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Zug fahren bis zur Qual

Während die S4 am Samstagnachmittag um den Säntis fuhr, stiegen nach und nach Performance-Künstler ein. Sie mischten sich unter die Passagiere, die so Teil einer Kunstaktion wurden.

Halt in Ziegelbrücke: Die beiden Künstlerinnen Ariane Koch (links) und Sarina Scheidegger führen im Ringzug S4 der Schweizerischen Südostbahn (SOB) eine Kunstperformance auf.
Halt in Ziegelbrücke: Die beiden Künstlerinnen Ariane Koch (links) und Sarina Scheidegger führen im Ringzug S4 der Schweizerischen Südostbahn (SOB) eine Kunstperformance auf.
Moritz Hager

«Ich verweigere die Wieder­ho­lung», ruft eine Frau am Samstagnachmittag durch das Zug­abteil der Ringbahn S4 der Südostbahn. In Uznach ist sie in den Zug eingestiegen. Dann setzt sie sich in ein Viererabteil und verharrt ­regungslos. Ein Mann ergreift das Wort und fragt in den Raum: «Wieso ist Wiederholung immer eine Vorwärtsbewegung?» Eine Antwort bekommt er nicht, dafür schauen die Zugpassagiere ihn gespannt an. Andere wirken verdutzt. Viele von ihnen sind in Uznach zugestiegen und befinden sich nun plötzlich mitten in der Performance «Ein See ist ein Fluss ist ein See» der jungen Künstlerinnen Ariane Koch und Sarina Scheidegger. Die beiden haben fünf Monologe geschrieben, die mehrere Schauspieler wirr durcheinander gemischt vortragen.

«Für ein Gedankenspiel rund um das Thema Wiederholung war der Ringzug ideal. Er fährt ja endlos im Kreis.»

Sarina Scheidegger, Künstlerin

Bei der Abfahrt in St. Gallen ist die erste Sprecherin eingestiegen, bei Brunnadern-Neckertal ist der Mann dazu gekommen und in Uznach eine zweite Frau. Während der Weiterfahrt über Sargans zurück nach St. Gallen werden noch zwei weitere Personen zu den Darstellern im Zug stossen. «Ein See ist ein Fluss ist ein See» ist eine von mehreren Aktionen in fahrenden Zügen im April. Sie finden als Rahmenprogramm des Tags der offenen Ateliers am 6. und 7. Mai statt. Künstlerinnen und Künstler aus der Region werden dann Interessierte in ihre Ateliers schauen lassen.

Kotztüten sind unter dem Sitz

Die Zugstrecke ab Uznach gehört zu einem der Höhepunkte der dreistündigen Performance. Ei­ner­­seits, weil jene Passagiere, die schon ab St. Gallen mit dabei sind, nach der gut einstündigen Fahrt noch frisch und aufmerksam sind. Zwei Stunden haben sie noch vor sich, und das wird sie ziemlich ermüden und quälen.

Und andererseits ist dieser ­Abschnitt der Höhepunkt, weil die Mehrzahl der Performenden sich bereits im Zug befindet. Die Passagiere sind gespannt, wie deren Monologe sich entwickeln werden. Bekommen die zusammenhanglosen Sätze einen Sinn? ­Wie­so ruft eine der Schauspielerinnen im­mer wieder: «Die Kotztüten fin­den Sie unter Ihrem Sitz»? Und wieso sagt die andere Schauspielerin regelmässig: «Ich habe genug davon, Dinge zu verpassen. Was ist die nächste Haltestelle? Was ist der nächste Anschluss?»

Als die Landschaften des Walen­sees draussen vor dem Zugfenster vorbeiziehen, haben sich einem die Sätze längst eingeprägt. Auch wird langsam klar, dass aus ihnen wohl kein Dialog entstehen wird. Zugpassagiere steigen ein und aus, alles wird repetitiv und ermattet einen.

Doch gerade auch um dieses Element der Wiederholung geht es den beiden Künstlerinnen Ariane Koch und Sarina Scheidegger. Sie fragen: Was bedeutet es, wenn der Anfang auch das Ende ist, und wie wäre es, wenn die Zeit in einer Schlaufe verlaufen würde? Ist Wiederholung langweilig oder spannend, und gibt es die Wiederholung überhaupt? Bewegen wir uns stets in Fliessrichtung? Als einer der Schauspieler durch den Zug ruft: «Alles wiederholt sich», steht ein Passagier auf und sagt: «Nein, bei mir nicht.»

Ein Energieschub zum Schluss

«Für dieses Gedankenspiel rund um das Thema Wieder­holung war der Ringzug ideal. Er fährt ja endlos im Kreis. Dem haben wir eine narrative Form gege­ben», sagt Sarina Scheidegger zurück auf dem Bahngleis in St. Gallen. Die Passagiere, die bis zum Ende geblieben sind, sind bereits verschwunden. An­spruchs­voll und spannend sei es gewesen, fanden viele von ihnen. Sie haben mindestens so erschöpft ausgesehen wie die fünf Schauspieler. «Gerade aus diesem Grund war die letzte halbe Stunde vor der Endstation in St. Gallen mein Lieblingsstück», sagt Ariane Koch. Alle seien ausgelaugt gewesen, aber weil der Zug sich mit so vielen neuen Passagieren gefüllt hat, habe sich eine ganz neue Dyna­mik ergeben. «Das hat zum Schluss grosse Energie freigesetzt und gehört zur Dramaturgie der Strecke.»

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