wenn zum Beispiel in Bern gespielt werden darf, aber nicht in Luzern? Wohin will dann der FCL ausweichen?

Bernhard Burgener, der erratische Präsident des FC Basel, hat für seinen Verein Kosten von 300’000 Franken für ein Geisterspiel ausgerechnet. Ob er das wirklich so gemeint hat, wie er das gesagt hat, weiss bei ihm keiner, die Zahl steht jetzt einfach einmal im Raum.

Gut möglich ist, dass sich Ancillo Canepa davon leiten lässt, als er die Gesamtkosten von Geisterspielen für die ausstehenden 65 Spiele hochrechnet. «Sie kosten die Liga 20 Millionen Franken», behauptet der Präsident und Besitzer des FC Zürich gegenüber der «NZZ».

«Das könnte nicht nur der Sport verlangen. Jeder kann damit kommen.»

Matthias Remund, Direktor des Bundesamtes für Sport.

Dabei gehört zur Gesamtrechnung auch, wie die Clubs von der Arbeitslosenkasse entschädigt werden. Die SFL hat einen Antrag an das Seco gestellt, das Staatssekretariat für Wirtschaft. Sie treibt die Frage um: Ist das Training, das der Bundesrat ab dem 11. Mai in Mannschaftsstärke wieder erlaubt, schon Arbeit? Fällt dann das Geld für die Kurzarbeit, das derzeit viele Vereine beziehen, weg? Und was ist, wenn wieder gespielt wird? Fallen die Zahlungen dann erst recht aus?

Die Liga wünscht sich, wie sie das nennt, einen Finanzierungsstabilisierungsfonds für den gesamten Schweizer Fussball. Übersetzt heisst das: Sie möchte staatliche Hilfe auch bei Geisterspielen, damit die Clubs für entfallene Einnahmen entschädigt werden.

Matthias Remund, der Direktor des Bundesamtes für Sport, hat in der «SonntagsZeitung» zu einer solchen Forderung gesagt: «Das könnte nicht nur der Sport verlangen. Jeder kann damit kommen, Handel, Detaillisten, Gewerbler, Dienstleister, alle. Es geht doch um die Solidarität in unserer Gesellschaft.» Was immer das Seco der Liga nun antwortet, wird gerade für die Clubs mit kleinen Budgets von wesentlicher Bedeutung sein, wie sie sich zu Geisterspielen stellen. «Erst mit der Erklärung des Seco können wir nach wirtschaftlichen Kriterien entscheiden», sagt der Winterthurer Mösli.

Andreas Mösli, Geschäftsführer des FC Winterthur, steht wie alle Clubbosse vor vielen offenen Fragen.
Andreas Mösli, Geschäftsführer des FC Winterthur, steht wie alle Clubbosse vor vielen offenen Fragen.
Marc Schumacher (Freshfocus)

Der FCW hat, zumindest auf dem Papier, noch sechs Heimspiele und den Cup-Viertelfinal gegen Bavois auf dem Programm. Mösli hat dafür 880’000 Franken Einnahmen und 340’000 Franken an Organisationskosten errechnet, wenn Zuschauer zugelassen wären. Seine Frage ist nun: «Wer deckt uns den Verlust von 540’000 Franken, wenn wir nur Geisterspiele haben?»

Die Young Boys brauchen eine solche Frage nicht zu fürchten, sie stehen finanziell momentan äusserst gesund da. Sie haben vielleicht auch darum eine ganz andere Haltung als der FC Basel, sie wollen die Meisterschaft beenden, weil sie bei einem Abbruch um die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Fussballs fürchten. Und die damit verbundene Frage: Vergibt der Fussball damit nicht die Chance, für Unterhaltung zu sorgen, die sonst niemand bieten kann? Verschenkt er nicht sein Alleinstellungsmerkmal? Und leidet nicht der Wert der Spieler, wenn sie während vieler Monate ausser Betrieb gesetzt sind?

Ein wichtiges Thema ist der Vertrag mit dem Fernsehpartner CT Cinetrade AG, der über den Teleclub sämtliche Spiele der Super League live überträgt. Eine vierte und letzte Rate ist noch fällig in der Höhe von rund 7,5 Millionen Franken, vier Fünftel davon erhält die Super League, der Rest geht an die Challenge League. Das ist nichts im Vergleich zu den 304 Millionen Euro, welche den Vereinen der 1. und der 2. Bundesliga in Deutschland als letzte Rate aus ihrem TV-Vertrag mit Sky noch zusteht. Aber es ist besser als nichts. Und vor allem: Was sind die Konsequenzen, wenn die Liga die Saison von sich aus beendet und damit gegenüber ihrem Partner vertragsbrüchig wird?

«Sonst könnten wir aufhören»

In Neuenburg lamentierte Jeff Collet, der Besitzer von Xamax, die Liga habe noch kein Konzept, was mit den Spielerverträgen passiere, die am 30. Juni auslaufen würden. Dabei müsste er wissen, dass das nicht Sache der Liga ist, sondern in seiner Verantwortung liegt, ob die Spieler über den eigentlichen Vertragstermin hinaus bei seinem Club die Saison beenden wollen.

Collet kritisiert die Liga auch, weil nicht klar sei, was im Fall der Infizierung eines Spielers passiere. Ein einfacher Anruf bei Claudius Schäfer könnte sich für ihn bereits lohnen. Der CEO der Swiss Football League verweist auf ein Papier auf der Website des Bundesamtes für Gesundheit. Darin steht, dass jemand, der sich angesteckt hat, zehn Tage auf eigene Initiative in eine Quarantäne muss. «Aber das muss nicht eine ganze Mannschaft», sagt Schäfer, «sonst könnten wir aufhören.»