Wochengespräch

«Wir sind bloss Ermöglicher»

«Die Bergregionen sind dringend auf unsere Unterstützung angewiesen.» Das sagt Regula Straub, Geschäftsleiterin der Schweizer Berghilfe, die von Adliswil aus dafür kämpft, dass die Berggebiete überleben.

Seit sieben Jahren setzt sich Regula Straub dafür ein, dass die Berggemeinden erhalten bleiben.

Seit sieben Jahren setzt sich Regula Straub dafür ein, dass die Berggemeinden erhalten bleiben. Bild: Moritz Hager

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Die Schweizer Berghilfe wirdin diesem Jahr 75 Jahre alt. Ein Grund zum Feiern?
Regula Straub: Unbedingt. Im Jubi­läums­jahr unternehmen wir grosse Anstrengungen, um die Bergler und die Flachländer zusammenzubringen. Durch verschiedene Anlässe versuchen wir, den gegenseitigen Austausch zu fördern. So waren wir an zahlreichen städtischen Food-Festivals mit einer eigenen Hütte vertreten.

Die Berghilfe wurde zu Kriegszeiten gegründet. Was hat sich seither verändert?
Anfangs war die Berghilfe als Unterstützung für arme Bergbauern gedacht. Als der Krieg begann und die meisten Männer eingezogen wurden, verfielen viele Bau­ern­familien in die Armut. Mehrere Hilfswerke haben sich damals zusammengeschlossen, um diese Armut zu bekämpfen. Vor 13 Jahren wurde die Hilfe dann auf ­andere Bereiche wie den natur­nahen Tourismus ausgeweitet. Statt Armutsbekämpfung steht heute eher die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung im Zentrum. Ziel ist es, eine Chancengleichheit zu den städtischen Regionen herzustellen.

«Viele Junge sind verwurzelt in ihrer Heimat und verlassen die Bergregionen nur ungern.»

Weshalb sind gerade die Bergregionen auf Hilfsgelder angewiesen?
Die Berggebiete sind gegenüber dem Flachland stark benachteiligt. Güter sind oft teurer, die Transportkosten sind hoch. Gerade in der Landwirtschaft ist die Produktion um einiges beschwerlicher. Das steile Gelände macht den Einsatz von Maschinen oft unmöglich. Durch die frühen Winter sind die Produktionszeiten kürzer als im Flachland.

Eines der grössten Probleme der Bergdörfer stellt die Abwanderung der Jugend in die Städte dar. Wie kann die Berghilfe hier Hand bieten?
Unser Ziel ist es, Perspektiven aufzuzeigen. Viele Junge sind verwurzelt in ihrer Heimat und verlassen die Bergregionen nur ungern. Wir versuchen, Arbeits- und Ausbildungsplätze zu schaffen. Das Ziel ist, dass Betriebe weiter bestehen oder sogar expandieren können. Wir unterstützen zum Beispiel junge Unternehmer beim Auf- oder Umbau eines Betriebs. Ein kleiner Bäckereibetrieb im Entlebuch konnte so von 2 auf 15 Mitarbeiter ausgeweitet werden.

Durch die Abwanderung kommt es zur Schliessung von Schulen, darauf folgt die Post, das Lädeli, die Dorfbeiz. Wie kann dieser Zerfall aufgehalten werden?
Hier sind innovative Ideen gefragt. Oben genannte Bäckerei integrierte sowohl die Post als auch das Dorflädeli in ihren Verkaufsladen. Durch die Unterstützung der Schweizer Berghilfe können Betriebe modernisiert und für Nachfolger attraktiv gemacht werden. Denn an vielen Betriebsschliessungen ist die vergebliche Suche nach einem Nachfolger schuld.

Der Tourismus bildet eine der wichtigsten Einnahmequellen der Berggebiete. Aufgrund rückläufiger Logiernächte und billiger Angebote stehen die Berg­regionen aber unter Druck. Wie können die Schweizer Berge für Touristen attraktiver gemacht werden?
Das Wichtigste ist, eine Nische zu finden. Ein Hotel in Graubünden schaffte dies durch eine hundetaugliche Einrichtung. Die Nachfrage nach einem Hundehotel war offenbar gross, denn der Betrieb läuft jetzt prima.

«Ich bin absolut überzeugt davon, dass die Bergbewohner sich selbst retten können.»

