Rapperswiler Schlossvision

Aus dem Schloss darf kein Schlössli werden

Conradin Knabenhans, Leiter Regionalredaktion Obersee, zum Rapperswiler Schlossprojekt.

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Die Denkmalpflege hat Grenzen gesetzt. Aus der Schlossvision ist diese Woche ein Projekt geworden. Das «Scharnier-Gebäude» kann gebaut werden, darf aber keine neuen Mauerdurchbrüche verursachen. Nur dort, wo bereits Fenster bestehen, dürfen Türen eingebaut werden. Gerade der Gügelerturm kann nicht komplett für das Erlebnis Schloss genutzt werden. Nichtsdestotrotz kann die Vision von Otto Jolias Steiner mit einigen Anpassungen zur Zufriedenheit der Denkmalpflege umgesetzt werden. Das Schloss soll wieder der Bevölkerung gehören, das ist zentral.

Die Anpassungen sind dennoch eine Wende. In einem zentralen Punkt von ihrer ursprünglichen Vision abgewichen. Statt Wechselausstellungen soll nur eine Dauerausstellung im Schloss die Geschichte zeigen. Die Besuchererwartungen wurden von 100 000 auf 60 000 korrigiert. In der ersten Vision hiess es: Rapperswiler und Joner würden mindestens einmal im Jahr im Schloss begeistert. Sie seien Stammpublikum und Botschafter. Besucher aus dem Grossraum Zürich «sollen das Schloss mehrmals besuchen und müssen mit einem attraktiven Angebot immer wieder beworben und angelockt werden.» Und für Touristen gelte das Motto: «Schiff, Stadt, Schloss und Shopping». Ein wechselndes Programm mit Anziehungskraft garantiert wiederkehrende Besucher. Die Macher tun gut daran, trotz Dauerausstellung das Schloss und dessen Präsentation im Wandel zu behalten. Das Schloss darf nicht zum Besucherort für Generationen werden, frei nach dem Motto: «Ich gehe als Kind, später mit meinem Kind und dann mit meinen Enkeln».

Mit 60 000 geplanten Besuchern würde das Schloss Rapperswil in einer Liga mit den Schlössern Hallwyl und Wildegg spielen. Illusionen über einen neuen touristischen Magneten in der Region darf man sich also keine machen. Besonders dann nicht, wenn man mit dem Schloss Chillon am Genfersee vergleicht. Seit 1896 wird dort Eintritt verlangt; bereits 1927 zählte man über 100 000 Besucher. Ein Blick in die Besucherstatistik zeigt: In diesem Jahr waren es bis Ende November über 330 000. Nicht einmal ein Viertel der Besucher haben ihren Wohnsitz in der Schweiz, Tendenz sinkend.

Ganze 77 Prozent der Gäste kamen aus dem Ausland – darunter über 68 000 aus China, Tendenz stark steigend. In diesen Sphären kann und soll sich das Schloss Rapperswil nicht bewegen. Das ist auch den Machern klar. Man will keine Events und keine Chilbi, sondern gesellschaftliche Anlässe. Kultur statt Klamauk.

Aber auch mit weniger Besuchern als das Schloss Chillon soll sich Rapperswil-Jona nicht verstecken. Die Lage des Schlosses in der Rosenstadt ist tatsächlich einzigartig. Aber das reicht nicht.

Es braucht innovative Präsentationen und immer wieder frische Ideen. Es ist sicher löblich, dass die Vision realistischere Züge annimmt. Doch Rapperswil-Jona täte gut daran, die visionären Ziele weiterzuverfolgen. Momentan ist man aber eher dabei, tiefzustapeln und zurückzubuchstabieren. Die Geschichte des Schlosses ist zwar spannend, aber plötzlich auch etwas banal, meint etwa Otto Jolias Steiner. Historiker sollen jetzt die wirklich spannenden Spuren finden. Die einstige Ankündigung, das Schloss werde zum touristischen Motor der Stadt, wurde diese Woche korrigiert. Neu heisst es, «das Schloss trägt zur touristischen Entwicklung der Stadt» bei. Die Verantwortlichen der Ortsgemeinde und der Stadt brauchen Mut, ihre Pläne umzusetzen. Die Hürden werden noch genügend hoch sein, wenn es um die Finanzierung geht.

Jetzt braucht es die richtige Mischung. Aus Wunschdenken müssen visionäre Projekte werden. Es gilt, die Balance zu finden zwischen Machbarem und Undenkbarem. Wenn Mauern schon nicht durchbrochen werden dürfen, sollten sie auch in den Köpfen nicht entstehen.

Diese Gefahr ist in Rapperswil-Jona gross. Manch ein Projekt ist ob der Engstirnigkeit schon wieder gestorben. Es braucht jetzt Macher, die es schaffen, den Wert des Schlosses greifbar zu machen, realitätsnah, aber zukunftsgerichtet. Bevor aus der Vision eine Utopie wird. Das Schloss muss sich im Innern regelmässig wandeln. Historische Beständigkeit strahlt es von aussen schon genügend aus.

Erstellt: 27.11.2015, 17:25 Uhr

Conradin Knabenhans, Leiter Regionalredaktion Obersee. (Bild: Archiv ZSZ)

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