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Zwei Jahrhunderte Chemiegeschichte im Ortsmuseum

Das Dorfmuseum zeigt im Jubiläumsjahr der Chemiefabrik Uetikon anschaulich, wie sich das Unternehmen von einer kleinen Schwefelsäurefabrik zu einem wichtigen Düngerproduzenten entwickelt hat.

Armin Pfenninger mit einer der mundgeblasenen Glasflaschen, in denen die Chemische Fabrik Uetikon einst Schwefelsäure auslieferte.
Armin Pfenninger mit einer der mundgeblasenen Glasflaschen, in denen die Chemische Fabrik Uetikon einst Schwefelsäure auslieferte.
Tobias Humm

Die Produktion von Schwefelsäure stand vor 200 Jahren am Anfang der Geschichte der Chemischen Fabrik Uetikon. Mit der Zeit sind zahlreiche Produkte dazugekommen. Alles steht aber in einem Zusammenhang mit den Ursprungsprodukten, weil bei vielen Prozessen Stoffe anfielen, die oft zu wertvollen Folgeprodukten weiterverarbeitet werden konnten. So kam im Laufe von 200 Jahren eine ganze Palette von Düngern und Silikatprodukten auf den Markt.

Aber was hiess das vor 200 Jahren, wenn man am Zürichsee aus Schwefel Schwefelsäure herstellen wollte? Und wer brauchte Schwefelsäure? Armin Pfenninger, der selber 36 Jahre lang in der Chemiefabrik Uetikon als Chemiker gearbeitet hatte, hat im Dorfmuseum Uetikon eine anschauliche Ausstellung zusammengestellt, in der er verschiedene Aspekte des Betriebs zum Teil mit Dokumenten, zum Teil auch mit Objekten illustriert hat.

Schwefelsäure wurde damals vor allem in der aufkommenden Textilindustrie zum Bleichen eingesetzt. Doch 1817 gab es weder Telefone noch Eisenbahnen, nicht einmal eine fahrbare Strasse führte über den Gotthardpass. Schwefel wurde in Sizilien am Fusse des Ätna abgebaut und von dort mit Eseln, Karren und Segelschiffen nach Genua oder Marseille transportiert.

Im Keller verarbeitet

Danach ging die durch den langen Transport immer teurer werdende Fracht weiter entweder auf dem Wasserweg über die Rhone Richtung Schweiz, oder sie wurde via Gotthard verfrachtet und musste auf dem Rücken von Maultieren die Schöllenenschlucht passieren. Zuletzt wurde der Schwefel direkt am See in einem Keller des Hauses in Uetikon, wo die Familie Schnorf wohnte, verarbeitet.

Armin Pfenninger zeigt in der Ausstellung nicht nur die Produkte, die hergestellt wurden, die Schau zeigt auch, welche Bedeutung die Familie Schnorf mit ihrem zunehmenden wirtschaftlichen Gewicht in der Gemeinde einnahm. Ein öffentliches Wohlfahrtswesen gab es nicht, eineSekundarschule auch nicht, und auch die Universität Zürich harrte noch ihrer Gründung.

In zerbrechlichen Gefässen

Die Chemiker am See behalfen sich mit Fachliteratur und bildeten sich selber aus. Learning by Doing nennt man das heute. Sie hantierten mit nicht ungefähr­lichen Stoffen, die in zerbrech­lichen Gebinden an die Endverbraucher geliefert wurden.

Eine der 50 Liter fassenden mundgeblasenen Flaschen ist ausgestellt. Sie erinnert an eine grosse Mostflasche, jedoch ist darin bis vor 30 Jahren Schwefelsäure ausgeliefert worden. Hin und wieder zerbrach so eine Flasche beim Transport. Das sei unerfreulich gewesen, jedoch nicht weiter tragisch, «solange sich niemand dabei verletzte», erzählt Pfenninger. «Die Säure floss auf die Bahngeleise und wurde vom Kalkschotter unter den Geleisen neutralisiert.» Über solche Vorkommnisse machte man sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kaum Gedanken. Der Begriff Umweltschutz entstand erst in den Achtzigerjahren.

Bis in die letzten Jahre hat sich die Chemiefabrik Uetikon ständig gewandelt und neben der Produktion auch eine gesellschaftlich nicht unbedeutende Rolle gespielt. Armin Pfenninger hat für die Ausstellung die Bereiche Soziales und Bildung besonders herausgearbeitet. Dieser Teil zeigt ein Bild der Familien Schnorf, die zwar über acht Generationen als Patrons nach alter Schule den Betrieb führten, für ihre Angestellten, die zeitweise zehn Prozent der lokalen Bevölkerung ausmachten, durchaus auch ein Herz hatten und sich für die Bildung der Jugend einsetzten. Und dies zum Teil mit beträchtlichem finanziellem Engagement.

Mit einer Träne

Wenn jetzt die Fabrik das 200-Jahr-Jubiläum feiern kann, tut sie das auch mit einem weinenden Auge, da es gleichzeitig das Schliessungsjahr sein wird. Nach 200 Jahren schliesst der Betrieb am See seine Tore und macht Platz für eine Mittelschule. Die Familie Schnorf wird sich weiterhin in dem Bereich betätigen, welcher der Familie Glück und über Generationen ein gutes Einkommen beschert hatte.

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