Philosophie Festival

Wie ein Türsteher entscheidet

Cheikh «Franky» Diba arbeitet als Türsteher für die Piranha Bar an der Langstrasse. Nacht für Nacht trifft er Entscheidungen, die handfeste Konsequenzen haben können. Am Zürcher Philosophie Festival spricht er über seine Erlebnisse im Nachtleben.

Einlass oder Rausschmiss: Cheikh Diba, von allen Franky genannt, bestimmt, wer in der Piranha Bar an der Zürcher Langstrasse feiern darf und wer nicht. Trotz Gewalt und absurder Szenen liebt der 47-Jährige seinen Job.

Einlass oder Rausschmiss: Cheikh Diba, von allen Franky genannt, bestimmt, wer in der Piranha Bar an der Zürcher Langstrasse feiern darf und wer nicht. Trotz Gewalt und absurder Szenen liebt der 47-Jährige seinen Job. Bild: Colin Frei

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Die Glastüre mit dem roten Rahmen geht auf. Cheikh Diba streckt den Kopf raus und strahlt über das ganze Gesicht. Die blaue Anzugjacke spannt sich über seine muskulösen Oberarme. Mit seinen riesigen Händen winkt er und bittet in die Piranha Bar an der Langstrasse in Zürich. Bevor er die Türe schliesst, blickt er auf den Sprung im Glas. «In der Silvesternacht hat jemand eine Bierflasche nach mir geworfen. Ich konnte mich zum Glück ducken», sagt er, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Der Club ist an diesem Montagnachmittag leer, erst um 17 Uhr öffnet er seine Tore für Gäste. Nichtsdestotrotz glitzern die zwei Discokugeln bereits im wechselnden Licht der farbigen Scheinwerfer. Die Piranha Bar ist Dibas Arbeitsplatz. Seit 19 Jahren ist der 47-Jährige hier als Türsteher tätig. «Cheikh, so nennt mich niemand, ich heisse für alle Franky», sagt der gebürtige Senegalese und lacht. Zu verdanken hat er seinen Spitznamen dem Film «Old School», darin mimt Schauspieler Will Ferrell die Figur Frank «The Tank». «Tank» bedeutet Panzer auf Englisch. Stark und etwas angsteinflössend wie ein Panzer wirkt der 1,85 Meter grosse und durchtrainierte Mann mit der tiefen Stimme tatsächlich ein bisschen.

Das ist für seinen Job aber nur von Vorteil. Jede Nacht entscheidet Diba, wer in der Piranha Bar Party machen darf und wer draussen bleiben muss. Am dritten Zürcher Philosophie Festival, das seit Donnerstag unter dem Motto «Entscheide dich» läuft, ist der Türsteher neben Bachelorette Andrina Santoro zu Gast in der «Philosophy Late Night Show» und erzählt, auf was er bei der Einlasskontrolle achtet und was ihm als Sicherheitsmann bereits alles widerfahren ist.

Als Türsteher ist es Ihre Aufgabe zu bestimmen, wer in den Club rein darf und wer nicht. Welche Entscheidungen fallen Ihnen persönlich schwer?
Cheikh Diba: Ich glaube, die schwierigste Entscheidung wäre für mich, meinen Job aufzugeben.

Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, damit aufzuhören?
Ja klar, meine Arbeit ist risikoreich und kann teilweise gefährlich sein. Meine Frau macht sich oft Sorgen um mich. Deshalb habe ich schon oft überlegt, ob ich es nicht sein lassen soll.