Es gibt aber auch positive Trends im Tourismus. Durch soziale ­Medien gewinnen die Schweizer Berge wieder vermehrt an Popularität, einzelne Orte werden innert kürzester Zeit zu Tourismus-Hotspots. Profitiert die Bergwelt von dieser Art Tourismus?
Ich sehe den Trend als rundum positiv. Durch die sozialen Medien kann der Bekanntheitsgrad kleinerer Orte oder Unterkünfte enorm gesteigert werden. Die ­sozialen Medien erlauben es auch kleinen Betrieben, ihre Zielgruppe direkt anzusprechen.

Wird die Präsenz auf sozialen Medien aktiv gefördert?
So direkt nicht, denn wir betreiben kein Marketing für die Gesuchsteller. Wir unterstützen die Projektverantwortlichen aber dabei, Webseiten oder Webshops aufzubauen. Ein Bauer kann durch unsere Hilfe so nun seine Produkte online verkaufen. Auch beim Aufbau von Online-Buchungssystemen für Hotels bieten wir Hand.

Neben der Entwicklungshilfe leistet die Berghilfe auch Nothilfe, so etwa nach dem Bergsturz von Bondo. Wie sieht diese Hilfe aus?
Bei der Nothilfe handelt es sich um kleine Geldbeiträge, die die Grundversorgung der Betroffenen sicherstellen sollen. Beim Erdrutsch wurden unsere Gelder ­etwa für Nahrung oder Kleidung eingesetzt. In diesem Sommer organisierten wir Trinkwassertransporte für die Alpenregionen, da die Quellen aufgrund der Trockenheit ausgedörrt waren.

Der Hauptsitz der Berghilfe ­befindet sich in Adliswil. Ist das nicht ein bisschen weit wegvon den Bedürftigen?
Dafür sind wir nahe an den Spendern dran. Es ist nicht immer einfach, genügend Spendengelder zu erhalten. Wir müssen viel investieren, um als Hilfswerk sichtbar zu sein. Der beste Weg ist es meist, die Projekte für sich sprechen zu lassen. So gibt es etwa die Möglichkeit, die Projekte zu besuchen und sich von deren Qualität überzeugen zu lassen. Im Übrigen ist es ja nicht so, dass wir nur in Adliswil tätig sind. Unsere ehrenamtlichen Experten, die eng mit den Gesuchstellern zusammenarbeiten und diese betreuen, sind in der ganzen Schweiz vertreten.

Kommen durch die Spenden ­genügend Mittel zusammen, um die Bergregionen zu retten?
Die jährlich rund 25 Millionen an Spendengeldern helfen nur punktuell und setzen nur an einem Teil der Wertschöpfungskette an. Ich bin absolut überzeugt davon, dass die Menschen in den Bergen sich selbst retten können. Wir sind bloss Ermöglicher, die Veränderungen anstossen helfen und Leute motivieren, sich für ihre Region einzusetzen. Ich hoffe, dass wir durch unsere Unterstützung weitere Projekte anstossen können, die zum Erhalt der Bergdörfer beitragen.

Wird es die Schweizer Berghilfe in dem Fall in 75 Jahren nicht mehr brauchen?
Ich würde am liebsten sagen, es bräuchte uns dann nicht mehr. Aber ich habe das Gefühl, dass die Bergregionen auch in Zukunft auf unsere Unterstützung an­gewie­sen sein werden. Denn die Nachteile der Region bleiben ja bestehen.

Erstellt: 02.12.2018, 14:19 Uhr

Die Schweizer Berghilfe

Die Schweizer Berghilfe setzt sich seit 1943 für die Menschen in den Schweizer Bergen ein. Das Hilfswerk, das sich ausschliesslich durch Spenden finanziert, lebt nach dem Grundsatz «Hilfe zur Selbsthilfe». Die Berghilfe setzt vor­aus, dass Empfänger der Hilfe die Initiative ergreifen und selbst innovative und nachhal­tige Projekte auf die Beine stellen. Unterstützt werden Projekte in den Bereichen Landwirtschaft, Gewerbe und Tourismus, aber auch Bildungs- oder Gesundheitsprojekte können Hilfe erhalten. Das Ziel ist es, der Abwanderung entgegenzuwirken und die Bergregionen lebendig zu erhalten. In den letzten Jahren kamen jährlich durchschnittlich 25 Millionen Franken an Spendengeldern zusammen, die für mehrere hundert Projekte jährlich eingesetzt werden. Für die Berghilfe sind 24 Mitarbeiter in Adliswil sowie 32 Ehrenamt­liche in der ganzen Schweiz tätig. nwe

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