Wochengespräch

«Wir können mit unseren Entwicklungen kaum noch Schritt halten»

Kunstmaler und Zirkusmacher Rolf Knie erzählt im Gespräch, warum er keine Zeitung mehr liest und ihn Fremdwörter auf die Palme bringen.

Rolf Knie posiert in seiner Galerie vor seinem Werk «Fake News».

Rolf Knie posiert in seiner Galerie vor seinem Werk «Fake News». Bild: Manuela Matt

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Eines Ihrer neusten Bilder zeigt einen Affen, der Zeitung liest und trägt den Titel «Fake News». Was ist Ihre Botschaft?

Rolf Knie: Nur noch Affen lesen die Zeitung. Im Ernst, Fake News, das ist ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. Es wurden viele Dinge über mich und meine Familie geschrieben, die nicht wahr sind und das ärgert mich sehr. Solange es hierfür kein Gesetz gibt, wird es immer Medien geben, die aus lauter Gier nach starken Auflagezahlen es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. So läuft die Welt geradewegs in ihr Verderben.

Erklären Sie mir das.

Wir werden heute generell mit viel zu vielen News überflutet, die uns eigentlich gar nicht interessieren. Betrachtet man nüchtern, was in den Nachrichten berichtet wird, dann sind es doch hauptsächlich Katastrophen.

Aber das ist es doch, was die Leute bewegt?

Damit werden doch ausschliesslich voyeuristische Triebe befriedigt. Wenn in Indien ein Schulbus verunglückt oder in Deutschland ein Mädchen vergewaltigt wird, dann ist das etwas für die Kriminalpolizei und die nächsten Angehörigen. Aber sicherlich nicht für die Leute, die zuhause auf ihren Sofas sitzen. Das ärgert mich und ist mit ein Grund, weshalb ich keine Zeitung mehr lese.

Konsumieren Sie gar keine Medien?

Doch natürlich. Es gibt ganz tolle Radio- und Fernsehsendungen, die ich mir gerne zu Gemüte führe. Wissenssendungen, Hintergrundberichte, Dokumentationen, das interessiert und bildet mich. Tendenziöser Boulveardjournalismus brauche ich nicht. Einstein sagte einst: «Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es dann nur noch eine Generation aus Idioten geben.»

Dann glauben Sie Einstein wird Recht behalten?

Und ob. Meiner Meinung nach laufen wir auf direktem Weg auf die Volksverblödung zu. Alle hängen nur noch am Handy. Kinder schlafen neben ihren Mobiltelefonen ein und klagen über Kopfschmerzen und Ruhelosigkeit. Sagen Sie mir, wer kann heute noch die Telefonnummern seiner Bekannten auswendig? Unsere Hirne verkümmern.

Wie kann man dieses Problem Ihrer Meinung nach lösen?

Mit dem Internet ist es ähnlich wie damals, als das Fernsehen aufgekommen ist. Es ist ein wunderbares Werkzeug, mit dem wir einfach noch nicht umzugehen wissen. Wir können mit unseren Entwicklungen kaum noch Schritt halten. Sie müssen jetzt aber nicht glauben, dass ich kein fröhlicher Mensch bin! Ich bin nur einfach der Meinung, dass man Dinge auch hinterfragen sollte.

Sie ärgern sich also über die Ignoranz gewisser Menschen?

Ich ärgere mich nicht. Es macht mich schlicht ohnmächtig. Denn Dinge, die man verändern kann, die sollte man auch verändern. Genau so wichtig ist es aber, dass man die Dinge, die einfach gegeben sind auch so akzeptiert.Das ist auch meine Lebensphilosophie. Du darfst die Lebensfreude trotz der täglichen Sachzwänge nie verlieren.

Sie äussern harte Kritik an der Gesellschaft, dennoch tragen Sie stets ein Lächeln auf den Lippen. Ist Rolf Knie ein Optimist?

Ich bin ein unverbesserlich positiver Mensch, ja.

Und was treibt Sie auf die Palme?

Fremdwörter. «Hi folks, da die letschtä News vom freeway.» Weshalb muss man immer alles auf englisch sagen?Ich glaube ja, der Fremdwörtergebrauch ist ein Ausdruck der Schwäche von Herrn und Frau Schweizer. Wir glauben wir sind zu bünzlig, zu wenig international und kaschieren dies mit Fremdwörtern. Dabei verstehen wir meist ja gar nicht, was die Begriffe tatsächlich bedeuten. Und in der Kunst ist es doch genau dasselbe. Je weniger du ein Bild verstehst, desto intellektueller ist es.

