Küsnacht

«Meine Bluejeans galten in der Schule als Sünde»

Toni Vescoli (73) ist einmal mehr auf Tournee und macht am Freitag Halt in Küsnacht. Die Schweizer Rock-Legende kehrt damit an den Ort seiner Kindheit zurück.

Toni Vescoli sieht sich als Musiker auch heute noch als Teil einer Subkultur.

Toni Vescoli sieht sich als Musiker auch heute noch als Teil einer Subkultur. Bild: Sabine Rock

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Toni Vescoli, Sie liessen sich für diese Zeitung vor einer Platane ablichten, einem Baum, der als robust und lebensstark gilt. Passt dies zu Ihrem Leben?

Toni Vescoli: Vielleicht bin ich tatsächlich aus gutem Holz geschnitzt. Mir gefallen diese Bäume sehr, wie auch die Olivenbäume in den südlichen Gefilden. Erst im Alter geben diese bekanntlich viele Oliven ab. Um die geistige und körperliche Fitness zu erhalten, muss man aber auch etwas tun. Ich versuche, wissbegierig und beweglich zu bleiben und achte auf eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung.

Sie machen jedenfalls all jenen Senioren alle Ehre, die aktiv sind und auch im Kopf länger jung bleiben als frühere Generationen. Ist für Sie die Musik ein Lebenselixier?

Man wird auch als Musiker älter. Aber im Alter wird man als Musiker auch besser. Mich zieht es immer noch auf die Bühne, um den Fans meine neuen und alten Songs zu präsentieren. Was von Vorteil ist: Nach all den Jahren muss ich mir musikalisch nichts mehr beweisen. Musik zu machen, geniesse ich je länger je mehr in vollen Zügen. Klar wird die Zeit kommen, in der ich nicht mehr auf der Bühne stehen werde. Aber daran denke ich nicht. Und wenn sie kommt, bietet mir das Leben immer noch ausreichend Gelegenheit, um kreativ und innovativ zu bleiben. Ich werde neugierig bleiben und mich mit den Dingen dieser Welt weiter auseinandersetzen.

Kommen wir auf das Konzert in Küsnacht zu sprechen, das Country-, Rock- und Gospel-Weihnachtskonzert am Freitag in der reformierten Kirche. Was kann der Zuhörer erwarten?

Ich freue mich sehr darauf: Es gibt gute Musik zu hören, zu der die bekannten Grössen Rolf Raggenbass und Max Stenz beitragen. Das sind ältere Herren wie ich. Larissa Baumann hingegen ist eine junge Sängerin, die das Quartett vervollständigt. Jeder trägt seine eigenen Songs bei, und wir covern einige Klassiker. Wir wollen das Publikum auch auf Weihnachten einstimmen. Zum Repertoire gehört mein «Schneemaa» aus dem Album «Tegsass» – ein Song, der wunderbar zu Weihnachten passt.

Braucht es viele Proben?

Jeder probt für sich. Eine Hauptprobe für alle genügt dann. Wir machen das ja nicht zum ersten Mal miteinander, und eine gewisse Routine kommt zum Tragen (lacht).

Damit schliesst sich der Kreis. Ihr allererstes Konzert haben Sie auch in Küsnacht gegeben. Darüber ranken sich Legenden. Wie verlief der Auftritt genau?

Es war – wenn ich mich richtig erinnere – 1959. Ich war 17 Jahre alt. An den Ort mag ich mich nicht mehr genau erinnern. Es war in einem Saal zwischen dem Bahnhof und dem Restaurant Sonne. Ich spielte auf der Gitarre und sang ein paar Songs von Elvis Presley. Was ich noch genau weiss: Es hatte auch eine Dixieland-Jazzband. Die spielte die traditionellen Stücke aus New Orleans und sollte mich eigentlich begleiten. Das ging aber nicht, weil meine Gitarre offen auf E gestimmt war, was mit den Bläsern nicht übereinstimmte. Der Drummer, Pianist und Bassist stiegen aber mit mir ein. Es klappte ganz gut, das Publikum tobte.

Sie erlebten die «Swinging 50’s» und einen Teil der «Swinging 60’s» also in Küsnacht. Wie war das damals an der Goldküste?

