Verkehr

Zu Fuss unterwegs, damit die anderen fahren können

Viele wissen nicht, dass es sie gibt: die Streckenwärter der SBB. In orangen Warnkleidungen laufen sie jeden Kilometer des Schweizer Schienennetzes ab. Ihre Aufgabe ist es, Mängel zu erkennen und zu dokumentieren. Die «Zürichsee-Zeitung» hat einen von ihnen bei der Arbeit begleitet.

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Mit bedächtigen Schritten und gesenktem Kopf läuft Bernhard Mächler auf den Gleisen vor dem Bahnhof Rapperswil. Der Regen prasselt unaufhörlich auf den Helm und die neonfarbene Warnkleidung ein. Den Kragen seiner Jacke hat er gegen den beissenden Wind hochgeschlagen. Gleisschotter knirscht unter seinen Schuhen.

Es ist etwas nach 6 Uhr in der Früh, und obwohl es Spätsommer ist, droht das Thermometer an diesem Morgen ins Einstellige zu fallen. Wie ein oranger Monolith ragt der Mann zwischen den noch menschenleeren Perrons hervor. Bernhard Mächler ist Streckenwärter.

Abnützung im Auge behalten

Der gelernte Gleisbauer kontrolliert heute die knapp 15 Kilometer lange Strecke zwischen Rapperswil-Jona und Uznach. Die Hände vergräbt er in den Hosentaschen. Seine Miene ist trotz des Dauerregens heiter. Man merkt, Mächler ist Streckenwärter aus Leidenschaft. Während er Schwelle für Schwelle Richtung Uznach geht, erzählt er von seinem Beruf.

Seit bald 30 Jahren läuft Mächler die ihm zugeteilten Bahnstrecken ab. Stets auf der Suche nach lockeren Schrauben, beschädigten Weichenteilen oder Rissen in den Schienen. Diese Headchecks, wie die feinen Risse im Fachjargon heissen, sind die häufigsten Abnutzungserscheinungen an den Schienen. «Man muss sie gut im Auge behalten, werden sie grösser, müssen wir das Gleis auswechseln», erklärt Mächler. Immer wieder bleibt der Streckenwärter stehen, bückt sich, streicht mit der Hand über die Schiene, kontrolliert eine Schraube oder klopft mit dem Schuh ans Gleis. Nichts – es geht weiter.

Der Blick auf ein Zwergsignal zeigt, dass ein Zug naht. «Jetzt kommt die S6 aus Glarus», sagt Mächler. Er kennt den Fahrplan, weiss, wann welcher Zug fährt. Mächler verlässt das Gleis und wartet geduldig zwei Meter neben den Schienen. Wenig später rast ein Zug mit gut 100 Stundenkilometern an ihm vorbei. Mächler muss seinen Helm festhalten, damit der Fahrtwind diesen nicht mitreisst. Sonst verzieht er keine Miene. Nach wenigen Augenblicken steht Mächler wieder mitten auf den Gleisen.

12 Kilometer am Tag

Der Weg zwischen den Schienen ist steinig und schwer begehbar. Gutes Schuhwerk ist Pflicht. Der Abstand zwischen den Schwellen gibt den Rhythmus an. 60 Zentimeter. Die gemächliche Schrittweise sei notwendig, meint Mächler. «Wer zu schnell läuft, übersieht Abweichungen.» Er kennt Meter für Meter der Strecke. Wenn sich etwas verändert haben sollte, fällt ihm das auf. Dann zückt er sein elektronisches Tablet, um den Mangel zu fotografieren und zu dokumentieren. In der Zentrale kann dann entschieden werden, ob und wann dieser behoben werden soll. Bei akuten Fällen kann der Streckenwärter das Gleis auch sofort sperren lassen.

Täglich läuft Mächler bis zu zwölf Kilometer – und dies bei Sonne, Regen oder Schnee. «Einsam fühle ich mich nie», sagt er: «Ich treffe unterwegs oft Leute. Im Sommer hat es viele Wanderer am Obersee.» Dazu denke er viel nach, wenn er unterwegs sei. ­Allzu fest ablenken lassen darf er sich jedoch nicht. Konzentration sei bei diesem Beruf sehr wichtig – sogar lebensnotwendig. «Aber wirklich gefährlich ist dieser Job nicht. Man muss sich einfach auf seine Augen und Ohren und auf die Technologie verlassen können. Zudem muss man die Si­cherheitsreglemente beachten.» Angst, dass ihm ein Zug in den Rücken fährt, muss Mächler also keine haben. Denn jeweils vor Arbeitsbeginn klärt er tele­fonisch ab, ob neben dem fahr­planmässigen Verkehr auch Sonder- oder Güterzüge geplant ­seien.

Abfall nimmt zu

«Man muss schon Freude an der Natur haben, sonst kann man diesen Beruf nicht ausüben. Ich schätze es, bei dieser Arbeit alleine zu sein. Wir arbeiten nicht unter Zeitdruck. Von uns wird nur verlangt, dass wir die Gleise gewissenhaft kontrollieren», sagt Mächler und bückt sich erneut über die Schienen. Mit Kreide ist hier etwas markiert. Anfänge eines Headchecks – nur für den Profi sichtbar –, die aber bereits gemeldet sind. Die Kontrolle von Fahrleitungen und Verschweissungen gehört ebenso zu seiner Arbeit wie das Melden von störenden Objekten – beispielsweise toten Tieren. «Tote Rehe und Füchse sind häufig.» Zu seinen zahlreichen Funden gehörten auch schon Portemonnaies, Fahrräder, Mikrowellen und sogar eine Badewanne. «Leider entsorgen viele Leute ihren Abfall bei den Gleisen. In den letzten Jahren hat die Verschmutzung zugenommen», sagt Mächler.

Kurz vor Ende der Strecke rast ein Voralpen-Express an ihm vorbei – der Helm bleibt diesmal nur knapp auf seinem Kopf. Auch der Regen lässt nicht nach. «Über die Jahre bin ich relativ wetterfest geworden. Aber jetzt dürfte es dann schon einmal aufhören.» Hindernd sei Regen jedoch nicht. Dagegen sei Schnee gefährlicher, denn dann seien die Züge weniger gut hörbar. Um 14 Uhr erreicht er die Station in Uznach. Diesmal gab es nicht viel zu beanstanden. In zwei Wochen wird Mächler die Strecke zwischen Rapperswil-Jona und Uznach wieder abschreiten. Trotz Diagnosefahrzeugen und anderen modernen Technologien ist sich der 53-Jährige sicher: «Auch in Zukunft werden Maschinen unsere Arbeit nicht ganzheitlich übernehmen können.» Man wird Bernhard Mächler also auch in Zukunft noch die Gleise rund um den Zürichsee und dem Linthgebiet abmarschieren sehen.

Erstellt: 23.08.2016, 16:19 Uhr

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