Zum Hauptinhalt springen

Doris Dörrie übers Kochen«Fühlt sich an wie ein samtenes Pferdemaul»

In ihrem Buch «Die Welt auf dem Teller» teilt die deutsche Regisseurin Doris Dörrie ihre Gedanken übers Essen und Trinken. Ein doppelter Genuss.

Denken Sie an Pferde, wenn Sie Himbeeren sehen?
Denken Sie an Pferde, wenn Sie Himbeeren sehen?
Bild: TA-Archiv

Reflexartig denkt man: Jetzt muss auch noch Doris Dörrie übers Kochen schreiben. Doch dann beginnt man in der gerade erst erschienenen Aufsatzsammlung «Die Welt auf dem Teller» zu lesenund merkt, dass die deutsche Autorin und Regisseurin («Happy Birthday, Türke!») über Kulinarik erstens Bescheid weiss. Und zweitens den einen oder anderen Gedanken zur Thematik beizutragen hat, der eine Beschäftigung damit durchaus rechtfertigt. Dürfen wir Ihnen einige schöne Sätze auftischen?

«Der beste Ort, um Veränderung zu üben und zu studieren, ist die Küche.»

Kocht auf Knopfdruck fast selber, so ein Thermomix. Doch ist das sinnvoll?
Kocht auf Knopfdruck fast selber, so ein Thermomix. Doch ist das sinnvoll?
Foto: Sabina Bobst

Dörrie ist entschieden dagegen, wenn wir die Kocherei dem Thermomix und anderen oberschlauen Küchenhelfern überlassen. Ihr Hauptargument: dass wir dann nicht mehr verstehen, was bei der Zubereitung von Speisen vor sich geht. Schliesslich sei die Küche der beste Ort überhaupt, um Metamorphosen zu studieren – und wenn wir diese Verwandlungen einer «künstlichen Intelligenz» übergeben, sei dies nichts weniger als ein «radikaler Kulturverlust».

«Mit einer Himbeere über die Wange zu streichen, fühlt sich an wie ein samtenes Pferdemaul.»

Sinnliche Erlebnisse gibt es in der Küche, nicht mit «den Fingern auf der Tastatur».
Sinnliche Erlebnisse gibt es in der Küche, nicht mit «den Fingern auf der Tastatur».
Foto: Fotolia

Welch wunderbare Beobachtung! Doris Dörrie hat schon recht: Kochen kann im besten Falle bewusstseinserweiternd sein. Auch im Kapitel «Handarbeit» kommt sie darauf zu sprechen, wie wichtig das Manuelle in der Küche ist. Dort seien sinnliche Erfahrungen zu machen, die mit «den Fingern auf der Tastatur» eben nicht möglich sind.

Es bestürze sie, dass viele Menschen nicht mehr «schnippeln, kneten, rühren, ausrollen, raspeln, wenden, zupfen, reiben, passieren» würden. Denn mit etwas Glück komme man dabei, das klingt vielleicht ein wenig esoterisch, «im eigenen Leben an». Und bei sich selbst zu sein eventuell zusammen mit einer Karotte –, sei halt schon «ein ziemlicher Trip».

«Die Vorfreude ist das Schönste an der Paella.»

Typische Paella – ist sie Tradition oder Touristenfalle?
Typische Paella – ist sie Tradition oder Touristenfalle?
Foto: TA-Archiv

Doris Dörrie mag sie nicht: die «Paella mixta», wie sie in Valencia oft serviert wird. Nicht umsonst werde, argumentiert sie, dieses Gericht aus halbgarem Reis, müffelnden Scampi, Kaninchenknochen und verdächtigen fMiesmuscheln von den Einheimischen «Touristenpaella» genannt. Trotzdem könne unsereins,
so
die Autorin weiter, von den Spaniern lernen: Wie auf der Iberischen Halbinsel Grossfamilien am Wochenende «stundenlang zusammensitzen und essen und quatschen und lachen und streiten», das sei durchaus nachahmenswert.

«Manche schwören auf Kartoffelmehl, andere auf Matzebrösel oder auf das Stärkewasser der ausgepressten geraspelten Kartoffeln.»

Wussten Sie, dass Rösti auch in einer jüdischen Machart existiert?
Wussten Sie, dass Rösti auch in einer jüdischen Machart existiert?
Foto: Colourbox

Es gibt nichts, was es nicht gibt. In einem ihrer rund 50 Aufsätze sinniert Doris Dörrie über die Erscheinungsformen von Rösti in unterschiedlichen Kulturen: Hash Browns in den USA, Kartoffelpuffer in Deutschland, Reiberdatschi im Freistaat Bayern. Im jüdischen Brauchtum geläufig sind Latkes, die zu Chanuka aus rohen Kartoffeln, Zwiebeln, Ei und Matzemehl zubereitet werden – natürlich kann das Rezept variieren.

Die Frage sei halt, ob besagte Latkes den fürs Purimfest gebackenen Hamantaschen – aus Hefeteig und mit Pflaumen gefülltvorzuziehen sind. Offenbar diskutieren darüber seit 1946 jedes Jahr mit viel Humor diverse jüdische Gelehrte, darunter Nobelpreisträger wie Milton Friedman, an der Universität von Chicago. Die nicht ganz ernst gemeinten Referate tragen Titel wie «Wie der Latke unseren Planeten, unsere Gesellschaft und unser Hirn zerstört und wie Hamantaschen uns retten können».

«Es ist höchste Zeit, den Tofu zu rehabilitieren.»

Tofu: Doris Dörrie hat dafür einen ganz eigenen Verwendungszweck.

Foto: Sabina Bobst
Tofu: Doris Dörrie hat dafür einen ganz eigenen Verwendungszweck.

Foto: Sabina Bobst

Dörrie ist der Auffassung, dass wir weniger Fleisch essen sollten. Allerdings weiss auch sie, wie schwer es sein kann, echte Karnivoren für Tofu zu begeistern. Deshalb schlägt sie folgendes, nicht ganz ernst gemeintes Rezept vor, mit dem Gegner des Bohnenquarks vielleicht zu bekehren wären: «Im Mixer ein halbes Päckchen Seidentofu und eine halbe Avocado vermischen. Aufs Gesicht schmieren. Nach zwanzig Minuten abwaschen. Staunen. Eine Haut wie ein Babypopo. Macht selbst toughe Tofu-Hasser weich.» (Lesen Sie hier unser Pro & Kontra zum Thema Tofu.)

«Ein Ei ist ein Wunder.»

Hier zeigt sich – ein Ei. Aber auch der Charakter eines Menschen.
Hier zeigt sich – ein Ei. Aber auch der Charakter eines Menschen.
Foto: TA-Archiv

Für Doris Dörrie gibt es kein perfekteres Lebensmittel als das Ei. Nicht nur Verpackung und Inhalt seien hier unschlagbar – sondern auch der Charaktertest, der damit frei Haus mitgeliefert werde. Mit einem Ei könne man nämlich eine neue Liebe einschätzen: Ob jemand sein Frühstücksei fest gekocht oder weich möge, zeige viel über das Wesen eines Menschen. Ob man es brachial köpfe oder zart klopfe, sei absolut entlarvend. Kommt noch hinzu, ob man sein Rührei mit Milch, mit Sprudelwasser oder Rahm zubereite.