Rapperswil-Jona

Von verirrten Fliegen und kreischenden Ehefrauen

Der auf Multimediaprojekte spezialisierte Joner Musiker Beat Schuler war in der Alten Fabrik zu Gast mit seinem Projekt «Russische Serenade»: drei Geschichten von Tschechow, angereichert durch mehrheitlich russische Musik. Das Projekt stiess auf reges Interesse.

Die drei Musiker Ronny Spiegel, Beat Schuler und Joachim Müller-Crepon sowie der Schauspieler Helmut Vogel (nicht auf dem Bild) entführten das Publikum der Alten Fabrik in die Welt der russischen Komponisten und Geschichtenerzähler.

Die drei Musiker Ronny Spiegel, Beat Schuler und Joachim Müller-Crepon sowie der Schauspieler Helmut Vogel (nicht auf dem Bild) entführten das Publikum der Alten Fabrik in die Welt der russischen Komponisten und Geschichtenerzähler. Bild: Manuela Matt

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«Eine Fliege mittlerer Grösse verirrte sich in die Nase des Gehilfen des Staatsanwalts, Hofrat Gagin. Ob Neugier sie plagte, ob Leichtfertigkeit sie dorthin geraten liess oder ob es ganz einfach die Dunkelheit war – allein die Nase vertrug die Anwesenheit eines Fremdkörpers nicht und gab das Signal zum Niesen.» Dies der witzige Anfang von «Im Dunkeln», der zweiten der drei Kurzgeschichten von Anton Pawlowitsch Tschechow (1860 – 1904), die im Mittelpunkt der «Russischen Serenade» standen.Klingende Namen hatte der Joner Beat Schuler in sein Multimediaprogramm aufgenommen: den berühmten Schriftsteller Tschechow, russische Komponisten wie etwa Schostakowitsch, Tschaikowsky, Rachmaninow, gekonnt gespielt von den Musikern Ronny Spiegel auf der Violine und Joachim Müller-Crepon auf dem Cello, sowie dem Schauspieler Helmut Vogel. Text und Musik waren geschickt ineinander verwoben, indem musikalische Einlagen die rasch fortschreitenden Geschichten umrahmten und unterbrachen. So blieb dem Publikum Zeit, die witzigen, zuweilen seltsamen, aber immer aussagekräftigen Details besser auf sich einwirken zu lassen.

Ein Krimi ohne Tote

Den Anfang des Anlasses machte das Musikertrio mit einer poetischen Träumerei von Paul Juon (1872 – 1940). Dann begann Vogel zu lesen: «Der Dicke und der Dünne». Und wie er las: Vorn auf der Bühne schienen die ehemaligen Jugendfreunde höchstpersönlich zu stehen: der nach Kaffeesatz riechende Dünne und der nach Sherry duftende Dicke. Sie freuten sich ja so sehr über ihr Wiedersehen – allerdings nur, bis der Dünne erfuhr, dass der Dicke inzwischen ein angesehener Geheimrat geworden war. Augenblicklich schrumpfte der Dünne und verfiel in kriecherische Unterwürfigkeit. Diese Wende in der humorvollen Gesellschaftsskizze betonte Beat Schuler am Klavier mit einem ruhig fliessenden Prélude von Alexander Skrjabin (1871 – 1915), während der Schluss der Geschichte in eine spritzige Humoreske von Juon überging.

Der zweite Text erinnerte an einen Krimi, kam aber ganz ohne Tote und Kommissare aus. Er war mit kurzen Sätzen aus Schostakowitschs (1906 – 1975) Opus 34 gespickt, der eine schräg und schrill wie die kreischende Ehefrau in der Geschichte, der andere gedämpft wie die dunkle Nacht, alle aber lebendig, ja, geradezu dramatisch interpretiert von Spiegel. Dazwischen ein Stück von Rachmaninow (1873 – 1943), ein zartes Schlaflied von Glinka (1804- 1857) und die «Sérénade mélancolique» von Tschaikowsky (1840 – 1893).

Das Liebesleid des Kontrabass

Nach einer kurzen Pause folgte der skurrile «Roman mit dem Kontrabass» über einen Kontrabassisten und eine Schöne, beide während eines Bades ihrer Kleider beraubt, also nackt, beide Schutz suchend unter derselben Brücke. Der Kontrabassist versteckt die Schöne im Futteral seines Basses – vor seinen eigenen Blicken wohlverstanden –, will sie zu ihrer Datscha tragen, verliert jedoch unterwegs das Futteral und somit auch die Schöne. Passend dazu die beiden Walzer «Liebesfreud» und «Liebesleid» von Georg Kreisler (1922- 2011), die Müller-Crepon kraftvoll und mit schmelzendem Klang auf dem kleinen Bruder des Kontrabasses interpretierte. Sehr romantisch auch die Trios von Schostakowitsch.

Das Publikum war begeistert, obwohl die Frage nach dem weiteren Wohlergehen des vom Pech verfolgten Kontrabassisten und der nackten Schönen unbeantwortet blieb. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 14:26 Uhr

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