Wochengespräch

«Unsere Gesellschaft wird immer bunter»

In der Martin-Stiftung in Erlenbach leben und arbeiten Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Heuer feiert sie ihr 125-jähriges Bestehen. Direktor Jürg Hofer erklärt, wie sich die Stiftung im Lauf der Zeit gewandelt hat und was für die Zukunft ansteht.

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«Was heisst normal?» – diese Frage eröffnet am 20. April ein Symposium zum 125-Jahr-Jubiläum der Martin-Stiftung. Welche Antwort gilt für Sie?
Jürg Hofer: Vielfalt ist normal. Jeder Mensch ist anders – und diese Vielfalt macht unsere Gesellschaft aus. Dazu gehören eben auch die Menschen, die nicht der gängigen Norm entsprechen und gemeinhin als Randgruppen definiert werden. Dieser Sichtweise einer bunten Gesellschaft entspricht auch unser Leitbild in der Martin-Stiftung. Die Geschichte zeigt natürlich ein anderes Bild.

Welches?
Früher lebten die Menschen der Martin-Stiftung isoliert von der sonstigen Dorfbevölkerung. Sie wohn­ten zu sechzehnt in grossen Sälen, ohne jede Privatsphäre. Als einzige Beschäftigung konnte, wer entsprechend leistungs­fähig war, zur Selbstversorgung beitragen. Alle anderen waren mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen, gewissermassen «abgemeldet» – von Betreuung, ja gar von Förderung kann man nicht sprechen. Es hatte denn auch viel zu wenig Personal.

Wie lange ging das so?
Der grosse Wendepunkt kam 1960 mit der Einführung der Invalidenversicherung (IV). Dabei wurden Standards im Arbeits- und Wohnbereich definiert, die die Heime den Menschen mit Behin­derung bieten mussten – wenn sie finanzielle Mittel vom Bund erhalten wollten.

Was hat das für die Martin-Stiftung bedeutet?
Sie brauchte bald mehr Platz. 1975 wurde das heutige Haupt­gebäude eröffnet, auch dann noch mit Sechserzimmern und geschlechtergetrennten Wohngruppen. Die Unterscheidung in verschiedene Wohnformen und die Einrichtung von Einzelzimmern hat sich erst in den 90er-Jahren durchgesetzt. So verfügt die Stiftung heute über Wohngruppen mit ständiger oder punktueller Betreuung, bis hin zu Einzelwohnungen, in denen die Bewohner fast selbstständig leben­. Ebenso differenziert ist die Förderung.

Sie erwähnten, dass die Bewohner der Stiftung kaum Kontakt mit der übrigen Dorfbevölkerung hatten. Gab es da ein Umdenken?
Mein Vorgänger, Ernst Brändli, hat in den 80er-Jahren begonnen, den Bewohnern indi­vi­du­elle Aus­flüge ins Dorf zu ermög­lichen. Dort hat dies zu Beginn für Irritationen gesorgt. Mitt­lerweile gehören unsere Leute völlig selbstverständlich zum Dorf­bild von Erlenbach.

Wie hat sich die Arbeit für die Betreuer verändert?
Entgegen der ursprünglichen Haltung, nach dem Prinzip «Ich weiss, was gut für dich ist», fördern wir heute ein möglichst selbstbestimmtes Leben. Das war am Anfang für langjährige Angestellte eine grosse Umstellung. Doch die Erfolge der neuen Heran­gehensweise liessen nicht lange auf sich warten; viele Bewoh­ner entwickelten Fähigkeiten, die vorher kaum zutage getreten waren.

Richten wir den Blick in die Zukunft. Wie sieht diese für die Martin-Stiftung aus?
Im Sinne der UNO-Behindertenrechtskonvention, die die Schweiz 2014 ratifiziert hat. Diese verlangt unter anderem die Teilhabe beeinträchtigter Menschen an der Gesamtgesellschaft. Dazu gehört das Recht auf freie Wohnwahl der Betroffenen. Das bedeutet für uns: Wir müssen noch mehr vom Heimcharakter wegkommen. Ich stelle mir in gut 20 Jahren ein Quartier Bindschädler * vor, in dem Leute mit und ohne Beeinträchtigung durchmischt zusammen leben. Für die Menschen der Martin-Stiftung wird es noch mehr individualisierte Wohn­formen geben, neben den bishe­rigen Angeboten mit Voll- oder Teilbetreuung. Dieses bunte Quartierleben ermöglicht zusätzlich sinnvolle geschützte Arbeitsplätze, zum Beispiel in der Hauswartung oder durch den Betrieb eines öffentlichen Restaurants.

Sind Sie sicher, dass die Gesellschaft bereit ist, den behin­derten Menschen diese Teilhabe zu gewähren?
Da bin ich zuversichtlich. In den nächsten 20 bis 30 Jahren wird unsere Gesellschaft noch viel bunter werden.

Ein wichtiger Faktor für Teilhabe ist, in der freien Wirtschaft zu arbei­ten. Wie steht es um die Bereitschaft der Arbeitgeber?
Wir erfahren viel Sensibilität von der Privatwirtschaft. Wenn man die beeinträchtigten Menschen gut im Arbeitsprozess begleitet, dann geht vieles. Auch mit Aufträgen für unsere geschützten Arbeitsplätze sind wir gut aus­gelastet. Am Symposium werden zudem Verantwortliche eines Grossverteilers berichten, wie Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung in ihren Filialen einfache Tätigkeiten übernehmen.

Durch die Digitalisierung könnten einfache Arbeiten – wie sie auch Bewohner der Martin-Stiftung ausführen – überflüssig werden. Wie sehen Sie dies?
Ich glaube, es werden sich immer Nischen finden. Das Zwischenmenschliche wird zum Luxusgut; davon können wir profitieren. Zur erwähnten UNO-Konvention gehört auch die Forderung nach Autonomie für Menschen mit Behinderung. In der Praxis stösst sie wohl schnell an ihre Grenzen. Zu einem selbst­bestimmten Leben gehört auch Selbstverantwortung. Diese muss Schritt um Schritt erlernt werden. Will jemand in einer eige­nen Wohnung leben, muss er auch kochen und reinigen sowie seine Freizeit für sich sinnvoll ge­stal­ten können. Das kann bei uns zum Beispiel in der Wohntrainingsgruppe in Stäfa geübt werden. Erst wenn diese Fähigkeiten vorhanden sind, ist der Schritt in die eigene Wohnung möglich. Zur Begleitung gehört daher auch die Auseinandersetzung: Was ist möglich? Was braucht es noch? Wie kommen wir dorthin?

Eine herausfordernde Arbeit. Was fasziniert Sie persönlich daran­?
Jeder Tag bringt Ungeplantes mit sich, es gibt wenig Routine. Aber gerade diese täglichen Herausforderungen sind es, die ich an dem Beruf besonders mag – wenn wir immer wieder auch ohnmächtige Situationen erfahren.


* «Im Bindschädler» heisst die Strasse, an der die Gebäude der Stiftung liegen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.03.2018, 13:47 Uhr

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