Wochengespräch

Vom Mediengiganten zum Wohltäter

Beat Curti, Mitglied der berühmten Rapperswiler Seidenhändlerdynastie Curti und erfolgreicher Unternehmer, arbeitet unermüdlich weiter an seinem Lebenswerk. Wirtschaft und Medien sind seine Welt. Und ebenso das Verteilen von günstigen Lebensmitteln an Bedürftige.

Beat Curti posiert vor seinem 150-jährigen und 40 Meter hohen Mammutbaum in seinem Garten in Erlenbach.

Beat Curti posiert vor seinem 150-jährigen und 40 Meter hohen Mammutbaum in seinem Garten in Erlenbach. Bild: Sabine Rock

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Ihrem Vorfahren, dem Rapperswiler Seidenhändler Carl Ludwig Curti, gehörte einst die Insel Ufenau. Was würden Sie heutzutage mit der Insel anstellen, wenn Sie der Besitzer wären?
Beat Curti: Ich würde alles so lassen, wie es ist, die Natur gedeihen lassen und die paradiesische Schönheit der Insel bewahren. Sicherlich würde ich mich gegen architektonische Irritationen wehren, wie sie vor Jahren der Insel drohten. An die vier Jahre Besitz Anfang des 19. Jahrhunderts erinnern sich die Familien Curti mit Freude.

Wie bleiben Sie der Insel auchin der heutigen Zeit noch verbunden?
Die Familien Curti haben in Erinnerung an den Inselbesitz einen Beitrag an die Restaurierung des Wirtshauses Zu den zwei Raben geleistet. Auch in musikalischer Sicht gibt es eine aktuelle Verbindung: Die romantische Oper «Reinhardt von Ufenau» von Franz Curti soll 2021 in Rapperswil aufgeführt werden. Sie feierte 1889 im Opernhaus Zürich Premiere. Komponist war der Neffe des Inselbesitzers Carl Ludwig Curti. Es geht um den Raub der Tochter des Grafen von Ufenau durch den Grafen von Rapperswil – mit einem Happy End.

Sie selber sind nicht Seidenhändler, sondern Önologe geworden. Haben da die Trauben aus den Weinbergen der Ufenau eine Rolle gespielt?
Nein. (lacht) Vielmehr habe ich mit dem Studium der Önologie ein Versprechen an meinen Onkel eingelöst, der mir seine Weinimportfirma anvertraut hatte. Mein Interesse galt allerdings mehr den Printmedien, eine Welt, die mich immer fasziniert hat. Als Junge kam ich mit dem Gründer der «Weltwoche» und der «Annabelle» zusammen. Was für ein wunderbarer Beruf war damals Journalismus! Man konnte als Redaktor so richtig aus dem Vollen schöpfen und sich auch mal eine Woche Zeit lassen zum Recherchieren und Schreiben eines Artikels. Heute müssen Journalisten zwei Artikel pro Tag schreiben.

Sie selber sind dann aber Verleger geworden, nicht Journalist.
Für das Schreiben war ich nicht gut genug, so habe ich mich darauf konzentriert, das Publizistische mit dem Kommerziellen zu verbinden. Und dann erst recht gesehen, wie sich das Zeitungswesen verändert. Früher hatte die «Weltwoche» hundert Seiten Inserate! Heutzutage muss man es sich leisten können, eine Zeitung zu verlegen. Es ist ein harter Überlebenskampf geworden, den die Rappenspalterei bestimmt.

Wie haben Sie damals die Journalisten wahrgenommen und empfunden?
Als liebe Freunde. Naturgemäss war das Verhältnis zwischen Verleger und Journalisten damals noch nicht getrübt durch kommerzielle Zwänge. Journalisten waren unabhängige, freie Geister. Sie konnten gestalterisch und kreativ tätig sein, und das hat sich in der Folge auf ihr Selbstbewusstsein ausgewirkt.

Nicht immer lief das Verhältnis in Minne ab, etwa als Sie im Bestechungsfall um den Zürcher Chefbeamten Raphael Huber angeklagt wurden und dies medial ausgeschlachtet wurde. Wie hat Sie der Fall damals getroffen?
Ich war sehr enttäuscht und konsterniert, weil man aus einer kleinen Mücke eine Riesensache gemacht hat und mir vollends in den Rücken gefallen ist. Konkret ging es um 200 000 Franken für Tomaten aus einem landwirtschaftlichen Betrieb in Italien. Es war komplett unsinnig und unnütz, mir daraus einen Strick zu drehen, weil ich ja gar keine Beiz und mit Gastronomie nichts am Hut hatte. Darob habe ich dann das Vertrauen in die Journalisten total verloren.

Sie waren auch im Detailhandel sehr erfolgreich, haben zahlreiche Geschäfte aufgebaut. Sind Ihnen da bei so vielen Titeln nicht die Läden um die Ohren geflogen?
Es kommt immer auf die Perspektive an. In unserer Gruppe waren 10 000 Mitarbeiter beschäftigt, mit einem Umsatz von über 3,5 Milliarden Franken. Das mögen für Schweizer Verhältnisse grosse Zahlen sein, global betrachtet waren wir eine kleine Nummer, lagen international auf Platz 112. Chancen in der Schweiz werden naturgemäss durch ihre Kleinheit geprägt. Kommt hinzu, dass ich 50 Jahre zu spät kam und mich quasi als Lumpensammler mit dem Rest begnügen musste, den Migros und Coop übrig gelassen hatten.

