Sternenkinder

Sie hält die Erinnerung an die Sternenkinder wach

Wenn Eltern vor, während oder kurz nach der Geburt ihr Kind verlieren, bricht eine Welt zusammen. Eine Erfahrung, welche auch die Erlenbacherin Nathalie Himmelrich machte. Heute setzt sie sich für die Eltern von Sternenkindern ein.

«Wenn ich gefragt werde, wie viele Kinder ich habe, sage ich zwei.», erzählt Nathalie Himmelrich, die nach der Geburt, eines ihrer Zwillinge verlor.

«Wenn ich gefragt werde, wie viele Kinder ich habe, sage ich zwei.», erzählt Nathalie Himmelrich, die nach der Geburt, eines ihrer Zwillinge verlor. Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sechs Jahre alt wäre Amya heute. Ebenso alt wie ihre Zwillingsschwester Ananda Mae. Doch im Kinderzimmer in Erlenbach schläft und spielt nur eines der beiden Mädchen. Amya ist drei Tage, nachdem sie zur Welt gekommen ist, wieder gegangen – sie ist ein Sternenkind. So werden Kinder genannt, die während der Schwangerschaft, der Geburt oder kurz danach gestorben sind.

Auch wenn Amya nicht mehr hier weilt, für ihre Mutter, Nathalie Himmelrich, ist und bleibt sie allgegenwärtig. «Wenn ich gefragt werde, wie viele Kinder ich habe, sage ich zwei.» Wenn sie dann erkläre, dass eines der beiden Kinder gestorben sei, führe dies häufig zu einem abrupten Gesprächsabbruch.

Stille Geburten, also Tot- und Fehlgeburten, sowie Kinder, die kurz nach der Geburt sterben, sind in der Gesellschaft immer noch ein Tabuthema. Dieses Tabu aufzubrechen, die Erinnerung an diese Kinder wachzuhalten, das ist einer der Gründe, weswegen Himmelrich einen grossen Teil ihres Lebens den Sternenkindern, ihren Eltern und deren Angehörigen widmet. Die 48-Jährige hat mit dem Grieving Parents Support Network ein digitales Netzwerk für Betroffene initiiert und schon mehrere Bücher zum Thema herausgegeben. Auch beruflich betreut die Psychotherapeutin trauernde Eltern.

«Hope» und «Passion»

Auf den Verlust des eigenen Kindes konnte sie ihr beruflicher Hintergrund hingegen nicht vorbereiten. «Das ist etwas, was man sich vorher nicht vorstellen kann», beschreibt Himmelrich die emotionale Extremsituation.

Als die Ärzte in der 19. Schwangerschaftswoche feststellten, dass einer der beiden Zwillinge unter dem Potter-Syndrom leidet, einer schweren Fehlfunktion der Nieren, war der Schock gross. Die Diagnose löste bei den Eltern – die damals noch in Australien lebten – eine Achterbahn der Gefühle aus. Dies umso mehr, weil es einem kleinen Wunder glich, dass Nathalie Himmelrich überhaupt mit Zwillingen schwanger geworden war. Bei der künstlichen Befruchtung war ihr nur eine befruchtete Eizelle eingesetzt worden, diese hatte sich aber von selbst geteilt – eineiige Zwillinge wuchsen heran.

Der Tiefpunkt war erreicht, als ein Arzt Himmelrich in der 26. Woche eine Abtreibung des kranken Kindes empfahl. «Er hat das Todesurteil gesprochen», erinnert sie sich immer noch sichtlich erschüttert. Doch mit dem Rückhalt ihrer eigenen Frauenärztin wehrten sich die Eltern und wechselten den Arzt. Von diesem Zeitpunkt an, war aber auch klar, dass sie sich mit Palliative Care, mit dem möglichen Tod von Amya auseinandersetzten. Dennoch, die Hoffnung auf zwei lebensfähige Kinder blieb. Nicht zuletzt, weil sie und ihr Mann Kärtchen aus einem Kartenset mit Gefühlszuschreibungen gezogen hatten, um den Zwillingen nicht mehr nur «a» und «b» sagen zu müssen. Während Ananda Mae den Übernamen «Passion», also Leidenschaft, erhielt, stand auf dem Kärtchen für Amya «Hope», Hoffnung.

Ein Bad als letztes Ritual

Fehlendes Fingerspitzengefühl im Umgang mit Sternenkind-Eltern, davon hört Himmelrich immer wieder. So erzählt sie etwa von einer Mutter, welcher das tote Kind von der Krankenschwester in einer Kartonschachtel weggebracht wurde. Dabei sei es so einfach, es seien kleine Gesten, die wichtig seien.

Von Mitgliedern ihres Sternenkind-Netzwerkes hört sie Erlebnisse aus der ganzen Welt. Das Schlimmste sei, wenn Kinder entmenschlicht würden, sagt Himmelrich. Sie selbst betont aber, dass das Erlebnis mit dem Arzt ihre einzige negative Erfahrung mit Fachleuten war. An die Geburt hat sie indes nicht mehr viele Erinnerungen, da sie betäubt war. Die Ärzte holten Amya und Ananda Mae in der 34. Woche per Kaiserschnitt auf die Welt.

Während sie spricht, macht Nathalie Himmelrich einen nachdenklichen, aber gefassten Eindruck. Doch es gibt auch immer wieder Momente im Verlauf des Gesprächs, in denen sie von ihren Gefühlen übermannt wird und Tränen in ihren ausdrucksstarken Augen schimmern. Das Zulassen von Trauer, der Umgang der Angehörigen mit Sternenkindeltern ist etwas, was Himmelrich beschäftigt. «Wie eine Mutter mit einem Verlust umgeht, ist individuell unterschiedlich», sagt sie. Während manche Eltern einen Abort im frühen Stadium scheinbar verkraften, ist dies für andere eine traumatische Erfahrung.

Auch Angehörige betroffen

Wichtig sei für sie als Mutter gewesen, dass es in ihrem Spital ein Kinderzimmer mit einer Wiege gegeben habe, wo sie ihre tote Tochter hineinlegen konnte. Eine würdige Umgebung, um Abschied zu nehmen. Auch das erste Bad und das Ankleiden des Babys seien für viele Sternenkind-Eltern ein Schlüsselerlebnis. «Das ist ein Ritual, das sie nachher nie wieder erleben können», sagt die Erlenbacherin.

Gedankenlose Aussagen nach dem Verlust sind für die Betroffenen fast immer verletzend: Sprüche wie, «du kannst es doch nochmals versuchen» oder «die Zeit heilt alle Wunden». Wichtig sei es, für die Eltern da zu sein und den Schmerz auszuhalten. «Man sollte nicht versuchen, die Situation zu verbessern», sagt Himmelrich. Dies sei nämlich schlicht nicht möglich. Vielmehr ist der Verlust eines Kindes eine Erfahrung, welche die Betroffenen ein Leben lang prägt.

«Amya wird immer ein Teil von mir sein», sagt Himmelrich dazu. Es helfe etwa, wenn Freunde und Verwandte den Eltern zum Monats- oder später zum Jahrestag der Geburt ein Kärtchen schickten. Man müsse keine Angst haben, dass die Erinnerung wieder hoch komme, weil diese sowieso immer da sei, betont Nathalie Himmelrich.

Doch nicht nur Eltern, auch Angehörige wie etwa Grosseltern haben oft mit der Situation zu kämpfen – nicht nur, weil das Enkelkind gestorben ist, sondern auch weil der Schmerz des eigenen Kindes derart gross ist. Deswegen haben auch sie Zugang zur geschlossenen Facebook-Gruppe, die Himmelrich initiiert hat.

«Es ist eine sehr grosse Isolation da», beschreibt sie die Situation vieler Betroffener. Mithilfe der Gruppe sollen Eltern und Angehörige diese Einsamkeit durchbrechen können. Einige der Teilnehmer treffen sich mittlerweile auch in der realen Welt, um sich auszutauschen, wie Himmelrich weiss. Nicht nur durch das digitale Netzwerk, auch mit ihrem Buch «Das erste Jahr nach dem Verlust meines Kindes überleben», das Ende Oktober erscheint, will sie informieren und Halt geben. 26 Eltern teilen darin ihre Geschichte. Himmelrichs Ziel ist es, dass der Band, den es auch auf Englisch gibt, betroffenen Eltern möglichst schon im Spital verteilt wird.

Fotos als Erinnerung

Tröstlich ist für Himmelrich und ihren Mann, dass sie Amya in den Tod begleiten konnten. «Als sie zusätzlich zum Potter-Syndrom eine Lungenembolie bekam, war das ein Zeichen für uns, die lebenserhaltenden Maschinen auszuschalten», sagt sie. Die Momente, die sie gemeinsam mit Amya nach deren Tod noch erleben durften, hat eine Fotografin festgehalten. Das Bild, welches Nathalie Himmelrich mit den beiden Babys auf der Brust und ihrem Mann zeigt, steht im Schlafzimmer. An diesem Ort der Geborgenheit, im Schutz ihrer Familie bleibt so die Erinnerung an Amya für immer wach.

Mehr Informationen zu Nathalie Himmelrich und dem Grieving Parents Support Network unter www.nathaliehimmelrich.com und www.grievingparents.net. Dort sind auch ihre Bücher erhältlich. Die neueste Publikation «Das erste Jahr nach dem Verlust meines Kindes überleben» ist ab Ende Oktober auf Deutsch erhältlich.

Erstellt: 13.10.2017, 16:11 Uhr

Sternenkinder

Jedes fünfte Kind stirbt vor 22. Woche

Sternenkinder oder Engelskinder werden Kinder genannt, welche während der Schwangerschaft, der Geburt oder kurz danach sterben. Dem Namen Sternenkind liegt der Gedanke zu Grunde, dass diese Kinder den Himmel oder die Sterne erreicht haben, bevor sie das Licht der Welt erblicken durften.
Während der Begriff ursprünglich nur für Föten verwendet wurde, die vor Vollendigung der 22. Schwangerschaftswoche starben, wird er heute in einem breiteren Kontext verstanden, teilweise sogar für ältere verstorbene Kinder verwendet. Wie drängend das Problem des Kindsverlustes ist, zeigen Zahlen, welche der Bundesrat in einem Bericht vom März präsentierte.
Darin wird davon ausgegangen, dass eine von fünf Schwangerschaften in der Schweiz vor der 22. Woche endet. Diese Föten werden von den Behörden als Fehlgeburten bezeichnet. Kinder, die nach diesem Zeitraum tot zur Welt kommen, gelten als Totgeburten. Zwischen 2010 und 2014 gab es in der Schweiz jährlich zwischen 340 und 400 Kinder, die nach der 22. Woche tot zur Welt kamen. Dies entspricht vier bis fünf Totgeburten pro 1000 Geburten. Am 15. Oktober ist der internationale Tag der Sternenkinder. Er wurde 2002 in den USA initiiert. phs

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!