Kantonsschule

«Wir leihen Lehrer für das neue Gymi aus»

Das Gymiprovisorium in Uetikon steht, im August nimmt es den Betrieb auf. Aus dem Nichts schulpädagogisch aufgebaut hat die Schule Urs Bamert. Er macht nun das gleiche noch einmal – fürs geplante Gymi in Wädenswil.

Urs Bamert hat die Aufgabe des Aufbaus der Kantonsschule in Uetikon angenommen, weil er wissen wollte, ob er es schafft, ein funktionierendes System zu entwickeln.

Urs Bamert hat die Aufgabe des Aufbaus der Kantonsschule in Uetikon angenommen, weil er wissen wollte, ob er es schafft, ein funktionierendes System zu entwickeln. Bild: Sabine Rock

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Sie waren fast zwölf Jahre lang Rektor an der Kantonsschule Wiedikon. Wie haben Sie ihre eigene Schulzeit erlebt?
Urs Bamert: Meine Primarschulzeit im Wäggital habe ich als konservativ in Erinnerung. Das Dorf hatte 150 Einwohner und die Schüler von der ersten bis zur sechsten Klasse hatten gemeinsam Unterricht. Da hat man sich als Erstklässler mit den Sechstklässern auseinandersetzen müssen und umgekehrt, was nicht immer einfach war. Später ging ich nach Nuolen ans Gymnasium, das ich in guter Erinnerung habe. Bereits dort habe ich mich entschieden Biologe zu werden. Das lag auch an meinem begeisterten und begeisternden Biologielehrer. Er hat zwar fast nur Pflänzchen mit uns besprochen. Dennoch war es mein Traum, Biologielehrer zu werden, den habe ich mir erfüllt.

Welche Unterschiede stellen Sie in der Schule zwischen damals und heute fest?
Methodik und Lerntechnik haben sich verändert. Ein Mix aus verschiedenen Methoden fördern den Spass am Lernen. Verändert hat sich auch das soziale Umfeld im Bereich der Schule. Es ist nicht einfach eine Lehranstalt, sondern an einer guten Schule spürt man, dass die Lehrer und die Schulleitung die Kinder gerne haben. Die gute Beziehung zu den Schülern ist die Grundbedingung für erfolgreiches Lernen. Dessen ist man sich früher zu wenig bewusst gewesen.

Nun sind Sie Projektleiter des schulpädagogischen Aufbaus am neuen Gymnasium in Uetikon. Wie kam es dazu?
Ich war während fast zwölf Jahren Rektor an der Kantonsschule in Wiedikon. Also ist man im Mittelschul- und Berufsbildungsamt wohl davon ausgegangen, dass ich weiss, wie das Geschäft läuft, und ich bin angefragt worden, ob ich die beiden neuen Gymnasien im Kanton Zürich aufbauen möchte. Ich musste nicht zweimal überlegen und habe sofort zugesagt. Im Nachhinein ist es eigentlich verrückt, dass ich Ja gesagt habe.

Was finden Sie daran verrückt?
Es ist eine schier unlösbarer Aufgabe. Man hat eine grüne Wiese vor sich, soll das Projekt innerhalb von 16 Monaten zum Laufen bringen. Dies ist nur möglich, wenn ein Team konstruktiv zusammenarbeitet. Mein Vorgesetzter Hans Jörg Höhener, meine Leiterin zentrale Dienste, Karin Tognella, aber auch die vielen Spezialisten aus dem Mittelschul- und Berufsbildungsamt und dem Hochbauamt sowie die Lehrpersonen haben alle zum Gelingen beigetragen.

Warum haben Sie Ja gesagt?
Mich reizte es, den Teil einer Schule zu gestalten und zu realisieren, der bei einem Stellenantritt sonst schon vorhanden ist. Ich wollte wissen, ob ich es schaffe, ein funktionierendes System zu entwickeln, so wie ich es als Rektor der Kantonsschule Wiedikon bei meinem Amtsantritt schon vorgefunden hatte.

Was ist Ihre Aufgabe?
Fast alles. Vor allem Rekrutierungsarbeiten, gleichzeitig habe ich aber auch aus pädagogischer Sicht den Bau begleitet. Ich musste zum Beispiel mitentscheiden, in welchen Raum Bildschirme oder Mikrowellengeräte kommen. Auch die Stundentafeln und die Lehrpläne mussten erstellt werden. Auch musste ich mit den Lehrern sämtliche Medien und Lehrmittel beschaffen. Es ist eine vielfältige Aufgabe und ein riesiger Unterschied zu dem, was ich vorher gemacht habe.

Wie haben Sie bei all den unterschiedlichen Anforderungen einen Anfang gefunden?
Als die Anfrage 2013 kam, sollte ich für den damaligen Amtschef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes eine kleine Arbeit über den Aufbau einer neuen Kantonsschule schreiben. Ich habe damit begonnen aufzulisten, welche Arbeiten anstehen. Das hat damit angefangen, dass jede Kanti eine Schulkommission hat, eine Schulleitung, Schüler, Lehrer, Verwaltungs- und Betriebsangestellte. All diese Personen zu rekrutieren, bildete einen zentralen Teil meiner Arbeit.

