Wädenswil

Vom Glück der Schinderei

4279 Kilometer vor sich, je rund 20 Kilogramm Gepäck und ein Ziel: einfach ankommen. Andy und Annerös Frei machen sich auf, die US-Westküste abzuwandern – durch Wüste, Schnee und Bärenland.

Andy und Annerös Frei werden unterwegs in einem öffentlichen Internet-Tagebuch über ihre Erlebnisse berichten.

Andy und Annerös Frei werden unterwegs in einem öffentlichen Internet-Tagebuch über ihre Erlebnisse berichten. Bild: Moritz Hager

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Der 52-jährige Andy Frei und seine um ein Jahr jüngere Ehefrau Annerös, wohnhaft im Wiler Mugeren nahe der Schlieregg, sind fast seit 30 Jahren verheiratet und haben zwei erwachsene Kinder.

Schreiner Andy ist Angestellter im Saunabau, Annerös schaut zum grossen Garten, zu den Tieren, Weiden und Obstbäumen. Zusammen zu wandern, hat sie schon immer begeistert.

Andy Frei scrollt an diesem frühlingshaften Nachmittag zu Hause auf dem Laptop auf der Seite www.schrittfuerschritt.blog.

«Erst um 7 Uhr in der Wüste Kaliforniens aus dem Schlafsack gekrochen. In der Nacht hat es tatsächlich geschneit.»Auszug aus dem Reisetagebuch

Vor ziemlich genau zwei Jahren hatten sie sich ein erstes Mal auf den Weg gemacht, den Pacific Crest Trail zu durchwandern. Das Unterfangen gelang nicht ganz, die Erlebnisse hielten sie in Form eines digitalen Reisetagebuchs fest.

Unter Reisetag 32 steht geschrieben. «Erst um 7 Uhr in der Wüste Kaliforniens aus dem Schlafsack gekrochen. In der Nacht hat es tatsächlich geschneit. Es ist richtig kalt.» Der Eintrag im Tylerhorse Canyon bei Kilometer 872 lautet: «8 Uhr, an der Stelle, wo Wasser aus der Leitung eines Aquädukts abfliesst, sehen wir auf der Gegenseite einen Mountain Lion, kurz Puma. Er schaut zu uns und verschwindet sogleich hinter dem Bergkamm. «Diese Begegnung hatte ein Nachspiel», sagt an dieser Stelle Annerös Frei.

An den Verpflegungsstationen finde jeweils ein reger Austausch unter den Wanderern statt, die sich unter Beinamen kennen würden. «Wir erzählten von der Begegnung mit dem Berglöwen.» Andy habe prompt den Namen «Mountain», sie «Lion» bekommen.

Fataler Ausrutscher

Auch Klapperschlangen und Bären kreuzten ihren Weg. «Manchmal bleiben die Klapperschlagen einfach auf dem Weg liegen, dann lohnt es sich, einen weiten Bogen um sie herum zu machen», sagt Andy Frei. «In der Sierra Nevada sahen wir Bären. Es war ein beeindruckender Moment.» Um die Bären nachts vom Zeltlager abzuhalten, werde der Proviant in «Bärenkanistern» aufbewahrt.

Einer der letzten Einträge im Blog datiert vom Tag 67, Forester Pass. Kilometer 1253. «Unten im Wald führt der Weg auf einem glitschigen Stamm über einen reissenden Bach. Andy rutscht plötzlich von einem Schneehaufen runter. Einer seiner Nordic-Walking-Stöcke bricht. Seine geschwollene Ferse bereitet uns Sorgen.»

«Für uns kam nicht infrage, dort weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten.»Annerös Frei

Das Ehepaar muss wegen der Verletzung den vorzeitigen Rückflug organisieren. Andy Freis Laune wird wieder besser, als ihm seine Frau versichert, das alles sei nur halb so schlimm. Sie waren sich einig, viel gelacht und eine intensive Zeit zusammen erlebt zu haben.

Deshalb beschlossen sie noch vor dem Rückflug, einen zweiten Versuch zu wagen. «Für uns kam nicht infrage, dort weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten», sagt Annerös Frei. «Was angefangen ist, machen wir fertig.» Sie seien willensstarke Leute, fügt Andy Frei an. Los geht es am 8. April mit dem Flug nach San Diego.

«Das Leben unterwegs verändert einen.»Andy Frei

Nun bereiten sie sich routiniert auf das grosse Abenteuer vor. Sie wissen genau, nicht zu viel Gepäck mitzunehmen. Denn jedes Kilo zu viel wiegt schwer. Die Trailschuhe aus Kunststoff bringen nur 500 Gramm auf die Waage. Speziell ist die Ausrüstung, die Andy Frei auf dem Rücken trägt: ein portables Solarpanel, das Strom für den Akku des iPhone liefert. Auch diesmal gibt es einen Blog.

Gefühl der totalen Freiheit

Das Naturschauspiel auf dem Trail sei faszinierend und helfe darüber hinweg, dass schon nach einigen Tagen irgendwo am Körper immer etwas wehtue, bemerkt Annerös Frei. Wahre Glücksgefühle stellen sich zudem ein. Sie schildert, wie sie zusammen das Gefühl der totalen Freiheit geniessen. «Wir können über alles selbst entscheiden.»

Andy Frei ergänzt: «Das Leben unterwegs verändert einen. Nur mit dem Allernötigsten auszukommen, ist eine lehrreiche Erfahrung.» Er verlässt kurz die gute Stube und kommt mit einer Fischerrute zurück. «Die nehmen wir diesmal mit. Fischen ist wie Grillieren überall erlaubt.»

www.schrittfuerschritt.blog

Erstellt: 06.04.2019, 09:57 Uhr

Von Campo nach British Columbia

Der Pacific Crest Trail (PCT) führt auf 4279 Kilometern von der mexikanischen Grenze in Campo bis zur US-kanadischen Grenze im Manning-Nationalpark in British Columbia. Dabei durchquert er die Staaten Kalifornien, Oregon und Washington und kreuzt den Gebirgszug Sierra Nevada und die Kaskadenkette. Letztes Jahr feierte der PCT sein 50-jähriges Bestehen und hat enorm an Popularität gewonnen. 2013 starteten 1900 Personen, um mindestens 800 km auf dem PCT zu wandern. 2016 gab es bereits 5700 Anmeldungen. Von diesen schafften nur 727 den Weg vom Anfang bis zum Ende. Einzelne Abschnitte werden jährlich von Tausenden von Wanderern begangen. (uz)

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