Horgen

Seidenschätze werden gerettet

Das Ortsmuseum Sust sorgt dafür, dass seine historischen Seidenkleider gemäss heutigen Museumsstandards ­aufbewahrt werden. ­Fachleute besorgen die Aufbereitung in Liestal.

Ein Seidenumhang, wie er professionell und ohne Druckstellen in einer säurefreien Schachtel gelagert wird.

Ein Seidenumhang, wie er professionell und ohne Druckstellen in einer säurefreien Schachtel gelagert wird. Bild: zvg

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Jahrzehntelang lagerten 30 weinrote, mit Goldbuchstaben bedruckte Kartonboxen der Sammlung «Appenzeller» im Depot des Horgner Ortsmuseums. Die Sammlung vereint nicht nur Stoffe, Kleider, Musterbücher, Fotos und Kataloge, sondern sie enthält auch einen Überblick über den Rohstoff, beginnend von der Anpflanzung von Maulbeerbäumen bis zur Zucht von Seidenraupen. Sie wird derzeit in Liestal in der Textilpiazza, einem Kompetenzzentrum für textiles Schaffen, digitalisiert und für die professionelle Lagerung aufbereitet.

Textilkonservatorin Madeleine Girard erklärt, worauf es beim musealen Lagern ankommt. «Wir lagern ohne Giftstoffe gegen Schädlinge, dies im Hinblick auf die Mitarbeitenden. Man schaut, dass es sauber ist und dass die Sammelstücke kontrolliert werden. Die recht aufwendige Ver­packung ist ein grosser Teil der Arbeit.» Es gehe darum, ohne Druckstellen zu verpacken. Als Beispiel, wie aktuell im Museumsbereich Textilien gelagert werden, bringen Mitarbeitende einen seidenen Schulterumhang vom Ende des 19. Jahrhunderts. Dieser ist ­gepolstert mit einem passgenauen Vlieskissen und wird in einer säurefreien Schachtel aufbewahrt.

Lexikon über Seidenraupen

Die digitale Erfassung der Ob­jekte demonstriert der Historiker Dominique Rudin. Er zeigt, wie detailliert jedes Stück, seine Herkunft, Entstehungszeit und Voreigentümer mit sorgfältiger Beschreibung in einem vorgegebenen Raster erfasst wird.

Im März begannen in Liestal die Arbeiten für das Ortsmuseum Horgen. 3000 Objekte sind erfasst worden. Im Oktober soll das Projekt abgeschlossen sein. «Die digitalen Daten der Sammlung sollten Ende Jahr auf der Website Silkmemory der Hochschule Luzern aufgeschaltet werden und so für die Öffentlichkeit zugänglich sein», sagt Robert Urscheler, Präsident der Stiftung für das Ortsmuseum Horgen. Finanziert hat die Bearbeitung der Sammlung in der Textilpiazza die Zürcherische Seidenindustrie-Gesellschaft.

Die Sammlung «Appenzeller» hatte das Ortsmuseum 1978 von Hans Eduard Appenzeller (1893 bis 1987) geschenkt bekommen. Sein Vater, der Seidenindustrielle Eduard Appenzeller, hatte sie seit 1878 angelegt, der Sohn pflegte sie weiter und vergrösserte sie. Die Seidenfirma E. Appenzeller & Co. besass in Norditalien etliche Seidenspinnereien und handelte auch mit Seide. 1977 wurde die Firma aufgelöst. «Mit den Schautafeln ihrer Sammlung illustrierten die Herren Appenzeller wohl ihre Vorträge», vermutet Robert Urscheler, «oder die Schautafeln waren in einer Ausstellung zugänglich, so wie sich heute eine Firma via Powerpoint-Präsentation vorstellt.»

«Es ist wohl mehr als nur ­Marketing für ihr Seidengeschäft gewesen», sagt Dominique Rudin, der die Digitalisierung der Sammlung leitet. Sie dokumentiere die Geschichte der Seidenproduktion von China, Japan und Italien detailliert. «Das waren mehr als nur Geschäftsinter­essen. Sie ist typisch für das 19. Jahrhundert. Da legte man sehr gerne Sammlungen an. Das 19. Jahrhundert war ein positivistisches Zeitalter. Man hatte die Vorstellung, das Weltwissen sammeln zu können. Das Enzyklopädische spiegelt sich in der Sammlung wider. Ein Lexikon dieser Art über Seidenraupen und Seidenproduktion in dieser Vielfalt ist einmalig», sagt Rudin.

Kleider aus reichen Familien

Neben der Sammlung «Appen­zeller» übergab das Ortsmuseum auch seine Sammlung von Seidenkleidern zur fachgerechten Aufbereitung für die Lagerung im Depot des Ortsmuseums, das in einer Zivilschutzanlage beim reformierten Kirchgemeindehaus unter­gebracht ist. Das älteste ist ein Empirekleid aus dem Jahr 1810. «Die meisten der 64 Textilien waren in sehr gutem Zustand», erwähnt Girard. Sie umfassen einen Zeitraum von 1810 bis in die 1960er Jahre. «Man merkt, dass es Kleider vom Zürichsee sind, aus wohlhabenden Familien, elegant und modisch mit reicher Verzierung, viel luxuriöser als die Kleider im Baselland», sagt Girard. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.08.2017, 11:16 Uhr

Sonntag

Weberinnentag

Morgen Sonntag lädt das Ortsmuseum Sust zu seinem bereits zur Tradition gewordenen ­Weberinnentag. Seide wird auf einem rund 150 Jahre alten, in Horgen gebauten Hand­webstuhl gewoben. Neben der Schauweberei werden ein Workshop zum Selberweben, ein Vortrag über Wildseide und Handweberei in Indien (14 bis 15 Uhr) und Führungen angeboten. Die Humanitas-Stiftung Horgen verkauft ihre Produkte und Täschchen, die aus im Ortsmuseum gewobener Seide und Futterstoff hergestellt wurden. Für zwischendurch stehen ­Kaffee und Kuchen bereit.
gs
Sonntag, 27. August, 10 bis 17 Uhr, Ortsmuseum Sust, Bahnhofstrasse 27, Horgen. Weitere Informationen: www.sust-horgen.ch.

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