Wie haben Sie es geschafft, Lehrer für eine Schule zu rekrutieren, die es noch nicht gibt?
Das war nicht einfach, denn welche Lehrperson ist schon bereit, ihre 80- bis 100 Prozent-Stelle aus einem sicheren Bereich aufzugeben, um sich in eine gänzlich unsichere Situation zu begeben? Schliesslich haben wir via Inserat alle unbefristet angestellten Lehrer jedes Fachs angeschrieben, um diese für das erste und eventuell das zweite Schuljahr in Uetikon auszuleihen. Durch dieses «Leasing» von anderen Kantonsschulen, mit denen wir sehr gut kooperierten, rekrutierten wir die guten und erfahrenen Lehrer, die dann auch Lehrpläne schrieben, Fachschaften aufbauen konnten und bereit sind, vier bis zehn Stunden pro Woche in Uetikon zu unterrichten.

«Ein neues Gymi aufzubauen, ist eine schier unlösbare Aufgabe.»

Die Personalrekrutierung war aber nicht die einzige Herausforderung.
Das stimmt. Eine weitere grosse Sorge war, wie wir den Sport organisieren sollten. Denn das Provisorium hat keine Sporthalle.

Also mussten Sie mit anderen Schulen zusammenarbeiten?
Genau. Ich habe schnell Kontakt mit dem Schulleiter von Uetikon aufgenommen. Er hat mich in die Region und die Gemeinde eingeführt. Generell war das persönliche Netzwerk, das ich bereits hatte und das ich mir zusätzlich aufgebaut habe, von Bedeutung.

Wieviel freie Hand hatten Sie bei der Entscheidung, welche Profile in Uetikon angeboten werden?
Das letzte Wort hatte der Bildungsrat. Doch vorgängig haben Amtsvertreter sich angeschaut, welche Profile in Uetikon Sinn machen. Da in Küsnacht und Stadelhofen bereits das musische Profil angeboten wird und dieses das kleinste Mengengerüst an Schülern besitzt, verzichteten wir darauf. Das altsprachliche Profil wird erst in zwei Jahren geführt, wenn der Nachwuchs vom Langgymi nachkommt. Uetikon wird also die Profile altsprachlich, neusprachlich, wirtschaftlich-rechtlich und mathematisch-naturwissenschaftlich anbieten. Speziell in Uetikon ist das neu eingeführte Fach Technik. Dieses hat viel mit Robotern, mit Programmieren und naturwissenschaftlichem Arbeiten zu tun.

Was werden sie für das Gymnasium in Wädenswil übernehmen?
Wir sind immer noch am Diskutieren und Abwägen. Doch es könnte einiges gleich laufen wie in Uetikon, beispielsweise die Lehrpersonenrekrutierung. Ebenso das Informieren der Nachbarschulen. Auch das Erstellen der Stundentafel und des Lehrplans war reibungslos. Nicht optimal war hingegen das Timing des Projekts, es war zeitlich sehr eng bemessen.

Wird das Publikum in Wädenswil das Gleiche sein wie in Uetikon?
Nein, sicher nicht. Allein das Einzugsgebiet der Schüler wird in Wädenswil grösser sein als in Uetikon. Und auch die Aufnahmequote ist eine andere als in Uetikon.

Wissen Sie bereits, welche Profile in Wädenswil geplant sind?
Die Frage ist, ob das Gymnasium in Wädenswil eine Vollprofilschule wird, weil alle Landgymis alle Profile anbieten. Meistens machen aber Profile mit wenig Nachfrage keinen Sinn. Vor allem, wenn diese bereits an den nächstgelegenen Schulen vorhanden sind. Das muss aber der Bildungsrat entscheiden.

Werden Sie nach ihrer Funktion als Projektleiter Rektor in Wädenswil?
Ich weiss es nicht. Das ist eine Option, die ich mir noch nicht überlegt habe. Es wird eine öffentliche Ausschreibung geben mit einem ordentlichen Rekrutierungsverfahren, wie auch in Uetikon.

Erstellt: 08.07.2018, 13:10 Uhr

Zur Person

Urs Bamert (60) ist im Wäggital als Sohn des Stauseewärters aufgewachsen. Er ist promovierter Biologe und unterrichtet Biologie auf gymnasialer Stufe. 2003 trat er in die Schulleitung der Kantonsschule Wiedikon ein, zuvor wirkte er als Fachdidaktiker am damaligen Höheren Lehramt der Universität Zürich. 2005-17 war er Rektor die Kantonsschule Wiedikon. Seit 2017 ist er Projektleiter für den pädagogischen Schulaufbau der neuen Gymnasien am Mittelschul- und Berufsbildungsamt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. duc

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