Wochengespräch

«Sinn für Gemeinwohl beeindruckt mich»

Seit 2010 ist Simona Scarpaleggia CEO von Ikea Schweiz. Die Förderung von Frauen in der Arbeitswelt ist ihr ein zentrales Anliegen.

Simona Scarpaleggia ist Ikea-Schweiz-Chefin. Sie fördert Frauen und Nachhaltigkeit.

Simona Scarpaleggia ist Ikea-Schweiz-Chefin. Sie fördert Frauen und Nachhaltigkeit. Bild: Patrick Gutenberg

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Sie haben schon 2000 Ihre erste Stelle in der Möbelhauskette Ikea angenommen, damals noch in Italien. Nach 17 Jahren rund um Ikea-Produkte – welches ist Ihr liebstes?
Simona Scarpaleggia: Da gibt es viele. Aber eines ist sicher das Bücher­gestell Billy, das ich auch privat besitze – für meine vielen Bücher, denn ich liebe es, zu lesen. Dieses Gestell hat alle meine Wohnungswechsel in den letzten 20 Jahren mitgemacht. Dabei erwies es sich natürlich als praktisch, dass es sich so leicht aus­einander- und wieder zusammensetzen lässt.

«Vielen Menschen einen besseren Alltag schaffen», ist ein Versprechen von Ikea: Die ange­botenen Produkte sollen nicht nur praktisch, sondern auch für jedermann erschwinglich sein. Tiefe Preise wecken bei einigen Leuten die Assoziation zu tiefer Qualität. Wie stehen Sie dazu?
Mit unserem Anspruch, hohe Qualität zu tiefen Preisen zu verkaufen, schwimmen wir zweifellos gegen den Strom. Genau das macht aber die Mentalität von Ikea aus. Dass unsere Produkte eine hohe Qualität aufweisen, zeigt sich auch darin, dass wir für unsere Möbel lange nach dem Kauf noch Garantieleistungen anbieten. Und immer wieder erhal­ten wir gute Testresultate der Zeitschrift «K-Tipp».

Ein weiteres Versprechen ist die Nachhaltigkeit der Produkte in Bezug auf soziale und ökologische Massstäbe bei der Herstellung. Steht dies nicht im Widerspruch zu moderaten Preisen?
Unter Nachhaltigkeit verstehen wir, mit unseren Produkten dem Kunden ein umweltschonen­deres Leben zu ermöglichen, ­etwa mit einem grossen Angebot an LED-Lampen. Diese helfen, Strom zu sparen – und letztlich auch Geld. Zudem setzen wir als Unternehmen auf Nachhaltigkeit. Die Verwendung von Biobaumwolle, für deren Anbau weni­ger Wasser verbraucht wird als bei konventioneller, gehört dazu, oder der Gebrauch von weni­ger Verpackungsmaterial. Das eingesparte Geld steht uns für Investitionen zur Verfügung – eine Win-win-Situation.

«Es gibt noch in jedem Land Ungerechtigkeiten.»

Besonders am Herzen liegt Ihnen die Förderung von Frauen im Berufs­leben. Seit 2015 wir­ken­ Sie als Co-Vorsitzende des UNO-Gremiums für eine beschleunigte Frauenförderung in der Wirtschaft. Warum ist Ihnen die Frauenförderung so wichtig?
Ich beschäftige mich schon seit 25 Jahren mit der Gleichberechtigung der Geschlechter; sie be­deu­tet für mich: Menschenrecht. Frauen repräsentieren die Hälfte der Bevölkerung, es gibt keinen Grund, sie weniger an der Arbeitswelt teilhaben zu lassen als die Männer. Ich sehe die Förde­rung von Frauen vor dem Hintergrund, dass wir mit der weib­lichen Bevölkerung einen grossen Pool talentierter Arbeitnehmerinnen haben, den die Gesell­schaft nicht brachliegen lassen sollte. Wichtig ist mir ­dabei, dass Frauenförderung nicht in Diskriminierung der Män­ner mündet.

Wie sieht die Arbeit des UNO-Gremiums aus?
Das Gremium, bestehend aus 20 Mitgliedern, wurde gegründet, weil die Massnahmen zur Frauenförderung, wie sie jetzt im Gang sind, zu wenig schnell zum Erfolg führen. Wir haben letztes Jahr und diesen März je einen ­Bericht verfasst. Darin haben wir konkrete Empfehlungen für Regie­rungen, Unternehmen und Einzelpersonen festgehalten. ­Zudem ist jedes Mitglied in ständigem Kontakt mit Vertretern von Regierungen, der Weltbank, der G-7 und weiteren Organisationen, um die Frauenförderung voranzubringen.

