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Philippe Coutinho, mehr als nur Neymars Zwilling

Er stellt Brasiliens Superstar in Russland in den Schatten. Wer ist der Spielmacher aus Rio de Janeiro.

Philippe Coutinho erzielt das 1:0 gegen die Schweiz per Traumtor. Video: SRF

Es war Zuneigung auf den ersten Blick. Und es ist eine Zuneigung, die schon ganz schön lange hält. Mit 15 spielten Neymar und Philippe Coutinho erstmals zusammen in einer Nachwuchsauswahl Brasiliens, beide galten sie als Hochbegabte, der eine bei Santos, der andere bei Vasco da Gama.

Es kursieren Bilder der beiden im Internet, wie sie als Jungs gemeinsam posieren. Beispielsweise von der U-17-WM 2009, an der Brasilien in der Vorrunde gegen den späteren Weltmeister Schweiz 0:1 verlor – übrigens auch mit Goalie Alisson und Mittelfeldspieler Casemiro, zwei weiteren Schlüsselspielern der heutigen Nationalmannschaft.

2009 trug noch Coutinho die heilige 10 Brasiliens und Neymar die 11, heute ist es umgekehrt. Gemeinsam im Club spielten die Jugendfreunde nie, doch ihre Verbindung auf dem Platz ist in all den Jahren und Länderspielen gross geblieben. Das nächste Mal zu beobachten heute Nachmittag, wenn Brasilien im WM-Achtelfinal auf Mexiko trifft.

Hat es Neymar verstanden?

Neymar sucht Coutinho, Coutinho findet Neymar, immer wieder, beinahe zärtlich spielen sie sich den Ball hin und her und her und hin, manchmal nur über zwei, drei Meter, von Neymars Position am linken Flügel zu Coutinho im halblinken Mittelfeld und zurück. Neymar ist die Lichtgestalt in Brasiliens Team, er hat sich nach dreimonatiger Verletzungspause an der WM von Auftritt zu Auftritt gesteigert, zuletzt gegen Serbien unterliess er das furchtbar kapriziöse Getue fast komplett.

Und gestern vermittelte er den Eindruck, verstanden zu haben, um was es an der WM geht. «Team, Freunde, Familie, oder nenne es, wie du willst, alle sind vereint und fokussiert für das eine Ziel», liess Neymar über Twitter mitteilen. Er will sich heute nicht provozieren lassen, bei einer Verwarnung wäre er im Fall eines Sieges im Viertel­final gesperrt. Wie Coutinho.

Coutinhos 2:0 gegen Costa Rica. Video: Tamedia

Es gibt gute Gründe, warum die Brasilianer erstmals seit 16 Jahren Weltmeister werden könnten. Angefangen beim souveränen Alisson über die stabile Innenverteidigung mit Thiago Silva und Miranda und den wertvollen Balleroberer Casemiro bis zu Neymar. Dem Künstler bietet sich nach dem Abgang von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi zudem die Gelegenheit, auf der Bühne der Superstars raumergreifend zu glänzen.

Bisher aber steht Neymar an der WM im Schatten jenes Mitspielers, der lange in seinem Schatten gestanden hat. Während Neymar bald als Wunderkind bezeichnet wurde und mit 18 im Nationalteam debütierte, dauerte die Entwicklung zum Crack bei Coutinho länger. Zwar wechselte er als 18-Jähriger zu ­Inter Mailand, tat sich in der von Taktik ­geprägten Serie A aber schwer.

Erst bei Liverpool blühte er auf

Erst nach seinem Transfer zu Liverpool 2013 blühte der Techniker auf und avancierte zu einem der spektakulärsten Premier-League-Akteure. Und auch an dieser WM gehört Coutinho zu den auffälligsten Figuren. Er schoss gegen die Schweiz ein Traumtor, erzielte gegen Costa Rica in der Nachspielzeit den Führungstreffer und wurde erneut zum besten Spieler gewählt. Gegen Serbien schliesslich leitete er das 1:0 Paulinhos mit einem herrlichen Pass ein.

Seine Leistungen sind derart stilprägend, dass Kaka, einer der Weltmeister 2002, Coutinho als «Taktgeber» der Seleção bezeichnete. Kaka war ja ein ähnlicher Typ, brillant auf dem Rasen, schüchtern abseits des Feldes. Auch er überliess die Schlagzeilen den Superstars Ronaldo, Ronaldinho und Rivaldo.

Die 26-jährigen Neymar und Coutinho, feingliedrig und ballgewandt, sind auf dem Feld Zwillinge im Geist. Wer aber genau hinschaut, erkennt Unterschiede. Coutinhos Einfluss bereits im Aufbau ist enorm, er ist ein harter Arbeiter, verteilt die Bälle geschickt, ist defensiv deutlich stärker. Trainer Tite fasst die Vorzüge zusammen: «Er kann tolle Pässe spielen, ist zweikampfstark und schnell, schiesst auch aus der zweiten Reihe stark. Und er ist deutlich reifer geworden.»

Die Brasilianer im Videoporträt. Video: Tamedia

Vielleicht wird die WM 2018 noch zum Turnier von Neymar. Bisher ist es aus brasilianischer Sicht das Turnier von Coutinho. Dabei wurde er früher regelrecht als «Garçom» beschimpft, als «Kellner» also, so nennt man in Brasilien die Assistgeber, die nie treffen. Vater und Bruder beschrieben dem TV-Sender Globo, wie sich Coutinho als Bub fast geschämt habe, ein Tor zu erzielen. «Er spielte immer noch den letzten und allerletzten Pass», sagte sein Vater.

Philippe Coutinho Correia wuchs nahe Rio de Janeiros auf, mit vier wäre er beinahe in einem Wasserbehälter ertrunken, mit sieben entdeckte ihn der Traditionsclub Vasco da Gama. Er steht Heimatstadt, Familie und Freunden aus der Kindheit weiter nahe – und heiratete seine Jugendliebe. Ohnehin unterscheidet sich Coutinho in Wirken und Wesen eklatant von Glamourboy Neymar. «Ich mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen oder viel zu reden», sagte er vor wenigen Tagen an einer Pressekonferenz.

Enorme Wertsteigerung

Heute wird Coutinho im Mittelpunkt stehen – und viel mit Neymar reden. Die Beiden würden gerne einmal zusammen im gleichen Club spielen. Bei Barcelona verpassten sie sich um ein halbes Jahr. Erst der 222-Millionen-Euro-Transfer Neymars zu Paris im letzten Sommer ermöglichte dem spanischen Meister die Verpflichtung Coutinhos in der Winterpause.

Gemessen an der Ablösesumme-Wertsteigerung ist übrigens Coutinho die weltweite Nummer 1 – und nicht Neymar. Der FC Liverpool erhielt von Barcelona rund 170 Millionen Franken, das sind über 150 Millionen mehr, als der Club einst an Inter überwiesen hatte.

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