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Früh für Fremdsprachen begeistern

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Wenn Kleinkinder mit Fremdsprachen in Kontakt kommen, geht es sehr schnell: im Nu können sie auf Englisch zählen, auf Französisch grüssen und auf Italienisch ein Gelato bestellen. Diese spielerische Leichtigkeit im Fremdsprachenunterricht in der Primarschule zu replizieren, ist eine Herausforderung. Eine Herausforderung, die das Zürcher Stimmvolk den Lehrerinnen und Lehrern vor über zehn Jahren aufgebürdet hat, als es sich für Frühenglisch als zweite Fremdsprache in der Primarschule ausgesprochen hat. Heute proklamieren die Lehrerverbände zwei Fremdsprachen in der Primarschule als «gescheitertes Experiment». Der grosse Aufwand stehe in keinem Verhältnis zum Ertrag, zu viele Schüler seien überfordert. Daher setzen sich die Lehrer für die Initiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache weniger in der Primarschule» ein, über die am 21. Mai abgestimmt wird. Die Fremdsprachenkenntnisse nach der obligatorischen Schule – das belegen Studien aus anderen Kantonen – sind bei vielen Kindern ungenügend. Daher will die Initiative eine der Fremdsprachen aus der Primarstufe auf die Sekundarstufe verbannen. Die freiwerdenen Stunden, sollen für Mathematik- oder Deutschunterricht genutzt werden.

Würde die Fremdspracheninitiative angenommen, käme dies einer Kehrtwende gleich, die sich der Kanton Zürich nicht leisten kann. Erstens wurden für Lehrerausbildung und Lehrmittel bereits Millionen von Franken gesprochen, die bei einer Umkehr der Sprachenstrategie umsonst ausgegeben worden wären. Zweitens würden die Ansprüche an das Fremdsprachenlernen zu den schwächeren Schülern hinunternivelliert – ein Vorgehen, das etwa bei der Mathematik niemals geduldet würde. Drittens geht es um die Signalwirkung. Würde der Kanton Zürich vom nationalen Sprachenkompromiss – zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe zu unterrichten – abweichen, könnte dadurch das Harmos-Konkordat auseinanderbrechen. Den Zürcher Beitritt zu Harmos hat das Stimmvolk notabene auch mit grossem Mehr befürwortet.

Gegen den nationalen Zusammenhalt spricht auch der Entscheid zwischen Englisch und Französisch, den die Initiative voraussetzt, obwohl sie offen lässt, welche Sprache beibehalten werden soll. Geht es allerdings nach vielen Befürwortern, soll das bei Schülern und Lehrern ungeliebte Französisch auf die Oberstufe verschoben werden. Der Regierungsrat hat sich aber für das Frühfranzösisch ausgesprochen. Also müsste Englisch über die Klinge springen. Davor fürchten sich das Gewerbe wie auch die Eltern, die die Chancen ihrer Sprösslinge auf dem Arbeitsmarkt gefährdet sehen.

Die Konsequenz wäre, dass viele Eltern wie vor der Einführung des Frühenglischen auf Privatstunden setzen würden und so die Chancengleichheit unterwandern. Würde hingegen Französisch auf die Oberstufe verschoben, würde die Sprache wohl systematischer unterrichtet, aber sicher nicht beliebter. Entsprechend steht in den Sternen, wie die Kenntnisse nach der obligatorischen Schulzeit ausfallen würden. Denn die Motivation von Lehrern und Schülern ist in der Oberstufe entscheidender denn je.

Die Begeisterung für Sprachen sollte so früh wie möglich geweckt werden. Die Voraussetzungen dafür sind heute noch nicht gegeben. Hier müssen die Anliegen der Lehrer ernst genommen werden. Darauf muss aber nicht mit einem Versuchsabbruch reagiert werden, sondern mit einer Verbesserung des Unterrichts: in Halbklassen, mit Sprachaustausch und motivierten Lehrern, die es als Chance sehen, ihre Schüler an das omnipräsente Englisch, aber auch das anspruchsvollere Französisch heranzuführen und ihnen so die frankophone Kultur näherzubringen. Denn die Schweiz hat nach wie vor einen unschlagbaren Vorteil, der sich nicht wegdiskutieren lässt: Zwar dominiert auch hier Englisch in Wissenschaft und Wirtschaft, aber es ist nirgends leichter, die Vorteile einer zweiten Landessprache zu demonstrieren – es reicht ein Ausflug in die Westschweiz.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung macht bereits der Lehrplan 21. Er sieht die erste Fremdsprache, in Zürich Englisch, ab der 3. Klasse, statt der 2. vor, dafür mit drei statt zwei Wochenlektionen. Das passt auch zum neuen Fach Medien und Informatik, das ab der 5. Klasse unterrichtet wird, und wofür Englischkenntnisse unverzichtbar sein werden.

Erstellt: 02.05.2017, 18:25 Uhr

Katrin Oller, Redaktorin Zürich (Bild: mas)

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