Frauenstreik

«Was bleibt, wenn die Frauen gehen?»

Katholikinnen wehren sich gegen die Ungleichbehandlung von Frauen in der Kirche. Sie rufen zum Frauenkirchenstreik auf.

Der pinke Punkt des Frauenkirchenstreiks ziert Buttons, Ballone und Plakate wie hier vor der katholischen Kirche in Effretikon.

Der pinke Punkt des Frauenkirchenstreiks ziert Buttons, Ballone und Plakate wie hier vor der katholischen Kirche in Effretikon. Bild: Nathalie Guinand

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«Gleichberechtigung. Punkt. Amen.» steht auf den pinken Plakaten die seit Anfang Juni vor der katholischen Kirche St. Martin in Effretikon stehen. Als Ansteckknöpfe zierten die Punkte am Donnerstag auch die Kleider der Männer und Frauen, die sich zur katholischen Synode im Rathaus trafen.  Die Katholikinnen rufen an diesem Wochenende zum Frauenkirchenstreik auf und fordern Gleichberechtigung in der Kirche.

Federführend ist der Schweizerische Katholische Frauenbund, der die pinken Punkte für Buttons, Ballone oder Plakate gestaltet hat. Auch pinke Mitren, die Kopfbedeckung der Bischöfe, werden gebastelt, und zur Frauenstreik-Demo getragen. Mehrere Zürcher Pfarreien und Frauenvereine organisieren Aktionen (siehe Box rechts). 

Priesterweihe für Frauen

«Es ist unhaltbar, dass wir immer noch einen Mann beiziehen müssen, um eine Eucharistie feiern zu können, die Urform des katholischen Gottesdienstes», sagt Monika Schmid, Gemeindeleiterin in Effretikon. Frauen würden auch systematisch von allen Entscheidungsgremien ausgeschlossen. Damit sich das System ändere, brauche es Frauen in diesen Gremien. Dies werde wiederum im jetzigen System nur möglich, wenn auch Frauen zur Priesterweihe zugelassen sind, sagt Schmid.

Schmid ist eine von lediglich drei Gemeindeleiterinnen in katholischen Pfarreien im Kanton Zürich. Nicht nur die Frauen, die Laien allgemein würden aus den Ämtern gedrängt, sagt Schmid, da die Bistumsleitung primär Wert auf das Einsetzen von neuen Priestern setze. «Das ist ein Nebeneffekt der Ära Huonder», sagt Schmid mit Verweis auf den nun abgetretenen konservativen Churer Bischof Vitus Huonder.

Mädchen und Frauen verlassen die Kirche

Selber zu streiken, in dem sie am Sonntag den Gottesdienst ausfallen lassen würde, war für Monika Schmid keine Option. In Effretikon ist ein Familiengottesdienst geplant, den die Viertklässler lange im Voraus organisiert haben. Schmid wird aber ausnahmsweise keinen Priester zur Messe einladen. Während des Gottesdienstes wird sie alle Mädchen und Frauen nach vorne bitten, um mit ihnen die Kirche zu verlassen. «Was bleibt, wenn die Frauen gehen?», fragt sich Schmid. Nach kurzer Zeit werden die Frauen allerdings zurückkehren: «Wir wollen ja signalisieren, dass wir mitmachen wollen.»

Franziska Driessen-Reding sass mit dem pinken Punkt in der Synode. Am Freitag unterstützt die Synodalratspräsidentin und höchste Katholikin im Kanton den Streik indirekt. Sie übernimmt als Freiwillige die Schicht einer Seelsorgerin im Raum der Stille im Glattzentrum, damit diese am Streik teilnehmen kann. Am Mittag wird sie zudem bei der Pfarrei Maria Lourdes in Zürich-Seebach zu Gast sein. Dort veranstalten verschiedene Einrichtungen im Quartier ein Frauenstreik-Fest.

Ihr entspreche diese heitere Art von Protest, sagt Franziska Driessen. Grundsätzlich finde sie es traurig, dass der Frauenstreik heute noch stattfinden müsse. Aber gerade die Kirche habe zur Gleichberechtigung noch einen weiten Weg vor sich.

«Es wird sich etwas ändern»

Driessen wünscht sich, dass sich nicht nur Frauen, sondern auch Männer äusserten, etwa Pfarrer, die der Meinung seien, die Gleichstellung von Frauen sei längst überfällig. Die Kirche sei auch als Arbeitgeberin gefordert: «Man muss sich in die Pflicht nehmen und die Gleichberechtigung bei jedem Anstellungsentscheid berücksichtigen», sagt Driessen. Sie hofft, dass die Anliegen auch über den Streiktag hinaus nachwirken. «Wir dürfen uns danach nicht zurücklehnen.» 

Dieser Meinung ist auch Monika Schmid. Auswirkungen des Frauenkirchenstreiks würden sich wohl nicht morgen oder übermorgen zeigen. Es sei aber wichtig, nach und nach Bewusstsein zu schaffen. «Wir werden dran bleiben. Es wird sich etwas verändern. Auch wenn es einen langen Atem braucht.»

Erstellt: 13.06.2019, 17:42 Uhr

Fest, Austausch und Kirchenglocken

Aktionen in Zürcher Pfarreien

Frauenvereine und Pfarreien im Kanton stehen für ein gleichberechtigtes Miteinander in der Kirche ein. In manchen Pfarreien läuten am Freitag die Kirchenglocken um 11 Uhr als Zeichen gegen Gewalt an Frauen sowie um 15.30 Uhr. Ab diesem symbolischen Zeitpunkt sind Frauen wegen der Lohnungleichheit nicht mehr bezahlt. So in der Pfarrei St. Martin in Effretikon und St. Konrad in Zürich. Das Kirchensekretariat St. Konrad ist am Freitag in Männerhand. Die Frauen treffen sich um 15.30 Uhr auf dem Kirchenvorplatz und gehen an die Demonstration. Der katholische Frauenverein Horgen trifft sich um 9.45 Uhr auf dem Vorplatz der Kirche St. Josef. Die Frauen Wald streiken um 10 Uhr auf dem Bachtel. Im Kirchenraum von St. Benignus in Pfäffikon hängen pinke Mitren beschrieben mit Forderungen und ein Streik-Bistro lädt zum Austausch. In Zürich-Seebach organisiert die Pfarrei ein Frauenstreik-Fest. Am 26. Juni findet in der Pfarrei Herz Jesu in Zürich-Wiedikon eine Podiumsdiskussion statt zu «Gemeinsam für Gleichberechtigung in der Kirche». (kme)

Reformierte sind solidarisch

Auch die reformierte Kirche wehrt sich gegen Ungerechtigkeit

Auch reformierte Kirchen im Kanton lassen am Freitag um 11 Uhr ihre Kirchenglocken läuten gegen strukturelle Ungerechtigkeit und Gewalt an Frauen, wie die reformierte Kirche Zürich mitteilt. Von 11 bis 12 Uhr findet in der Zürcher Predigerkirche eine Mahnwache statt. Die reformierten Frauen unterstützen die Katholikinnen solidarisch und fügen eigene Forderungen bei nach gemeinsamem Tun, Entscheiden, Gestalten von Frauen und Männern auf allen kirchlichen Ebenen. (kme)

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