Gesundheit

Nachfrage nach Pille zum Schutz vor HIV steigt stark – Unispital reagiert

Lange Zeit gab es nur Kondome, um sich vor dem HI-Virus zu schützen. Doch mittlerweile gibt es Pillen zum Schutz vor HIV. Diese sind so gefragt, dass nun das Unispital sein Sprechstunden-Angebot ausgebaut hat. Nicolas Cavalli gehört zu jenen, die selber auf die noch neue Präventionsmethode setzen.

Wenn HIV-negative Menschen HIV-Medikamente nehmen, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen, nennt man das «Prä-Expositionsprophylaxe», kurz PrEP.

Wenn HIV-negative Menschen HIV-Medikamente nehmen, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen, nennt man das «Prä-Expositionsprophylaxe», kurz PrEP. Bild: Marc Bruxelle

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«Mein Partner und ich sind HIV-negativ und nehmen seit etwas mehr als einem Jahr täglich eine Pille zum Schutz vor einer möglichen HIV-Infektion bei sexuellem Kontakt mit anderen», sagt Nicolas Cavalli. Der 35-jährige Stadtzürcher bezeichnet sich und seinen Partner als sogenannte PrEPster.

PrEP ist die Abkürzung für Prä-Expositionsprophylaxe, also die Vorsorge vor dem Ansteckungsrisiko. Durch die regelmässige Einnahme eines ensprechenden Medikamentes (entweder das Originalpräparat Truvada oder Generika) seien sie beide bei geplanten oder spontanen Sexualkontakten mit anderen Männern genau so gut vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus geschützt, «wie wenn wir Kondome benützen würden», sagt Cavalli.

Wie gut ist der Schutz?

Das ist nicht irgend eine Behauptung, sondern wissenschaftlich gut belegt. Daniel Koch, Leiter der Abteilung für übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), schreibt dazu auf Anfrage: «In Sachen PrEP halten wir uns an die Empfehlung der Eidgenössischen Kommission für sexuelle Gesundheit aus dem Jahr 2016, welche die Prä-Expositionsprophylaxe für eine verlässliche Massnahme zum Schutz vor HIV hält.»

«Es war ein Entscheid für mehr Sicherheit, Selbstbestimmung und Verantwortung – auch einander gegenüber.» Nicolas Cavalli

Noch konkreter formuliert es Daniel Seiler, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz: «Die Aids-Hilfe Schweiz steht hinter einer ärztlich begleiteten Abgabe der PrEP als HIV-Prohylaxe, weil es punkto HIV genau so sicher ist wie ein Kondom.» Man habe in jüngster Zeit insbesondere schwule und bisexuelle Männer über verschiedene Kanäle die Vor- und Nachteile von PrEP aufgezeigt. «Wir spüren, dass gerade in dieser Bevölkerungsgruppe, das Interesse an PrEP besonders stark steigt», sagt Seiler. Man dürfe sogar davon ausgehen, «dass der medikamentöse Schutz vor HIV derzeit mit dazu beiträgt, dass die HIV-Zahlen sinken» (siehe Infobox rechts).

Pille kontra Kondome?

Doch als Nicolas Cavalli zum ersten Mal von dieser neuen Präventionsmethode hörte, war er noch dagegen. «Es ist wie immer: Unwissenheit führt zu Unsicherheit, Angst und Ablehnung», sagt er. Sein Partner und er hätten sich erst nach reiflicher Bedenkzeit und vielen Gesprächen für eine ärztlich begleitete Vorsorge mit Pillen zum Schutz vor HIV entschieden.

«Es war nicht ein Entscheid gegen Kondome, sondern ein Entscheid für mehr Sicherheit, Selbstbestimmung und Verantwortung – auch einander gegenüber», sagt Cavalli. Denn er sei in der Vergangenheit immer mal wieder in Versuchung geraten, es ohne Kondom zu machen. «Etwas was ich im Nachhinein sicher bereut hätte.» Jetzt könne er diese Phantasien ohne Angst ausleben. Dadurch sei er sexuell freier geworden.

Nicht ohne ärztliche Aufsicht

«Meine Erfahrungen mit PrEP sind gut», sagt Cavalli. «Ich hatte nur zu Beginn leichte Magen-Darm-Probleme, die dann aber rasch wieder verschwanden.» Andere Nebenwirkungen habe es bei ihm nicht gegeben. Dennoch machen er und sein Partner alle drei Monate einen HIV-Test. Denn die Wirksamkeit von PrEP sinkt laut Fachleuten, wenn die Medikamente unregelmässig eingenommen werden. Auch sind weltweit sehr seltene Fälle bekannt, wo es zu einer HIV-Ansteckung trotz korrekter Einnahme von PrEP kam – meist aufgrund von Truvada-resistenten HI-Viren.

