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Nationalfeiertag während der PandemieFür einmal feiert Frankreich
ohne Pomp

Präsident Macron ehrt nicht nur die Armee, sondern auch Ärzte und Pfleger. Doch die fordern weiterhin bessere Bezahlung.

Für einmal marschiert die Armee am Nationalfeiertag zusammen mit dem Spitalpersonal.
Für einmal marschiert die Armee am Nationalfeiertag zusammen mit dem Spitalpersonal.
Foto: Christophe Ena (Keystone) 

Zwischen den Soldatinnen und Soldaten in Tarnuniform fallen sie ganz besonders auf: eine Frau mit Turnschuhen und Tätowierungen, ein lächelnder älterer Herr, eine junge Frau mit rotgefärbter Frisur. Es sind ungewohnte Bilder für eine Militärparade – bei den traditionellen Feierlichkeiten am französischen Nationalfeiertag wurde in diesem Jahr nicht nur die Armee geehrt, sondern auch Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal, die in ihren weissen Kitteln den Dank des Präsidenten entgegennahmen.

Dieser entmilitarisierte Truppenaufmarsch war gleichzeitig die Folge der präsidialen Kriegsrhetorik. Als Emmanuel Macron Mitte März eine strenge Ausgangssperre anordnete, erklärte er den Franzosen, das Land befinde sich «im Krieg». Somit wurde jeder zum Kämpfenden erklärt und «an vorderster Front», so Macron, das Personal der Spitäler und Altersheime.

Wie für einen Nationalfeiertag üblich, standen Stolz und Triumph im Vordergrund. Im Vorfeld der Parade sagte Macron, «die gesamte Nation» habe «ihr Schicksal in die Hand genommen» und sich «im Angesicht der Gefahr erhoben und ihren Kampfgeist gezeigt». Gleichzeitig wurde deutlich, um was für einen zähen Gegner es sich bei einem Virus handelt. Statt wie gewohnt auf den Champs-Élysées, fand die militärische Leistungsschau auf der Place de la Concorde statt. Dort fehlten die jubelnden Schaulustigen, die normalerweise zusammenkommen, um sich anzuschauen, wie die Flugzeugstaffeln über die Stadt donnern. Bescheiden und still wie 2020 war der 14. Juli selten.

Ohne Pomp, dafür mit Gesichtsmaske: Der französische Präsident Emmanuel Macron und Bundesrat Alain Berset in Paris.
Ohne Pomp, dafür mit Gesichtsmaske: Der französische Präsident Emmanuel Macron und Bundesrat Alain Berset in Paris.
Quelle: Twitter/Alain Berset

Unter den Gästen war auch der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset. Er war neben Amtskollegen aus Deutschland, Luxemburg und Österreich von Macron eingeladen worden. Dieser bedankte sich damit bei der Schweiz für die Aufnahme von 52 französischen Covid-19-Patienten in Schweizer Spitälern. Berset unterhielt sich an der Feier im Regen mit Macron. Beide Regierungsvertreter trugen dabei eine Gesichtsmaske. An der Feier marschierte auch ein Detachement der Schweizer Armee auf.

Pflegepersonal fordert mehr Lohn

Während in Frankreich und auf der ganzen Welt die Militärparade mit der Ehrung des Spitalpersonals im Fernsehen übertragen wurde, wird um die Frage, wie Ärzte und Pfleger gerecht entlohnt werden sollen, weiterhin gestritten. Zeitgleich zu den Feierlichkeiten demonstrierten im Pariser Osten Gewerkschaften des Spitalpersonals für höhere Löhne und höhere Prämien. Am Montag hatten der Premierminister und drei der wichtigsten Gewerkschaften einen Plan für das Gesundheitswesen unterzeichnet, der Ausgaben von 8,1 Milliarden Euro vorsieht. Premierminister Jean Castex sprach von einem «historischen Moment».

Gesundheitsminister Olivier Véran rechnete vor, dass das Gehalt des Pflegepersonals «um 225 Euro netto pro Monat» ansteigen werde. Doch weder der Vereinigung junger Ärzte noch dem Spitalverband noch der linken Gewerkschaft CGT erscheinen diese Ausgaben ausreichend. Frankreich steht unter anderem vor dem Problem, dass Arbeits- und Ausbildungsplätze in den Spitälern nicht mehr besetzt werden können.

Schon Monate vor Ausbruch des Coronavirus hatten Ärzte und Pfleger einen landesweiten Streik begonnen, um auf ihre hohe Arbeitsbelastung aufmerksam zu machen. Diejenigen Gewerkschaften, die sich mit dem neuen Milliardenplan für Spitäler und Pflegeheime nicht zufriedengeben wollen, haben für September eine Grossdemonstration angekündigt.

Für die Spitäler bringt der Sommer keine Entlastung

Auch wenn der 14. Juli in Frankreich traditionell den Beginn der vierwöchigen Sommerpause markiert, während derer das öffentliche Leben sich aufs Land und ans Meer verlagert, zeichnet sich ab, dass die heissen Monate für die Spitäler nicht zwingend eine Entlastung bringen. Seit Anfang Juli melden die Kliniken in Paris wieder eine Zunahme der Covid-19-Patienten. Zudem kann das Coronavirus seit zwei Wochen wieder im Abwasser der Stadt nachgewiesen werden. Nach Ende der Ausgangssperre und den Juni über war dies nicht mehr der Fall gewesen. Aktuell beobachtet das französische Gesundheitsministerium 68 Corona-Cluster, von denen nicht alle als kontrolliert gelten.

Im Anschluss an die Militärparade empfing Präsident Macron im Élysée-Palast zwei Journalisten für ein Live-Interview. In den ersten drei Jahren seiner Amtszeit hatte Macron auf die Tradition verzichtet, sich am 14. Juli vor laufenden Kameras befragen zu lassen. Doch seit Beginn der Corona-Pandemie hat der 42-Jährige die Frequenz seiner öffentlichen Erklärungen und Ansprachen deutlich erhöht. Nun also auch noch ein Interview.

Frankreich solle weniger «an sich selbst zweifeln», begann Macron das Gespräch, das er zunächst betont defensiv führte. Er habe «ohne Zweifel Fehler gemacht». Allerdings analysierte Macron dann weniger Fehler
in der Sache denn in der Form. Er habe seine Politik nicht gut genug erklärt und «nicht schnell genug» positive Ergebnisse seiner Reformen präsentieren können.

Macron will Maskenpflicht in öffentlichen Räumen

Mit konkreten Ankündigungen hielt sich der Präsident zwar zurück, doch er versprach eine neue Massnahme zur Eindämmung des Coronavirus: Das Tragen von Atemmasken solle in geschlossenen öffentlichen Räumen verpflichtend werden. Zu den Protesten gegen seinen frisch ernannten Innenminister Gérald Darmanin befragt, sagte Macron, er halte an der Unschuldsvermutung fest. Gegen Darmanin laufen Ermittlungen wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs.