Oetwil

«Nach 36 Jahren predigen haben wir gesagt, was es zu sagen gibt»

Der Austausch mit der lokalen Bevölkerung war dem Oetwiler Pfarrehepaar Dorothee und Adolf Lemke stets wichtig. Morgen geht ihre 14-jährige Amtszeit zu Ende.

Dorothee und Adolf Lemke kehren nach 14 Jahren in Oetwil zurück ins thurgauische Romanshorn.

Dorothee und Adolf Lemke kehren nach 14 Jahren in Oetwil zurück ins thurgauische Romanshorn. Bild: Sabine Rock

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Mit einem ihrer ersten Auftritte im Dorf sorgten sie gleich mal für ungeahntes Aufsehen. «Die Dame vom Verkehrsverein war ganz erstaunt», erinnert sich Dorothee Lemke. Und warum? Weil Lemke und ihr Mann Adolf die 1.-August-Feier in Oetwil besuchten. Das war so unspektakulär, wie es klingt – eigentlich. Wenn denn die Eheleute Lemke nicht die neuen Pfarrer des Ortes gewesen wären. Für solche aber schienen andere Erwartungen zu gelten.

So ungewohnt das Bild der Pfarrleute mitten unter ihnen den Oetwilern im Jahr 2005 auch war – es sollte ihnen noch vertraut werden. Dies während der folgenden 14-jährigen Amtszeit des Ehepaars an der Kirche Oetwil. Morgen Sonntag nun vollendet sich diese. Dann verabschieden sich die beiden Pfarrleute mit einem Gottesdienst von der Gemeinde und in den Ruhestand.

Zurück in zweite Heimat

Noch deutet im stattlichen Pfarrhaus neben der Kirche wenig auf den bevorstehenden Umzug. Er wird das Paar dahin führen, von wo es damals nach Oetwil gekommen ist: ins thurgauische Romanshorn. «Unsere zweite Heimat», sagt Adolf Lemke. 22 Jahre lang hatten sie dort gewirkt und die Verbindung dorthin stets aufrechterhalten.

Oetwil war für sie dann erst so etwas wie Terra incognita. «Wir haben in der Region nur gerade das evangelische Bildungszentrum Boldern gekannt.» Der Wechsel vom Bodensee in den Bezirk Meilen habe sich aus der damaligen Situation ergeben. «Es hat uns gereizt, nach der langen Zeit in Romanshorn neue Ideen umzusetzen», erklärt seine Frau.

Und dabei spielte denn auch – unter anderem – der Besuch der örtlichen Nationalfeier eine Rolle: als Brücke zur Bevölkerung und um herauszufinden, welche Ideen in Oetwil überhaupt gefragt waren. «So haben wir mit Leuten aus dem Dorf den Chilbi-Gottesdienst eingeführt», sagt sie. Oder etwa Themenreihen zur Erwachsenenbildung, eine Lektüregruppe und so weiter. «Mit den Jahren ist das Pfarramt immer mehr gewachsen.»

«Es hat uns gereizt, nach der langen Zeit in Romanshorn neue Ideen umzusetzen»Dorothea Lemke

«Menschen zusammenbringen ist ja auch der Sinn des Pfarramts», hält sie fest. Und während sie ihre Berufsauffassung erläutert, holt ihr Mann eine handgeschriebene Dankeskarte. Davon, wie die Absender dank der Gemeindereisen den Zugang zu Gleichgesinnten gefunden hätten, ist zu lesen, von Beziehungen, die sich ohne das Zutun des Pfarrerpaars kaum ergeben hätten. «So etwas berührt einen schon sehr», sagt Adolf Lemke mit Blick auf die dicht beschriebenen Zeilen. Elf Gemeindereisen in seine norddeutsche Heimat oder in die ehemalige DDR hat das Paar organisiert und begleitet.

Auch die viertägige Konfirmationsreise nach Berlin gehörte bald schon fest zum Programm des Pfarrers. Nicht nur Vergnügliches hat er dabei den Jugendlichen gezeigt. «Wir besuchten immer auch das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen», sagt er, «das ist den Jugendlichen immer sehr eingefahren.»

Für viele von ihnen, habe er festgestellt, sei eine solche Reise etwas Besonderes gewesen. «Oetwil gehört zwar zum Bezirk Meilen», sagt denn auch seine Frau, «aber nicht zur Goldküste.» Dass die Mentalität der Gemeinde eher zum Oberland passt, sei ihnen immer wieder bewusst geworden.

Jedem sein Gärtchen

Die Konfirmanden waren allein der Bereich von Adolf Lemke. So gern sie sich auch mit Jugendlichen unterhalte – diese im geballten Verbund einer Klasse zu unterrichten, hätte sie angestrengt, erklärt Dorothee Lemke. Ihr Mann schüttelt da nur gelassen den Kopf. «Kein Problem.» Dass ihn eine Gruppe Pubertierender nicht aus der Ruhe zu bringen vermag, glaubt man dem Graubärtigen mit der besonnenen Ausstrahlung schnell.

Doch was ihm die Konfirmanden waren, das hat seine Frau in der Psychiatrieseelsorge gefunden. In der örtlichen Clienia-Klinik Schlössli hat sie die Jahre hindurch Patienten betreut. «Eine tolle Ergänzung zum Pfarramt», sagt sie, die schon von 2000 bis 2005 im Kantonsspital Münsterlingen auf dem Gebiet tätig gewesen ist.

«Wir besuchten immer auch das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Das ist den Jugendlichen immer sehr eingefahren.»Adolf Lemke

«Durch die Patienten und ihre eigene Sicht auf ihre Schicksale habe ich viel gelernt.» Auch ihr Mann hat als Spitalseelsorger gewirkt, und zwar seit 2007 in der Zürcher Schulthess-Klinik.

So habe jeder mit diesen und anderen Bereichen sein «eigenes Gärtchen» gehabt. «Da haben wir uns nicht dreingeredet», sagt sie. In Amtswochen und Gottesdiensten wechselten sie sich ab. Morgen nun werden sie für einmal eine – besondere – Dialogpredigt halten: Die Kirchgänger werden hierbei das Paar auch in einer Fernsehaufnahme von 1995 erleben. Danach gehen wir «fröhlich in den Ruhestand», bilanziert Dorothee Lemke. «Nach 36 Jahren predigen haben wir gesagt, was es zu sagen gibt.»

Abschiedsgottesdienst von Dorothee und Adolf Lemke: Morgen Sonntag, 10 Uhr, reformierte Kirche Oetwil.

Erstellt: 06.07.2019, 14:49 Uhr

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