Zürich

Wind gibt der Energiewende Schub

Dank neuen Beteiligungen im Ausland schliesst Zürichs Windenergie zur Wasser- und Kernkraft auf.

Der Windpark im französischen Autremencourt lässt das Windenergie-Angebot des EWZ wachsen.

Der Windpark im französischen Autremencourt lässt das Windenergie-Angebot des EWZ wachsen. Bild: PD

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Marcel Frei, Direktor des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ), war um grosse Worte nicht verlegen: «Wir erleben zur Zeit die grössten Veränderungen im Energiesektor seit der Erfindung des Stroms», sagte er beim gestrigen Mediengespräch – und setzte noch eins drauf: «Ums Thema Strom wird die Welt neu erfunden.»

Treibende Faktoren sind dabei einerseits die Energiewende, andererseits die Digitalisierung. Punkto Energiewende hat sich die Stadt Zürich hohe Ziele gesetzt: Bis 2034 muss sie ihre Beteiligungen an Atomkraftwerken abstossen. Im gleichen Zeitraum peilt sie die Senkung des CO2-Ausstosses auf null an. Zudem hat sich die Stadt den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft verpflichtet.

Schon seit 2015 bietet das EWZ seinen Kunden in Zürich nur noch Strom aus erneuerbaren Energiequellen an. Ganz mit Strom aus eigener Herstellung abdecken kann es diesen Bedarf aber nicht. Rund 3000 Gigawattstunden pro Jahr wären dafür nötig. Zwar beläuft sich die EWZ-Produktion pro Jahr gegenwärtig auf durchschnittlich 4500 Gigawattstunden. Doch knapp die Hälfte davon ist Kernenergie, wie Frei sagte. Daher kaufe EWZ auch erneuerbaren Strom ein.

Von 61 auf 113 Windturbinen

Im kommenden Jahr bekommt Zürichs Energiewende nun einen kräftigen Schub, und zwar aus Windkraft: Die Zahl der EWZ-Windturbinen steigt gegenüber heute von 61 auf 113. Im Jahr 2020 dürfte sich damit die EWZ-Stromproduktion aus Windturbinen von zuletzt 337 auf 1048 Gigawattstunden pro Jahr aufblähen. Damit läge sie neu in der gleichen Grössenordnung wie der EWZ-Anteil am Kernkraftwerk Gösgen. Auch die Wasserkraftwerke Bergell und Mittelbünden, die zum EWZ gehören, produzieren mit 1221 Gigawattstunden pro Jahr nicht viel mehr Strom.

Das EWZ investiert derzeit vor allem in Windanlagen in Deutschland, Frankreich, Norwegen und Schweden. Dies zum einen, weil dort der Wind kräftiger bläst und damit die Stromausbeute pro investierten Franken respektive Euro höher ist, wie Frei erklärte. Zum anderen, weil die zwei Windkraftprojekte in der Westschweiz, an denen das EWZ beteiligt ist, seit Jahren durch Einsprachen blockiert sind. «Relevant ist nicht, wo der Strom herkommt, sondern wie er produziert wird», findet Frei. Der Stadtrat und das Stadtzürcher Stimmvolk haben diese Strategie mehrfach abgesegnet. Wichtig sei nun der Abschluss eines Stromabkommens mit der Europäischen Union, damit die Schweiz nicht zur «Strominsel» werde.

Solarstrom spielt in der EWZ-Strategie eine vergleichsweise kleine Rolle. Gegenüber der für Zürich traditionell wichtigen Wasserkraft und der seit rund zehn Jahren immer wichtigeren Windkraft fällt sie kaum ins Gewicht. Eine vor Jahren getätigte Investition in ein spanisches Solarkraftwerk erweist sich laut Frei als «geschäftlich nicht mehr so interessant», weil der spanische Staat rückwirkend die Einspeisevergütung senkte.

Nun setzt das EWZ auf lokale Photovoltaik-Projekte in Zürich: Auf städtischen Neubauten werden laut Frei konsequent Solaranlagen installiert. «Auch bei Genossenschaftsbauprojekten wirken wir darauf hin.» Doch da der alte Baubestand in Zürich gross und oftmals denkmalgeschützt sei, rechnet der EWZ-Chef bei der Solarenergie nicht mit starken Zuwachsraten; der Solaranteil an der gesamten Stromproduktion dürfte gemäss EWZ-Prognosen auch 2030 noch im einstelligen Prozentbereich liegen, während die Windenergie kräftig zunehmen soll. Frei hält aber fest, dass Strom aus Solaranlagen durchaus konkurrenzfähig sei: «Es braucht nicht mehr Geld, sondern den politischen Willen.»

Mehr Stromverbrauch

Die Digitalisierung führt laut Frei tendenziell zu höherem Stromverbrauch: «Alles wird smart – und braucht Strom», so der EWZ-Direktor. Gegenwärtig nehme der Stromverbrauch in der Stadt Zürich pro Jahr um rund ein Prozent zu, wobei auch das Bevölkerungswachstum eine Rolle spiele.

Um den Strombezug an Ladestationen für Elektroautos zeitlich besser zu verteilen, gelten an den Ladestationen in Zürich ab nächstem Jahr zwischen 11 und 13 Uhr sowie von 18 bis 20 Uhr höhere Tarife. Auch sonst gibt es per 1. Januar 2020 Neuerungen im EWZ-Tarifsystem: Statt vier Standardprodukten stehen den Kunden neu nur noch deren drei zur Verfügung. Wer nichts anderes bestellt, erhält «EWZ Natur», mit Strom aus Wasser- und Windkraft sowie Solarenergie, hergestellt in der Schweiz und in Europa. Eine durchschnittliche vierköpfige Familie bezahlt dafür pro Jahr gleich viel wie für das Vorläuferprodukt, nämlich 743 Franken.

Erstellt: 19.06.2019, 18:09 Uhr

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