Im Gespräch

«Pferde widerspiegeln, wie ein Mensch sich fühlt»

Von einem Pferd getragen zu werden, vermittelt besonders Kindern mit einem schweren Schicksal Sicherheit, beobachtet Anika Feige. Sie erteilt auf dem Gelände der Wädenswiler Stiftung Bühl heilpädagogisches Reiten.

Reitpädagogin Anika Feige unterrichtet geistig behinderte Kinder im Umgang mit Pferden und stellt fest, dass sich das Lernen mit dem Tier positiv auswirkt.

Reitpädagogin Anika Feige unterrichtet geistig behinderte Kinder im Umgang mit Pferden und stellt fest, dass sich das Lernen mit dem Tier positiv auswirkt. Bild: Sabine Rock

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Pferde sind ein wichtiger Bestandteil Ihres Lebens. Was empfanden Sie, als Sie das erste Mal auf einem Pferd sassen?
Daran kann ich mich noch gut erinnern. Ich war fünf Jahre alt, wir waren in Dänemark im Urlaub und ich wurde auf dieses verrückte Shetlandpony gesetzt. Es ging sofort durch, quer durch die Reithalle und meine Mutter rannte panisch hinterher. Am Ende des wilden Ritts sass ich auf seinem Hals, klammerte mich fest und strahlte übers ganze Gesicht. Danach wollte ich unbedingt reiten lernen.

Was fasziniert Sie an Pferden und am Reiten?
Pferde sind starke und elegante Tiere. Mit einem so grossen und eigenwilligen Tier zu arbeiten, das gleichzeitig so sanft ist, ist sehr reizvoll. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, die Energie eines Pferdes zu spüren.

Wie ging es weiter mit Ihrer Reiterkarriere?
Nach einigen Versuchen im Spring- und Dressurreiten bestritt ich Wettkämpfe im Gangpferdereiten mit Islandpferden. Mit 16 Jahren kaufte ich mir ein eigenes Islandpferd – Dökkvi. Das Geld dafür habe ich von meiner Grossmutter erhalten und seinen Unterhalt bezahlte ich mit Nebenjobs.

Dökkvi ist mit Ihnen in die Schweiz gezügelt. Sie erteilen mit ihm heilpädagogisches Reiten. Was muss man sich darunter vorstellen?
Im Gegensatz zum normalen Reitunterricht verfolgt man hier das Ziel, die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes oder Jugendlichen zu fördern. Der Ablauf ist ritualisiert, die Methoden je nach Zielen ausgewählt. Zuerst erkundige ich mich, wie das Kind oder der Jugendliche – wir nennen sie Klienten – sich fühlt. Die Rahmenbedingungen müssen so sein, dass weder für Mensch noch Tier Gefahr besteht.

Wann könnte denn Gefahr bestehen?
Es gibt Kinder, die haben Mühe, ihre Impulse zu kontrollieren, und rennen zu schnell und zu laut auf das Tier zu, das natürlich entsprechend reagiert. Ich lege deshalb grossen Wert auf eine angemessene Begrüssung von Mensch und Tier. Um die Stunden zu einem Erfolg zu machen, muss ich die Befindlichkeit des Klienten kennen und das charakterlich zu ihm passende Pferd auswählen. Allerdings hat der Klient manchmal auch eine andere Vorstellung und dies zu Recht…

Die meisten Kinder reagieren sofort, wenn es einem Tier nicht gut geht.

Sie denken an einen bestimmten Fall?
Ja. Ich denke an einen Jungen, der kein Gespür hat für Distanz und Nähe und sehr unkonzentriert ist. Er wollte unbedingt mit Luna arbeiten, dem jüngsten meiner drei Pferde, das selbst manchmal Probleme mit seiner Impulskontrolle hat. Zuerst liess ich ihn nicht, weil ich das Gefühl hatte, dass es für beide gefährlich werden könnte. Irgendwann gab ich nach und besprach mit ihm die Regeln. Ich liess beide auf dem Reitplatz herumtoben, was bald sehr wild wurde. Der Junge merkte jedoch, dass es Luna zu viel wurde, und änderte sein Verhalten, damit Luna sich beruhigen konnte. Die meisten Kinder reagieren sofort, wenn es einem Tier nicht gut geht.