Und doch arbeiten Sie nun schon seit 19 Jahren für die Piranha Bar. Wie kam es dazu?
Ich bin gelernter Schreiner und arbeitete als selbstständiger Bühnenbauer. Ich wurde von der Piranha Bar engagiert, um eine Bühne für einen Samba-Event zu errichten. Während der Vorbereitungen gerieten sich die Organisatoren vor meinen Augen in die Haare. Es wäre beinahe zu einer Schlägerei gekommen. Ich konnte nicht anders und bin dazwischen gegangen. Piranha-Bar-Besitzer Orhan Öztas hatte mich beobachtet und war begeistert. Er bot mir einen Job an. Zu Beginn arbeitete ich nur freitags und samstags. Doch weil ich aufgrund der nächtlichen Tätigkeit vielfach erst am Nachmittag aufstand, konnte ich viele Schreineraufträge nicht mehr wahrnehmen. Daher entschied ich mich, ganz auf den Sicherheitsberuf zu setzen. Leicht fiel mir das jedoch nicht. Ich habe keine Ausbildung zum Türsteher absolviert. Aber Zivilcourage kann man ja sowieso nicht lernen, die hat man einfach.

«Die Gäste sind nicht meine Freunde und trotzdem vertrauen sie mir Persönliches an. Das ist wunderschön.»Cheikh «Franky» Diba, Türsteher

Ihr Job bedeutet also mehr, als einfach Leute vor dem Club reinzulassen oder abzuweisen?
Viel mehr. Gewisse Gäste kenne ich seit Jahren. Wenn Leute vor der Türe anstehen, wechsle ich ein paar Worte mit ihnen. Manche sehe ich jahrelang nicht und dann tauchen sie plötzlich wieder auf. Sie schütten mir dann oft ihr Herz aus, erzählen von ihren Trennungen, von ihren Sorgen. Sie sind nicht meine Freunde und trotzdem vertrauen sie mir Persönliches an. Das ist wunderschön. Zudem habe ich schon einige Liebesgeschichten miterleben können. Leute, die sich in der Piranha Bar kennen gelernt haben und heute verheiratet sind und Kinder haben. Ich wurde schon an so einige Hochzeiten eingeladen. Deshalb liebe ich meinen Job, weil ich auf ganz unterschiedliche Menschen treffe, und ihnen durchs Zuhören und manchmal auch durchs Streitschlichten helfen kann.

Im Nachtleben gehören Streit und Schlägereien zur Tagesordnung, vor allem wenn Alkohol und Drogen im Spiel sind. Wie oft haben Sie schon etwas abbekommen?
Schon einige Male. Gewisse Personen flippen aus, wenn ich ihnen den Eintritt verwehre. Vor 13 Jahren rammte mir deswegen jemand eine Schere ins Gesicht. Sie verfehlte knapp meine Augen. Ich trage auf meiner Nase eine Narbe davon. Vor drei Monaten biss mir eine Frau in die Hand und in die Arme, weil ich sie darum bat, mir ihren Pfefferspray, den sie in der Handtasche hatte, auszuhändigen. Ich blutete stark und musste ins Spital.

«Was im Leben passieren soll, passiert, egal was du machst und wo du bist.»

Haben Sie nie Angst, dass Ihnen ernsthaft etwas zustösst?
Grundsätzlich habe ich keine Angst. Was im Leben passieren soll, passiert, egal was du machst und wo du bist. Leute standen schon mit Pistole oder Sturmgewehr vor der Tür, doch ich wusste, das sind Halbstarke. Nur eine Auseinandersetzung ist mir richtig eingefahren. Ein Typ stand mit seiner Freundin vor der Piranha Bar an. Er versteckte seine Hände verdächtig in den Jackentaschen. Als ich ihn fragte, was er in den Taschen habe, streckte er mir einen Pfefferspray und ein Messer entgegen und bedrohte mich. Ich konnte ihm beides zum Glück abnehmen. Erst nach dem Vorfall erfuhr ich, dass dieser Mann wegen Mord zu elf Jahren Haft verurteilt war und an diesem Abend Ausgang hatte. Das hat mich getroffen, weil ich wusste, dass dieser Mensch zu allem fähig ist und mir tatsächlich etwas hätte antun können.

