Samstagern

Wie Senioren in einer WG ihren Lebensabend verbringen

ln der Wohngruppe Drei Eichen leben elf Senioren zusammen. Dieses Jahr wurde ihre Wohnung renoviert und wurden Besuchszeiten eingeführt. Die Pfleger ziehen eine Bilanz.

Kerstin Abdelli, Leiterin der Wohngruppe Drei Eichen, schaut mit einer Bewohnerin alte Fotos an. Das helfe bei der Aktivierung des Gehirns.

Kerstin Abdelli, Leiterin der Wohngruppe Drei Eichen, schaut mit einer Bewohnerin alte Fotos an. Das helfe bei der Aktivierung des Gehirns. Bild: Moritz Hager

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In der Wohnung hängt ein Geruch von Desinfektionsmittel, die Räume sind aufgeräumt, schon fast steril. Die elf Bewohner sind zwischen 80 und 93 Jahre alt. Sie haben sich in der 2012 gegründeten Wohngemeinschaft gefunden, um zusammen den Lebensabend zu verbringen und der Einsamkeit den Rücken zu kehren.

Die Wohngruppe Drei Eichen gehört zum Richterswiler Alterszentrum Im Wisli. Die Senioren-WG ist eine spezielle Form derAlterspflege. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer, die Möbel bringt jeder selber mit. Küche, Wohnzimmer, Badezimmer, Balkon und Garten teilen sie sich. Ursprünglich war die Wohngruppe als Gemeinschaft für fitte Senioren geplant. Die Bewohner der Drei Eichen sind aber älter geworden und bedürfen inzwischen derselben Betreuung wie in einem Altersheim. Pfleger sind stets anwesend. Das neue Ziel der Wohngruppe: möglichst viel Selbstständigkeit im Alltag und Betreuung in einem familiären Rahmen. Der Tagesrhythmus ist daher auch weniger strukturiert als in einem regulären Altersheim.

Spezielle Pflege erforderlich

Eine Gruppe Bewohner sitzt gerade am Wohnzimmertisch und jasst. «Mit anderen Bewohnern Karten zu spielen, ist eine Beschäftigung von vielen», sagt Cristina Regazzi, Leiterin des Alterszentrums Im Wisli.

Auch gemeinsames Turnen, Clownvorstellungen oder Kinoabende würden zum Aktivitätsprogramm der WG-Bewohner gehören. «Wir wollen die Senioren dabei unterstützen, ihre Lebensqualität so hoch wie möglich zu erhalten», sagt Regazzi. Es sei wichtig, den Bewohnern etwas zu bieten, das sie noch machen können und wollen. Niemand sei zu den Aktivitäten verpflichtet.

Eine Bewohnerin sitzt in der Küche. Ihre Hände sind vom Alter gezeichnet, tiefe Falten ziehen sich durch ihre Haut. Zusammen mit Kerstin Abdelli schaut sie die alten Schwarzweissfotografien an – farblose Erinnerungen an eine bunte Zeit. Abdelli ist die Leiterin der Wohngruppe Drei Eichen. Sie kennt die Lebensgeschichten der Bewohner und rekonstruiert sie mit ihnen. Das helfe bei der Aktivierung des Gehirns. Dabei sei aber Vorsicht geboten. «Zum Teil haben die Bewohner eine sehr harte Vergangenheit», sagt Regazzi. Man müsse die Geschichte der einzelnen Bewohner genau kennen. Deshalb besteht in der Wohngruppe eine sogenannte Bezugspflege. Jedem Bewohner steht ein persönlicher Pfleger zur Seite. Ein Einzelzimmer in den Drei Eichen kostet mit 141 Franken pro Tag denn auch etwas mehr als ein Zimmer in einem regulären Pflegezentrum.

Eingeschränkte Besuchszeiten

In einer WG herrscht oft Kommen und Gehen. Dies war einst auch in den Drei Eichen der Fall. Die Wohngruppe hatte bis Anfang Jahr keine festen Besuchszeiten. «Dies hat teilweise zu Stresssituationen geführt», sagt Cristina Regazzi. Es sei vorgekommen, dass Angehörige die Bewohner kurz vor dem Abendessen aufsuchten oder in anderen ungünstigen Momenten. Deshalb hat die Wohngruppe Besuchszeiten von eineinhalb Stunden am Vormittag und zweieinhalb Stunden am Nachmittag eingeführt.

«Wir wollen die Senioren dabei unterstützen, ihre Lebensqualität so hoch wie möglich zu erhalten»Cristina Regazzi, Leiterin des Alterszentrums Im Wisli

Dies sorgte damals bei Angehörigen wie Bewohnern für Skepsis. Cristina Regazzi zieht nun eine erste Bilanz: «Mittlerweile haben sich alle an die Besuchszeiten gewöhnt und es wurde klar, dass Angehörige und Bewohner sich trotzdem jederzeit sehen können.» Die Türe zur Wohngruppe sei immer offen. Die Besuchszeiten hätten aber zur Entlastung geführt, die Reizüberflutung der Bewohner sei eingedämmt worden.

Enge Platzverhältnisse

Die Wohnung der Senioren wurde im Juni dieses Jahres renoviert. Die Wände wurden gemalen, neues Mobiliar wurde beschafft und bestehende Räume wurden teilweise umgestellt. Zurzeit bietet die Wohngruppe zehn Einzelzimmer und ein Doppelzimmer an, das momentan aber nur von einem Bewohner benutzt wird.

Platzprobleme gibt es in der Wohngruppe nach wie vor. «Wir leben auf engem Raum zusammen», sagt Regazzi. So dient der Lagerraum der Rollatoren gleichzeitig als Medikamentenschrank. Der Garten wird nur selten benutzt, da eine steile Treppe hinunter führt, die zu eng für einen Treppenlift ist. «Wir müssen improvisieren und uns arrangieren mit dem, was wir haben», sagt Regazzi.

Die Gemeinde Richterswil kämpft seit Jahren gegen einen Mangel an Pflegeplätzen. Mit Projekten wie einem neuen Alterszentrum Im Wisli oder dem geplanten Wohn- und Pflegeheim Etzelblick soll dem entgegengewirkt werden. Das Angebot in den Drei Eichen wird dadurch aber nicht grösser. Die Liste an Bewerbern für einen Platz in der Alters-WG sei manchmal sehr lange, sagt Regazzi.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.12.2018, 15:47 Uhr

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