Gedanken zu Ostern

Die Kirche brennt

Eine Kolumne von Thomas Schaufelberger, Pfarrer und Leiter der Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer.

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Sie steht noch! Das war die erlösende Botschaft am Morgen nach dem Brand der Notre-Dame-Kathedrale. Eine in Flammen stehende Kirche hat viele Menschen bewegt. Und zwar weil hier nicht nur Steinquader, Holzbalken, Blei und Glas zu verbrennen drohten, sondern weil die Kathedrale im Herzen von Paris ein Symbol für eine uralte christliche Tradition ist. Die lodernde Kirche hat einen erschreckenden Gedanken ausgelöst: Was ist, wenn nicht nur dieses Bauwerk, das Europa erzogen, in den Verheerungen von Kriegen und Not getröstet, in Zeiten der Verunsicherung aufgerichtet hat, zerstört wurde? Sondern wenn mit ihm auch das verbrennt, was unser Zusammenleben im Kern zusammenhält? In Paris brannte ein Symbol des geistigen Erbes einer Gesellschaft, zu der das Christentum gehört.

Was bedeutet es also, wenn in diesen Tagen nicht nur ein Weltkulturerbe in Flammen steht, sondern wenn das Christentum im Herzen Europas in Rauch aufgeht: Was bleibt dann noch ausser rohem Darwinismus, der das Recht des Stärkeren zelebriert? Wie sollen Menschen noch getröstet werden, wenn sie Allerdunkelstes erleiden? Woher Mut schöpfen für Menschlichkeit? Wieso engagieren sich Menschen noch für eine verletzliche und doch so wunderbare Schöpfung? Weshalb den Hass noch stoppen, der in Menschen nicht mehr einen Nächsten oder eine Nächste sieht?

Es passt zur Karwoche, sich diesen Fragen zu stellen. Wer die Kreuzigungsgeschichte nachliest merkt, dass das katastrophale Ende der Geschichte Jesu nicht einfach von aussen kam. Verraten wurde er von einem seiner Freunde. Umso wichtiger ist der Ausblick auf den Ostermorgen. Denn die Grundstruktur von Notre-Dame steht noch! Doch was bauen wir am Morgen nach den Flammen? Welches geistige Zentrum braucht diese Gesellschaft? In den biblischen Texten der Auferstehung liegt eine Antwort.

Am Ostermorgen beginnt die Verwandlung der Welt. Ich kann mir die verändernde Kraft, die vom Auferstandenen ausgeht, nicht erklären. Aber ich werde von ihr mitgenommen. Auf orthodoxen Gemälden ist der auferstandene Christus niemals alleine zu sehen – immer streckt er Hände aus, um andere mitzunehmen – meist aus dem Tod oder aus den Flammen – in das Leben. Ostern erinnert nicht an eine ferne, vergangene Geschichte. Sondern erzählt den Aufbau eines Kompasses für das Zusammenleben und bringt das Beste in die Welt, was Menschen für sich und andere tun können: Mitgefühl, Leidenschaft, Liebe, Sorge, Hoffnung und Segen für eine Welt, die dringend eines neuen Herzens bedarf.

Erstellt: 20.04.2019, 10:07 Uhr

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