Einige Unternehmen haben Sie an die Wand gefahren. Scheitern ist Ihnen nicht unbekannt. Gehört Scheitern zum Leben?
Scheitern ist Fortschritt, weil man daraus etwas lernen kann. Wer kämpft und ans Limit geht, muss auch bereit sein, Niederlagen einzustecken. Scheitern führt uns jenseits der Komfortzone. Ich halte es mit Stan Wawrinka und seinem auf dem Unterarm tätowierten Zitat von Samuel Beckett: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Und letztendlich: Gewinne! Sie bekommen ja auch nicht für jeden Artikel, den Sie schreiben, den Pulitzerpreis. Es reicht, wenn Sie den Preis einmal pro Jahr kriegen.

Was bedeuten Ihnen Geld, Ruhm und Ehre?
Geld verhindert nicht, dass wir auf die Nase fallen. Und klar ist, dass Geld, Ruhm und Ehre vergänglich sind. Es geht mir darum, Neues zu probieren. Und dass ich mit Leichtigkeit, Sorgfalt und Leidenschaft an die Sachen herantrete. Ich versuche immer wieder, etwas weiterzugeben von meinem Geld, von meinem Wissen und meiner Zeit. Das hat mit Verantwortung zu tun und mit Gemeinsinn. Und auch mit einer Sensibilität den anderen gegenüber. «Tradition heisst nicht Bewahren der Asche, sondern Entfachen der Flamme», lautet meine Devise. Man kann Erfolge niemals für sich alleine in Anspruch nehmen. Ein Team kann etwas Grosses leisten.

Mit «Tischlein deck dich» sind Sie zum Vorbild geworden, wie ein reicher Mann seinen Reichtum weitergibt.
Ich muss Sie korrigieren. «Tischlein deck dich» ist zwar von mir gegründet und in den ersten Jahren finanziert worden, und ich bin bis heute dieser gemeinnützigen Organisation eng verpflichtet. Doch sie lebt nicht mehr von meinen Spenden. Es sind die vielen Organisationen, die Lebensmittel weitergeben. Und es sind die fast 4000 freiwilligen Helfer, die dafür sorgen, dass die Nahrungsmittel zielgerecht verteilt werden. Ihnen gehört der Dank.

Nimmt Armut auch in der Schweiz überhand?
Auch in unserem Land gibt es immer mehr Menschen, die bedürftig sind. Wir rechnen mit 600 000 Personen, die nicht wissen, wie sie über die Runden kommen und wie sie am Ende des Monats die Rechnungen bezahlen. Und angesichts der steigenden Prämien für Krankenkasse, Versicherung und Kosten für elektronische Geräte wird das in Zukunft noch enger. Es erfüllt uns mit Freude, hier ein Stück weit für einen Ausgleich zu sorgen.

Worauf geht Ihr soziales Engagement zurück?
1986 habe ich zusammen mit Reinhold Messner den Kailash, den heiligen Berg in Tibet, umrundet. Diese Expedition hat mich tief geprägt. Am Kailash treffen Buddhismus und Hinduismus aufeinander. Sie haben mich Sorgfalt, Sharing und Grosszügigkeit gelehrt. Und die Erkenntnis, dass wir alles und immer wieder versuchen müssen, gute Menschen zu sein. Unverändert bin ich Katholik und werde eines Tages vielleicht auf dem nachbarlichen Friedhof von Erlenbach ruhen.

Zum Schluss noch zwei existenzielle Fragen. Liebe gehört zur Grundessenz des Daseins. Was bedeuten Ihnen die Frauen in Ihrem Leben?
Frauen sind für mich wahre Quellen der Inspiration und der Bereicherung. Das Grösste im Leben ist, eine Frau glücklich zu machen.

Und wohin bewegt sich die Welt?
Die Welt dreht sich munter weiter – wie eh und je. Es gab Zeiten, da haben in der Schweiz Schlachten stattgefunden, nach denen die Eidgenossen die Herzen der Toten grilliert und mit dem Fett ihre Stiefel poliert haben. Auch wenn sich die Welt immer weiter dreht, müssen wir schliesslich loslassen – das Schwierigste hier auf Erden. Auf dass wir alle im glücklichen Nichtsein landen. Wobei es schon ganz gut wäre, wenn die Guten und Bösen im Jenseits getrennt würden. Auf dass wir Rechenschaft ablegen für unser Leben und Gerechtigkeit waltet.

Erstellt: 30.09.2018, 13:36 Uhr

Zur Person

Beat Curti kam am 4. November 1937 in Luzern zur Welt. Er arbeitete nach Studien in Lausanne und in Boston sechs Jahre als Managementberater für McKinsey in Europa, den USA und Asien. Beat Curti rief die Bon-appétit-Gruppe in der Schweiz und in Frankreich ins Leben, der Pick Pay, Prodega, Howeg, Import Parfumerie, Speisewagen-Gesellschaft und Starbucks angehörten. Als CEO und späterer Besitzer baute er die Jean-Frey-Mediengruppe mit «Weltwoche», «Beobachter», «Bilanz» und «Bolero» aus. Als grösster Aktionär der Goldbach Media, die er gegründet hatte, vertraute Beat Curti das Unternehmen in diesem Jahr Tamedia an. Er ist Mitgründer und Verwaltungsrat von Software One, mit 3000 «Professionals» in 84 Ländern, und führt seine Stiftung zur Schaffung neuer Lebensräume. Er spielt Klavier und Golf, sammelt Kunst und lebt zusammen mit seiner Ehefrau Regula in Erlenbach.ml

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