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Nebendarsteller im Rampenlicht

Das junge englische Team überzeugt dank Aufsteigern wie Torhüter Jordan Pickford.

Jordan Pickford steht in der heimischen Liga im Schatten der ausländischen Starkeeper. Durch seine Leistungen in Russland erkennt man in England nun auch seine Klasse. Bild: Getty Images/VI Images
Jordan Pickford steht in der heimischen Liga im Schatten der ausländischen Starkeeper. Durch seine Leistungen in Russland erkennt man in England nun auch seine Klasse. Bild: Getty Images/VI Images

Vielleicht war die einzige Niederlage an der WM die wichtigste Partie Englands auf dem Weg in den Final. Klingt abenteuerlich, aber die These ist so gewagt gar nicht. Dank des 0:1 im letzten Gruppenspiel gegen Belgien, als beide Teams fast in B-Besetzung antraten, durften die Engländer in der weitaus einfacheren Tableauhälfte weiterspielen. Kolumbien, Schweden und Kroatien statt Japan, Brasilien und Frankreich auf dem Weg ins Endspiel. «Das ist alles so wunderbar», sagte Harry Kane nach dem 2:0 im Viertelfinal gegen Schweden. «Wir wollen die Leute zu Hause stolz machen.»

Kane ist Captain, Torjäger, ­Gesicht dieses englischen Teams. Aber es gibt auch ­unerwartete ­Figuren, die für den Höhenflug stehen. Figuren, die längst Aufsteiger im Aufsteigerteam sind. Figuren wie Jordan Pickford, Harry Maguire, Kieran Trippier.

Harry Maguire köpft England gegen Schweden in Front. (Video: SRF)

Gibt es sie, die Grenze?

Die meisten Stammspieler Englands – mit Ausnahme von Kane und Dele Alli bei Tottenham – stehen in der Premier League im Schatten der Weltklasseakteure aus dem Ausland. Auch deshalb hatte man England vor dieser WM nicht zugetraut, länger als Brasilien, Deutschland, Argentinien, Spanien in Russland zu bleiben. Man erwartete die Qualifikation für den Achtelfinal, vielleicht für den Viertelfinal (wenn nicht gerade ein Elfmeterschiessen im Achtelfinal warten würde), aber dann, irgendwann, würden die jungen Akteure an ihre Grenzen stossen.

Gegen Brasilien, Deutschland, Argentinien, Spanien. Mittlerweile weiss man nicht, wo Englands Grenzen liegen. Und ob es an dieser WM überhaupt eine Grenze geben wird. Auf einmal ist Jordan Pickford jener Torhüter, der in der Heimat endlich wieder Ehre für seinen Berufsstand einlegt. Der als erster Goalie Englands ein WM-Elfmeterschiessen gewonnen hat, im Achtelfinal gegen Kolumbien. Und der mit 24 Jahren derart souverän auftritt, als würde er seine dritte Weltmeisterschaft bestreiten. Dabei hatte Pickford vor der WM gerade mal drei Testländerspiele absolviert.

Bei Everton galt er als Talent, aber die Spitzenkeeper der Premier League heissen Thibaut Courtois (Chelsea), David de Gea (Manchester United) und Hugo Lloris (Tottenham). Ausländer sind sie alle. Noch nach der Vorrunde wurde Pickford kritisiert, auch in England. Sam Allardyce, letzte Saison Pickfords Clubtrainer, behauptete, Belgiens Tor von Adnan Januzaj hätte ein grösserer Torhüter verhindert.

Von wegen zu klein

Pickford wurde vorgehalten, er sei seltsam gesprungen und habe mit der falschen Hand ­abwehren wollen. Belgiens Torhüter Courtois, 1,99 m gross, sagte wenig kollegial, er hätte Januzajs Schuss gehalten, und der langjährige Arsenal-Coach Arsène Wenger meinte gar, Weltmeisterteams würden immer grosse Torhüter haben. «Pickford hat zudem wenig Erfahrung, das könnte sich rächen.»

Dann parierte Pickford, 1,85 m – nun, ja – klein, gegen Kolumbien den Elfmeter Carlos Baccas sprungstark. Mit der Übergriffshand. Danach sagte er: «Ich bin jung, aber mental stark. Mir ist egal, was die Kritiker sagen. Wichtig ist, den entscheidenden Ball zu halten.»

Pickford hält den Penalty von Carlos Bacca und sichert Engalnd den Einzug in den Viertelfinal. (Video: SRF)

Gegen Schweden brillierte Pickford mit drei Topparaden. Und die Engländer erzielten ­erneut zwei Tore mit dem Kopf, das 1:0 durch Maguire nach einem Eckball. Sie haben nun acht von elf WM-Treffern nach Standardsituation erzielt, aus dem Spiel heraus besitzen sie reichlich Steigerungspotenzial.

EM-Tourist ist nun WM-Held

Aber wen interessiert das? Auch Leicester-Verteidiger Harry ­Maguire bestreitet am Mittwoch einen WM-Halbfinal. Der Hüne (194 Zentimeter, 100 Kilogramm) wird wegen seiner Postur zuweilen belächelt, aber er ist erstaunlich beweglich für seine Masse. 2016 noch weilte Maguire als Fan Englands mit Freunden an der Euro in Frankreich.

Wie Kieran Trippier, der wegen seiner scharfen Eckbälle und Freistösse und seiner Position rechts im Aufbau schon mit David Beckham verglichen wurde, was natürlich total vermessen ist. Beckham war auffälliger und offensiver, spielstärker und torgefährlicher. Andererseits: Stand Beckham im WM-Halbfinal?

Siege gegen Panama, Tunesien, Kolumbien, Schweden und Kroatien würden gar genügen für die erste Finalteilnahme Englands seit dem WM-Titel 1966. Und wenn die Belgier nach Brasilien auch Frankreich aus dem Weg räumen, könnten sich die Engländer im Endspiel auch gleich noch für die Niederlage in der Vorrunde rächen. Mit dem ­A-Team, versteht sich.

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