Warum?
Sie merken, dass Tiere keine Erwartungen und Vorurteile haben, sondern ihr eigenes Verhalten direkt spiegeln. Sie überlegen sich also, wie sie sich verhalten können, damit es dem Tier gut geht.

Wie gehen Sie mit den Kindern um, die Angst haben?
Wenn die Kinder nur Angst haben und kein Interesse am Tier, dann bringt es nichts, sie zu irgendetwas zu zwingen. Oft aber steckt hinter der Angst eine versteckte Faszination. Wenn ich das spüre, dann lohnt es sich, Zeit zu investieren. Mit einem lernbehinderten und verhaltensauffälligen Jungen habe ich die Pferde zehn Stunden lang nur beobachtet. Ich habe ihm erklärt, was auf der Weide passiert, und er merkte, dass die Reaktionen der Pferde vorhersehbar waren. Dieser Junge wurde später ein begeisterter Reiter.

Welche Erfolge haben Sie noch erzielt?
Eine deutlich sichtbare Verhaltensänderung erlebte ich bei einem jungen Mann. Er wollte seinem Reitpferd unbedingt die Hufe alleine auskratzen, doch das Pferd gab ihm den Huf nicht. Ich erklärte ihm, dass er das Pferd mit seiner Lautstärke und seiner Hektik verunsichere. Mehrere Reitstunden lang beobachtete er, wie ich das machte, und schliesslich klappte es. Wir erklärten ihm, dass es nicht nur bei Pferden, sondern auch bei Menschen hilfreich sei, vorsichtig auf sie zuzugehen und in einer normalen Lautstärke zu kommunizieren. Zusammen mit den Angehörigen und seiner Wohngruppe vereinbarten wir ein Stichwort, das ihn an das richtige Verhalten erinnern sollte.

Was tun Sie, wenn Kinder Ihre Tiere schlecht behandeln?
Es kommt auf das Ausmass an. Wir hatten schon Kinder, die die Pferde mit Steinen bewerfen wollten, sie traten oder ihnen in die Augen fassten. In solchen Fällen werde ich laut und brülle auch einmal. Eine sanfte und leise Reaktion wäre nicht authentisch und damit nicht glaubwürdig. Ich musste schon einige Male Kinder aus der Nähe des Pferdes entfernen, eine Reittherapie abgebrochen aber habe ich noch nie.

Wie zeigen Pferde, wenn sie jemanden mögen?
Oft warten die Pferde schon am Zaun, wenn sie wissen, dass in einigen Minuten «ihr» Klient eintrifft. Sie bauen Beziehungen auf zu «ihren» Menschen. Einmal habe ich einer neuen Gruppe von Kindern etwas erzählt. Plötzlich stand Lorka ganz dicht zu einem bestimmten Kind. Ich merkte dann, dass sie sich dieses Kind als Reiter ausgesucht hat. Die Pferde reagieren stark auf Emotionen von Menschen und können widerspiegeln, wie jemand sich fühlt.

Können Sie ein Beispielnennen?
Einmal hatte ich einen Jungen in der Reitstunde, der sehr in sich gekehrt war. Plötzlich begann Lorka, sein Reitpferd, mich zu zwicken und sich seltsam aufzuführen. Nachher erzählten mir die Betreuer seiner Wohngemeinschaft, dass bei diesem Jungen daheim zurzeit traumatische Dinge passierten. Lorka hatte seine Anspannung und Aggression wahrgenommen und gezeigt, was er selbst nicht ausdrücken konnte.

Wie gehen Sie mit den teilweise schweren Schicksalen Ihrer Klienten um?
Es ist frustrierend und belastend, dass man oft nichts tun kann. Als Reitpädagogin kann ich ihnen lediglich einen Ort bieten, an dem sie andere Erfahrungen machen können. Umso schöner ist es, wenn ein Klient mit einer schlimmen Geschichte ein Erfolgserlebnis hat. Diese Klienten geniessen es oft, einfach nur getragen zu werden und sich in Sicherheit fühlen zu können. Und das ist ihr gutes Recht.

Erstellt: 28.04.2019, 13:04 Uhr

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