Wochengespräch

«Mich zu entmutigen, ist schwierig»

Thomas Greminger ist seit Juli 2017 Chef der OSZE. Dort wirkt er als zentrale Figur im Ukraine-Konflikt. Der Top-Diplomat spricht über den Vertrauenszerfall zwischen Ost und West, militärische Provokation und seinen Alphatiercharakter.

Thomas Greminger: «Internationale Beziehungen zu gestalten, war schon früh mein Berufsziel.»

Thomas Greminger: «Internationale Beziehungen zu gestalten, war schon früh mein Berufsziel.» Bild: Patrick Gutenberg

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Als OSZE-Generalsekretär sind Sie quasi der höchste Friedensförderer Europas. Schon als Kind galten Sie in der Schule in Adliswil als Friedensstifter. Sie sind Ihrer Berufung also gefolgt.
Thomas Greminger: Ja, das könnte man wohl so sagen. Ich erinnere mich: Die Lehrer setzten neue Schüler gerne neben mich. Mit meiner sozialen Ader diente ich wohl als Integrationsförderer. An­dererseits war ich auch jemand, der voranging, ein Alphatier. Musste in der Primarschule ein Team geformt werden, war ich der Captain. Später, im Gymnasium, war ich der Partyorganisator.

Nach dem Studium sind Sie in der Diplomatie gelandet. Wie kam es dazu?
Internationale Beziehungen zu ge­stalten und zu Frieden und Stabilität beizutragen, war schon früh ein Berufsziel von mir. Das basiert auf meinem Wertesystem, in dem soziale Gerechtigkeit einen hohen Stellenwert einnimmt. Das ist meine Triebfeder. Was mir in meinem Job auch hilft, ist das Glück, dass ich viel Energie habe. Mich zu entmutigen, ist schwierig. In einem Job, in welchem sich vieles nicht auf einfache Weise lösen lässt, ist das von Vorteil.

Ausdauer brauchen Sie und die OSZE insbesondere im seit 2014 andauernden Konflikt zwischen der Ukraine, Russland und den Milizen. Sie brachten die Parteien zwar zu einem Waffenstillstandsabkommen, doch dieses wird ständig gebrochen.
Das stimmt. Wöchentlich sterben Menschen, auch Zivilisten. Immerhin gelingt es der OSZE im Rahmen der Sonderbeobachtermission, den Konflikt unter Kon­trolle zu halten. Er ist bis jetzt nicht eskaliert. Und die Opfer­zahlen sind dieses Jahr so tief wie noch nie.

«Wenn die Militär­führer nicht überzeugt sind, können die Diplomaten noch lange miteinander reden.»

Ein Kriegsende scheint aber nicht in Sicht zu sein.
Das Problem sind die strukturellen Faktoren. Es sind immer noch viele schwere Waffen im Einsatz. Und an der Kontakt­linie kämpfen die Soldaten wie im Ersten Weltkrieg – sie positionieren sich teils nur hundert Meter voneinander. Der politische Wille für ein Kriegs­ende ist momentan überhaupt nicht vorhanden. Das verunmöglicht wirkliche Besserung, was auf Dauer unbefriedigend ist.

Nun sind Sie etwas mehr als ein Jahr im Amt. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?
Ich denke, es ist mir gelungen, die OSZE wieder stärker als Dialogplattform zu positionieren, in einer Zeit, in der sich die Ost-West-Beziehungen täglich verschlechtert haben. So konnte ich zum Beispiel dazu beitragen, dass die Russen sich wieder vermehrt am militärisch-politischen Dialog beteiligen.

Was bedeutet das konkret?
Das heisst, dass die Russen auch Militärs an den Verhandlungstisch bringen und nicht nur Diplo­maten. Das ist enorm wichtig. Wir haben heute weniger direkte­ Kontakte zwischen den Militärführern als zur Zeit des Kal­ten Kriegs. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel im Baltikum immer häufiger Beinahe-Zwischenfälle zwischen Kampfflugzeugen oder -schiffen der Nato und der Russen. Wenn man Missverständ­nisse verhindern und Vertrauen auf­bauen will, braucht es Kontakte zwischen den Militärs. Wenn sie nicht überzeugt sind, können die Diplomaten noch lange­ miteinander reden.