Cavalli und sein Partner überprüfen aber auch regelmässig die Nieren- und Leberwerte. Eine Schädigung dieser Organe wurde in wenigen Fällen als Langzeitnebenwirkung beobachtet. «Darüberhinaus machen wir auch Untersuchungen in Bezug auf andere Geschlechtskrankheiten.» Erstaunlich ist: Die Befürchtung, dass die PrEP-Einnahme zu mehr Geschlechtskrankheiten führen könnte, konnte in den grossen klinischen PrEP-Studien bisher nicht bestätigt werden.

Es sei ihm heute wichtig, auch andere Personen über PrEP aufzuklären, sagt Cavalli. Er empfiehlt in diesem Zusammenhang dringend PrEP-Medikamente nie ohne ärztliche Abklärung und Begleitung zu kaufen und einzunehmen.

Grossandrang am Unispital

Ärztlichen Rat in Sachen PrEP erhält man zum Beispiel am Universitätsspital Zürich. Benjamin Hampel, Arzt an der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene, leitet seit März vergangenen Jahres eine sogenannte «PrEP-Sprechstunde».

«Stossend ist, dass man in der Schweiz nur das teure Originalpräparat kaufen kann.» Benjamin Hampel,
Unispital

«Die Nachfrage nach Aufklärung in Sachen PrEP ist in den letzten Monaten vor allem unter schwulen und bisexuellen Männern derart stark gestiegen, dass wir inzwischen bereits an drei bis vier Abenden pro Woche eine Sprechstunde anbieten», sagt er. Und: Aufklärung tue not. Denn eine Umfrage des Unispitals habe gezeigt, dass 20 Prozent der Leute, die PrEP in der Schweiz nehmen, dies ohne ärztliche Kontrolle tun. «Dagegen müssen wir dringend etwas unternehmen», meint Hampel. Nur wenn man regelmässig zur Kontrolle gehe, könne man rechtzeitig auf allfällig auftretende Nebenwirkungen – die in der Anfangszeit oft keine Symptome machen – reagieren.

Neben den erwähnten Nebenwirkungen besteht bei der PrEP zudem ein Risiko, wenn man das Medikament nimmt und bereits mit HIV infiziert ist. «Dann kann es zu einer Resistenzentwicklung bei den Viren kommen, da das Medikament keine vollständige HIV-Therapie darstellt.»

Im Ausland billiger

Laut Hampel verschreiben immer mehr Ärzte sogenannte PrEP-Medikamente, obwohl diese – im Unterschied zur EU – in der Schweiz für die Prophylaxe noch nicht offiziell zugelassen sind. Stossend sei zudem, dass man hierzulande nur das teure Originalpräparat Truvada (Monatspackung kostet 900 Franken), aber noch kein Generikum kaufen könne.

Ein entsprechender Rechsstreit dazu ist derzeit vor dem Bundesgericht hängig, weiss Hampel. «Viele Menschen sind deshalb nach wie vor gezwungen, die massiv günstigeren Generika im Ausland einzukaufen.» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 29.04.2018, 14:28 Uhr

Benjamin Hampel, Unispital (Bild: zvg)

HIV-Diagnosen

Zahl der neuen HIV-Fälle geht zurück – trotz Testrekord

Noch nie haben so viele Leute bei den Anlaufstellen der Zürcher Aidshilfe einen HIV-Test gemacht, wie im letzten Jahr. Dennoch nahm die Zahl der HIV-Neudiagnosen ab.

Es sei noch etwas zu früh, um bei den HIV-Zahlen von einer Trendwende zu sprechen, sagt Francisca Boenders, Leiterin der Zürcher Aidshilfe. Die aktuelle Entwicklung sei aber so oder so erfreulich. Hatten 2016 in den Anlaufstellen der Zürcher Aidshilfe noch 55 Personen den Bescheid «HIV-positiv» erhalten, so waren es im letzten Jahr gerade mal 41 – und dies, obschon mit 7000 durchgeführten HIV-Tests 2017 ein neuer Rekord erzielt werden konnte.

Die Aidshilfe Schweiz geht davon aus, dass der medikamentöse Schutz vor HIV (PrEP) mit dazu beiträgt, dass die HIV-Zahlen sinken. Beweisen lässt sich das zwar nicht. Aber auch Fachleute in Grossbritannien, Australien und den USA mutmassen, dass der aktuelle Rückgang von HIV-Neudiagnosen (teils bis zu 40 Prozent) in den Städten auch auf die immer beliebtere PrEP-Vorsorge zurückzuführen ist. Zudem wachse die Anzahl der HIV-positiven, deren Viruslast durch Behandlung unter der Nachweisgrenze ist, sodass sie nicht mehr infektiös sind.

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