Spüren Sie ein Interesse an der Frauenförderung vonseiten der Unternehmen?
Ja, bei dem Förderprogramm «Ad­vance – Women in Swiss ­Business», das ich 2013 gegründet habe, sind mittlerweile 63 Unternehmen dabei – nach anfänglich deren neun. Sie wollen bis 2020 erreichen, dass 20 Prozent ihrer Kaderstellen von Frauen besetzt werden. 40 Unternehmen haben zudem eine schrift­liche Erklärung zur Förderung von Frauen unterzeichnet.

Und auf das UNO-Gremium ­bezogen?
Dieses ist ja global ausgerichtet, und entsprechend geht es um ganz unterschiedliche Schwierigkeiten, mit denen Frauen in den jeweiligen Ländern konfrontiert sind. Zum Teil sind Frauen ja noch so stark benachteiligt, dass sie nicht einmal selbstständig ein Geschäft führen können. Das ist natürlich ein Extrembeispiel, aber eigentlich gibt es noch in ­jedem Land Ungerechtigkeiten.

Wie überzeugen Sie die Ver­treter des klassischen Rollenmodells, dass Frauen vermehrt in Kaderpositionen Eingang erhal­ten sollen?
Ich sage immer: Würden Sie nicht auch wollen, dass Ihre Tochter ­alle Möglichkeiten hat, ihre Ta­lente auszu­leben? Meist öffnet man mit einem persönlichen ­Bezug die Augen der Skeptiker.

Diese werden sagen, dass Frauen sich um die Kinder zu kümmern haben.
Ein Kind hat zwei Elternteile, ­Vater und Mutter. Beide sollten Erziehungsarbeit leisten und dem Kind als wichtigste Bezugspersonen zur Seite stehen. ­Krippen und andere Betreuungseinrichtungen können sie dabei unterstützen. Wir bei Ikea wollen diese Modelle fördern und bieten deshalb zum Beispiel das Arbeiten von zu Hause aus an, und ab September führen wir den zweimonatigen Vaterschaftsurlaub ein.

«Wir führen den zweimonatigen Vaterschaftsurlaub ein.»

Sie leben nun seit sieben Jahren in der Schweiz. Wo sehen Sie die grössten Unterschiede zu Ihrer Heimat Italien?
Es gibt grosse Unterschiede. Was mich an den Schweizern beeindruckt, ist ihr starker Sinn für die Gemeinschaft, die Umwelt, das Gemeinwohl im Allgemeinen. Das hat wahrscheinlich mit der direkten Demokratie zu tun. Sie erscheinen mir zudem pragma­tischer als die Italiener. Gerade bei der Frauenfrage: Die Schweizer sind vielleicht zuerst auch skeptisch – wenn sie aber die Vorteile erkennen, sind sie schnell überzeugt. In Italien hingegen beobachte ich in letzter Zeit eher wieder ein Zurückgehen zum traditionellen Rollenbild.

Und im alltäglichen Leben?
Die Beziehung zum Essen ist ganz klar verschieden in den beiden Ländern. Hier erlebe ich oft, dass die Leute nebenbei essen und etwa nur einen Salat zum Abendessen nehmen. Das ist für mich unmöglich. (lacht) Ich mag dann schon etwas «Richtiges» und koche auch sehr gern. Essen hat in Italien noch immer einen hohen Stellenwert.

Ihr Büro befindet sich am Ikea-Schweiz-Hauptsitz in Spreitenbach, Ihr Wohnort in Kilchberg. Warum haben Sie sich für Kilchberg entschieden?
Nun, so weit weg ist es ja auch wieder nicht. Ich fahre jeweils gegen die grossen Pendler­ströme. An Kilchberg schätze ich die Nähe zum See, die Natur. Kilchberg hat sich eher aus Zufall ergeben. Genauso gut könnte ich auch in der Stadt wohnen. Ich bin ja eigentlich ein Stadtmensch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.05.2017, 14:40 Uhr

Zur Person

Simona Scarpa­leggia ist in Rom geboren und hat Politikwissenschaft studiert. Ihren Einstieg im schwedischen Möbelhaus Ikea hatte sie 2000 als Personalchefin von Ikea Italien. Sieben Jahre später wurde sie Landes-Vizechefin, 2010 dann CEO von Ikea Schweiz.
Seit Januar 2015 ist die 56-Jährige neben dem Staatspräsidenten von Costa-Rica, Luis Guillermo Solis Rivera, Co-Vorsitzende des UNO-Gremiums für die beschleunigte Förderung von Frauen in der Wirtschaft. Frauenförderung war ihr bereits ein Anliegen, als sie noch in Italien gearbeitet hat. Sie gründete dort das Förderprogramm «Valore D» und später in der Schweiz «Advance – Women on Business».
Scarpaleggia ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und wohnt in Kilchberg.

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