Kürzlich sagten Sie, Sie stellten ein historisches Vertrauenstief zwischen Ost und West fest, wie wir es seit 1980 nicht mehr hatten. Wie äussert sich das?
Es gibt fast keine Foren mehr, wo man ehrlich miteinander spricht. In der OSZE haben wir beispielsweise den Ständigen Rat, in welchem sich jeden Donnerstag die 57 Botschafter der Teilnehmerstaaten treffen. Doch dieses und andere Foren wurden weitgehend zu Plattformen, wo man sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf wirft. Was man sagt, ist eher für die Medien aufbereitet, als für die Problemlösung konzipiert. Daneben gibt es, wie gesagt, in der Luft, auf hoher See und an Land immer mehr Provokationen.

Heisst das, dass Europa bald eine grosse militärische Krise bevorsteht?
Das ist schwierig zu sagen, eine Voraussage wäre spekulativ. Fakt ist aber, dass es viele Indikatoren gibt, von denen jeder beunruhigend ist. Vor vielen Jahren hatte man sich auf vertrauens­bil­dende Massnahmen geeinigt. Zum Beispiel, dass eine Armee militä­rische Grossmanöver anderen Staaten ankündigt. Heute werden sehr viele Manöver in Grenznähe gemacht, und man legt sie so an, dass man sie vertrag­lich nicht ankündigen muss. Regeln werden nur noch pro forma eingehalten. Ein anderes Problem: Der KSE-Vertrag, der in Europa nach dem Kalten Krieg zum konventionellen Abrüsten geführt hat, wird nicht mehr umgesetzt. Das mag morgen noch nicht gefähr­lich sein, aber es öffnet Tür und Tor für ein neues konventionelles Wettrüsten. Bezeichnend für die Situation sind auch der Fall Skripal in England oder die Chemiewaffeneinsätze in Syrien.

Sie sind solchen Themen ständig ausgesetzt und sind wohl stets auf Achse. Wie schalten Sie ab?
Am besten auf dem Velo. Ich fahre in Wien gerne der Donau entlang oder gehe in den Wienerwald biken. Diesen Ausgleich brauche ich, denn meine Arbeitstage sind durchgetaktet bis zum Gehtnichtmehr. Die Hälfte der Zeit bin ich im Ausland, die andere am Hauptsitz in Wien. Dort habe ich meist von morgens bis abends Sitzungen. Dazu gehören auch regel­mässige separate Arbeitsfrühstücke mit den Botschaftern Russlands, den USA und der EU zum Meinungsaustausch.

Sie wurden für drei Jahre gewählt, die Amtszeit könnte 2020 nochmals um drei Jahre ver­län­gert werden. Wollen Sie das?
Ich müsste dafür natürlich von 57 Ministern wieder gewählt wer­den. Momentan wäre ich einer zweiten Amtszeit nicht abge­neigt, denn ich sehe, dass ich etwas bewegen kann. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 13:46 Uhr

Zur Person

Thomas Greminger (57) wuchs in Adliswil auf und studierte in Zürich Geschichte, Volkswirtschaft und Politologie. 1990 trat er in den diplomatischen Dienst des Eidgenössischen Depar­tements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) ein. Dort hatte er sowohl im In- als auch im Ausland Führungspositionen inne, bevor er ab 2010 in Wien als Botschaf­ter der Schweiz bei der OSZE, den Vereinten Nationen und den internationalen Organisationen amtete. Als die Schweiz 2014 den OSZE-Vorsitz innehatte, leitete Greminger den Stän­digen Rat der OSZE. Danach wurde er beim EDA Stellvertretender Direktor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Im Juli 2017 wurde er von den 57 OSZE-Mitgliedsstaaten zum Generalsekretär und damit Chef der OSZE gewählt. Thomas Gre­minger lebt in Wien und ist Vater von vier Töchtern. ham

Was ist die OSZE?

Die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) fungiert als Forum für politischen Dialog zu Sicherheitsfragen. 57 Staaten aus Eu­ropa, Asien und Nordamerika gehören ihr an. Die OSZE engagiert sich in verschiedenen Tätigkeitsfeldern wie Rüstungskontrolle, Demokratisierung oder Konfliktlösung. Sie zählt rund 3500 Mitarbeitende; die meisten stehen in Feldoperationen im Einsatz. So zum Beispiel in der Sonderbeobachtermission in der Uk­raine. Der OSZE-Hauptsitz liegt in Wien. Dort versammeln sich im Stän­digen Rat wöchentlich die 57 Botschafter der Mitgliedsstaaten. Der OSZE-Vorsitz wird jedes Jahr von einem anderen Staat geführt. 2014 war es die Schweiz. Entstanden ist die OSZE 1995 aus der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Eu­ropa, die zur Zeit des Kalten Kriegs als Verhandlungsplattform zwischen Ost und West diente. ham

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