Thalwil

Weben und Wirken in Thalwil

Die bevorstehenden Kulturtage sind die bislang grössten: Rund 600 Thalwiler stellen 40 Projekte und 70 Anlässe auf die Beine. Dies unter dem Motto «Verwoben».

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Hermine Schumowska ist der Verzweiflung nahe. Die kroatische Sängerin und Schauspielerin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mitglied des Zürcher Theaterensembles war und in Thalwil wohnte, probt mit dem Sängerverein ihrer Wohngemeinde das Stück «Verwoben».

Doch zwei Wochen vor der Premiere von Ende Juni geht schief, was nur schiefgehen kann:Die Schauspieler beherrschen ihren Text nicht, der Choreograf hat sich verletzt, das Bühnenbild fehlt. Dazu kommt ein handfester Krach zwischen den Männern der Schirmfabrik und der Seidenfärberei.

«Wir sind mit den Kulturtagen nun da, wo wir hinwollen.»Simon Niederhauser, Leiter Fachstelle Kultur Thalwil

So in etwa darf man sich den ersten Akt der diesjährigen Kulturtage vorstellen, der am Freitag, 14. Juni, über die Bühne gehen wird: als vergnügliches Musiktheater, das ins Thalwil des Jahres 1930 führt. Aufgeführt wird es vom Sängerverein Thalwil anlässlich der Eröffnung der Kulturtage, die seit 2005 alle zwei Jahre durchgeführt werden.

«Hermine Schumowska war und ist eine wichtige Inspirationsfigur für diese Kulturtage», sagt Simon Niederhauser, Leiter der Fachstelle Kultur der Gemeinde Thalwil. Natürlich ist die missglückte Probe der Fantasie entsprungen. Aber Hermine Schumowska hat es tatsächlich gegeben.

«Kein elitärer Anspruch»

Als Profikünstlerin habe sie – die laut Niederhauser sehr verbunden gewesen ist mit der bekannten Thalwiler Industriellenfamilie Schwarzenbach – sich in ihrer Wohngemeinde fürs Dorfleben im Allgemeinen und das Kulturleben im Besonderen eingesetzt. «Sie hat vorgelebt, wie wichtig Kultur als Kitt für die Gesellschaft ist», sagt Simon Niederhauser.

Das Verweben von Kultur und Gesellschaft ist ein Grundanliegen der Kulturtage. «Wir haben keinen elitären Anspruch», sagt Niederhauser. «Im Gegenteil. Unser Anliegen ist, dass sich möglichst alle Thalwilerinnen und Thalwiler einbringen, die künstlerisch oder kulturell tätig sind, egal ob Profi oder Amateur.»

«Unser Anliegen ist, dass sich möglichst alle Thalwilerinnen und Thalwiler einbringen, die künstlerisch oder kulturell tätig sind, egal ob Profi oder Amateur.»Simon Niederhauser

Und das gelingt dieses Jahr so gut wie noch nie, was die Zahlen anbelangt: Rund 600 beteiligen sich laut Niederhauser aktiv an den Kulturtagen, 40 Projekte stellen sie auf die Beine, das Programm umfasst 70 Anlässe und verschiedene Ausstellungen. «Wir sind jetzt da mit den Kulturtagen, wo wir hinwollen», sagt Niederhauser. Alle Darbietenden seien nun aufgefordert, Zuschauer zu mobilisieren. Auf 5000 bis 8000 Zuschauer hofft der Leiter der Thalwiler Fachstelle Kultur.

Mit wenig viel erreichen

Die Idee des Ganzen: Für relativ bescheidene Kosten von 160000 Franken– die gedeckt werden von der Gemeinde, dem Kanton, Stiftungen und Sponsoren– sollen möglichst breite Teile der Thalwiler Bevölkerung angesprochen werden. Die Anlässe, welche die Besucher ins Dorfzentrum rund um Pfistergut und Gemeindehaus locken sollen, sind vielfältig.