Mit ihren Bildern wollen sie sich davon also distanzieren?

Klar. Ich habe immer mein Weg gemacht. Meine Bilder benötigen niemanden, der sie erklärt. Bei der modernen Kunst hingegen ist die Erklärung bald mehr wert als das Bild selber. Erst wenn man weiss, was man sehen soll, sieht man es.

Es gibt Kritiker, die sagen, das was Rolf Knie macht ist keine Kunst. Wie gehen Sie mit solchen Meinungen um?

Früher habe ich mich furchtbar geärgert. Heute weiss ich, was ich kann und ich weiss, was die anderen können. Ich kenne den Kunsthandel sehr genau. Deshalb kosten mich solche Aussagen nur ein müdes Lächeln.

Was heisst das genau?

Das ganze hat mit Kunst doch gar nichts mehr zu tun. Schauen Sie sich die Art Basel doch einmal an. Sie ist zu einer reinen Handelsmesse verkommen. Die Preise werden zum Teil ins unermessliche getrieben. Und das weiss man, aber es wird stillschweigend akzeptiert.

Dann geht es Ihnen selber nicht um den Profit?

Klar will ich mit meinem Schaffen meinen Lebensunterhalt bestreiten können, aber es soll mir niemand sagen, dass ein Bild drei Millionen wert ist. Ich bin mir sicher, Vincent van Gogh würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, wie sich die Händler stetig überbieten. Aber vor allem kaufen die meisten Menschen Kunst heute als Wertanlage und nicht mehr aus Wertschätzung. Die Werke liegen dann in irgend einem Safe. Die wahren Kunstsammler sind die Leidtragenden dieser Entwicklung, weil sie in diesem Markt gar nicht mehr mithalten können.

Sie sprachen zuvor von moderner Kunst, die ohne Erklärung kaum noch auskommt. Was ist denn gute Kunst?

Das ist nicht an mir so etwas zu beurteilen. Überall, wo ich ein echtes Bemühen erkennen kann, schätze ich die Arbeit. Ob es dann auch meinen Geschmack trifft oder nicht ist eine andere Sache.

Kommen wir etwas weg vom Kunsthandel. Sie sind 68-jährig, wann gehen Sie in Rente?

Offiziell bin ich es ja längst und erhalte die AHV, auch wenn ich sie vollumfänglich an jemanden weitergebe, der sie dringender gebrauchen kann. Das ist mein Dankeschön, dass es mir in der Schweiz während 65 Jahren sehr gut ergangen ist.

Ist das Abgeben der AHV in gewisser Weise auch ein Verdrängen des eigenen Alterungsprozesses?

Mein grösster Feind ist die Zeit, das kann ich nicht abstreiten. So viel wie jetzt habe ich deshalb auch tatsächlich noch nie gearbeitet. Irgendwann wird der Vorhang fallen und bis dahin möchte ich jede Minute nutzen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ich habe Angst vor dem Sterben. Denn es gibt so viele Arten des Sterbens. Das ist mit ein Grund, weshalb ich eines der ersten Mitglieder der Sterbehilfsorganisation EXIT war. Leben in vollen Zügen und selbstbestimmt Sterben, das ist mein Motto. Jeder hat ein Recht zu leben, aber eben auch zu sterben, wenn die Umstände einem das Leben unerträglich machen.

Erstellt: 06.11.2017, 11:24 Uhr

Zur Person

Rolf Knie wurde 1949 geboren. Mit Bruder Fredy jun. sowie den Cousins Franco und Louis gehört er zur sechsten Generation der Schweizer Zirkusdynastie. Doch erst 1968, nach Abbruch der Handelsschule, tritt Knie als Kunstreiter und Elefantendresseur fix in den Circus Knie ein. Ab 1973 folgen zahlreiche Auftritte mit Gaston Häni als Clownduo. In den darauffolgenden Jahren ist Knie auch immer wieder als Schauspieler tätig. 1984 hängt er die Clownhose an den Nagel. ­Zusammen mit Sohn Gregory, der aus der Ehe mit Erica Brosi stammt, produziert er seit 2002 den Winterzirkus Salto Natale sowie seit 2011 auch den Liebeszirkus Ohlala. Heute hat sich Knie zudem als Kunstmaler etabliert und ist in zweiter Ehe mit der ehemaligen Artistin Anabela «Belinha» Lorador-Rodriguez verheiratet. Die beiden leben ­abwechslungsweise in St. Gallenkappel und auf Mallorca. fse

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