Als Türsteher müssen Sie eine gute Menschenkenntnis haben. Doch was ist am Ende ausschlaggebend dafür, ob Sie jemanden reinlassen oder nicht?
Ich beobachte die Leute schon, wenn sie auf die Piazza Cella zusteuern, nicht erst wenn sie vor dem Club stehen. Wenn sie herumtorkeln, betrunken wirken oder aggressiv auftreten, ist der Fall für mich bereits klar. Ich gebe ihnen dann freundlich zu verstehen, dass sie ein anderes Mal vorbeikommen sollen. Der Zustand ist für mich ausschlaggebend. Zudem spielt auch die Motivation der Leute eine Rolle. Wenn jemand Party machen und eine gute Zeit verbringen will, ist er willkommen. Wenn jemand Ärger sucht und Rambo spielen will, muss er nicht in die Piranha Bar kommen.

«Vor 13 Jahren rammte mir jemand eine Schere ins Gesicht. Sie verfehlte knapp meine Augen.»Franky

Im Ausgang geht man ab, feiert und tanzt. Wie blöd muss man tun, bis man von Ihnen aus dem Club geschmissen wird?
Wenn jemand andere Gäste belästigt oder sich aggressiv aufführt. Wir hatten mal einen Gast, der Frauen bis auf die Damentoilette verfolgte. Das geht natürlich gar nicht. Ein anderer Gast pinkelte vor allen Leuten auf die Tanzfläche. Solches Verhalten tolerieren wir nicht. Wir nehmen die Personalien auf und geben diesen Leuten Hausverbot. Je nachdem, was sie verbrochen haben, für ein paar Monate, manchmal auch für ein Jahr. Lustig ist, dass gewisse Leute nach Ablauf des Verbots auf die Stunde genau wieder vor unserer Türe stehen. Aus Erfahrung weiss ich, dass genau diese Personen dann am selben Abend bereits wieder ein Hausverbot einkassieren, als wären sie nicht fähig, aus ihren Fehlern zu lernen.

 «Viele sagen: Franky, ich habe doch gar nichts gemacht.»

Akzeptieren die Leute, wenn sie gehen müssen oder rasten sie aus?
Die meisten sehen es ein. Wichtig ist eine gute Kommunikation. Ich habe festgestellt, dass die Leute wissen wollen, weshalb sie rausgeworfen werden. Viele sagen: «Franky, ich habe doch gar nichts gemacht.» Ich muss ihnen dann anständig beibringen, dass Frauen begrapschen oder auf den Boden pinkeln ein No-Go ist.

Sie sorgen aber nicht nur in und vor der Piranha Bar nach dem Rechten. Wenn jemand an der Langstrasse Hilfe braucht, sind Sie zur Stelle.
Ja, wenn jemand in Not ist, kann ich nicht anders, als zu helfen. In der Silvesternacht gab es zum Beispiel eine brutale Schlägerei im «El Presidente»-Club. Man rief mich zu Hilfe. Ich hielt zwei Täter fest, verständigte die Polizei und rief die Ambulanz.

Man nennt Sie nicht umsonst den Helden der Langstrasse. Regelmässig erhalten Sie Dankesbriefe der Stadtpolizei. Und nun sind Sie sogar als Gast am Zürcher Philosophie Festival eingeladen.
Ja, die Einladung kam total überraschend. Ich habe nichts mit Philosophie am Hut. Mein 16-jähriger Sohn war hell begeistert und überredete mich, mitzumachen. Ich bin schon etwas nervös. Schliesslich bin ich kein Mann der Worte, sondern der Taten.

Philosophischer Schwatz: Die «Philosophy Late Night Show» findet am Freitag, 17. Januar, von 22.30 bis 24 Uhr im Kulturhaus Kosmos statt.

Erstellt: 16.01.2020, 11:57 Uhr

Zur Person

Cheikh Diba wurde in der senegalesischen Hauptstadt Dakar geboren. Mit 21 lernte er seine erste Frau kennen und zog in die Schweiz. Der gelernte Schreiner begann 2001 als Türsteher für die Piranha Bar zu arbeiten. Mit seiner zweiten Ehefrau, seinem Sohn und seiner Tochter wohnt der 47-Jährige in Zürich. (sib)

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