Darunter sind Konzerte, Ausstellungen, Tanzperformances oder ein Vortrag zu Thalwil als Hochburg der Seidenproduktion, aber zum Beispiel auch eine Stummfilmvorführung, nämlich «Die Weber» nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Gerhard Hauptmann. Gezeigt wird der Film vom Filmpodium, die Harmonie Thalwil spielt einen Teil des Soundtracks dazu. «Auch das gelingt immer häufiger, dass sich die verschiedenen kulturellen Akteure zusammentun», sagt Niederhauser sichtlich zufrieden.

Fünf-Minuten-Privatkonzerte

Auch junge Thalwiler haben ihre Auftritte an den Kulturtagen – und sollen möglichst auch ein jüngeres Publikum anlocken. So lädt zum Beispiel der Jugendchor ein in einen Klangkokon. Im Plattenpark wird er einen Container aufstellen. Und in dessen Dunkelheit Einzelzuhörer in einen Kokon aus Klängen einspinnen. «Das sind Fünf-Minuten-Privatkonzerte, die der Chor für jeweils nur eine Person singt», sagt Simon Niederhauser.

Gewebt wird aber auch im wahrsten Sinne des Wortes. Einerseits als Performance von Profis, also zum Zuschauen, andererseits können aber auch die Besucher selbst Hand anlegen. Vreni und Katharina Eberle laden dazu ein, das Weben auf einem Handwebstuhl unter ihrer Anleitung auszuprobieren – und so an dem Stück Stoff mitzuwirken, aus dem schliesslich Küchentücher für den Pfistertreff werden sollen.

Auch der zweite Teil des Eröffnungstheaters «Verwoben» wird zu sehen sein, an der Schlussfeier am 29. Juni. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.06.2019, 22:35 Uhr

Eine Auswahl

Das Programm der Kulturtage 2019

Freitag, 14. Juni, 20 Uhr
Eröffnung, Theaterstück «Verwoben», erster Teil, Bühne beim Gemeindehaus (bei Regen im Gemeindehaussaal), Alte Landstrasse 112.

Samstag, 15. Juni, 11 Uhr
«Mathildes Rosen», Hommage an Mathilde Schwarzenbach, Gemeindebibliothek Rosengarten, Freiestrasse 32.

Samstag, 15. Juni, 20 Uhr
«Herzwärts», Theater Thalwil, Pfisterschüür, Alte Landstrasse 104.

Sonntag, 16. Juni, 17 Uhr
Geführter Rundgang Gnusch, Treffpunkt beim Jenny-Schloss, Mühlebachstrasse 51B.

Freitag, 21. Juni, 19 Uhr
«Das Weben der Schiffchen»,
Dachstock Trotte, Alte Landstrasse 102.

Samstag, 22. Juni, 20 Uhr
Orchesterkonzert: Sinfonieorchester Horgen-Thalwil, Serata, Tischenloostrasse 55.

Samstag, 22. Juni, 20.30 Uhr
«WebDance», Bühne beim Gemeindehaus (bei Regen im Gemeindehaussaal), Alte Landstrasse 112.

Sonntag, 23. Juni, 11 Uhr
«Lieder einer Piratin», Sabina Kaeser, Trotte, Alte Landstrasse 102.

Mittwoch, 26. Juni, 19 Uhr
Landsgemeinde, Plattenpark, Alte Landstrasse 88 (bei Regen im Gemeindehaussaal, Alte Landstrasse 112).

Donnerstag, 27. Juni, 20 Uhr
«Thalwiler Seidengeschichten», Alexis Schwarzenbach und Andreas Friedrich, Gemeindehaussaal, Alte Landstrasse 112.

Freitag, 28. Juni, 22.15 Uhr
«Die Weber», Stummfilmvorführung mit Begleitung unter anderem durch die Harmonie Thalwil, Bühne beim Gemeindehaus, Alte Landstrasse 112 (bei Regen in der Turnhalle Schwandel, Alte Landstrasse 124).

Samstag, 29. Juni, 19.30 Uhr
Schlussfeier, Theaterstück «Verwoben», zweiter Teil, Bühne beim Gemeindehaus (bei Regen im Gemeindehaussaal), Alte Landstrasse 112. (red)

Das vollständige Programm ist zu finden im Internet auf www.kulturtage-thalwil.ch.

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