Meine Kindheit und meine Jugend waren eine bewegte Zeit. Kaum war ich in Zürich geboren, wanderte meine Familie nach Peru aus. Erst als mein Vater als Bauingenieur einen guten Job fand, wurde das Leben dort angenehm. Wir kehrten in die Schweiz zurück und zogen nach Küsnacht, zuerst ins Geissbühl, später ins Tägermoos. Mir gefiel Küsnacht auf Anhieb, aber meine Vorfahren waren Italiener, also war ich in der Schule erst mal der «Tschingg». Die Aufbruchstimmung damals – dazu zählte auch, sich gegen die Autoritäten aufzulehnen – war in Küsnacht zu spüren. Und natürlich war der Rock ’n’Roll zum Entsetzen der älteren Generationen unser treuer Weggefährte.

Waren Sie als Aufmüpfiger eher Einzelgänger oder hatten Sie Gleichgesinnte um sich?

Es gab viele Gleichgesinnte. Wir galten bei der älteren Generation als die «Halbstarken» im Dorf. Es gab unter den Erwachsenen aber auch lässige Typen. Dazu gehörte Pfarrer Wipf, der mich konfirmierte. An seinen Vornamen erinnere ich mich nicht mehr, aber daran, dass er eine Vespa fuhr. Der Motorroller galt damals in konservativen Kreisen als unanständig und sündhaft. Eine Sünde waren auch meine Bluejeans, mit denen ich zur Schule ging und postwendend wieder nach Hause geschickt wurde. So komme man nicht zur Schule, hiess es.

Gab es auch zu Hause Widerstände gegen die Karriere eines Rock’n’Rollers, die Sie damals einschlugen?

Meine Mutter hatte nichts dagegen. Mein strenger Vater war oft beruflich unterwegs und bekam davon nicht alles mit. 1962 verbot er mir aber mit Nachdruck, die Band Sauterelles zu gründen. Ich scherte mich nicht darum.

Als Sie mit den Sauterelles, der beliebtesten Schweizer Beatband der Sixties, gross wurden, verlagerte sich Ihr Leben von Küsnacht ins Zürcher Niederdorf – und von dort ging es auf Tournee durch halb Europa. Wie erlebten Sie diese Zeit?

Ich ging zusammen mit Freunden schon früher – noch von Küsnacht aus – ins «Dörfli». Dort gab es den «Schwarzen Ring», eine Beiz mit einer Jukebox. Die Hits aus England von den Shadows, der Beatles und der Rolling Stones liefen ohne Ende. Die Zeit mit den Sauterelles war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Wir schwammen aber bald obenauf. Mit «Heavenly Club» waren wir 1968 sechs Wochen lang die Nummer 1 in der Schweizer Hitparade. Noch viel wichtiger war für mich aber, dass im selben Jahr meine Frau Ruthli mir eine Tochter schenkte.

Sie nennen Ihre Frau mit dem Kosenamen Ruthli. Wie war und ist Ihrer Meinung nach ihr Leben an der Seite eines Rockmusikers?

Ich war mit meinen langen blonden Haaren ihr erster Engel (lächelt). Wir sind bald 50 Jahre verheiratet. Ich möchte mit Ruthli noch viel Zeit verbringen. Sie ist meine Geliebte, meine Freundin, meine Ehefrau.

Ihre zweite grosse Liebe, die Musik, hat sich stark verändert. Wie stark, Ihrer Meinung nach?

Musik war früher ein Ereignis, nicht allgegenwärtig wie heute. Ein einzelnes Konzert wurde gebührend gefeiert. Heute ertönt Berieselung nonstop. Der Mainstream läuft in den Dancefloors. Ich mache also eine Art Subkultur (lacht). Diese ist aber vielfältig: Mit den Sauterelles gab es 1993 eine Reunion. Ich habe eine weitere Band mit der Violinistin Amanda Shaw. Im Duett begleitet mich Markus Maggi am Akkordeon und an den Keyboards. Zurzeit trete ich zudem mit einer musikalischen Zeitreise mit dem Titel «MacheWasiWill» auf. Ich spiele mich durch meine 55-jährige Musikkarriere. Dazwischen erzähle ich viel und lese kurze Abschnitte aus meiner gleichnamigen Autobiografie vor. Das Ganze wird mit projizierten Bildern aus der jeweiligen Zeit illustriert.

Über all die Jahre hinweg scheinen Sie selber bescheiden und bodenständig geblieben zu sein. Stimmt der Eindruck, dass Sie ein Star sind, der kein Star sein will?

Um im Musikgeschäft erfolgreich zu sein, braucht es harte Arbeit, Fleiss und Durchhaltewillen und die Fähigkeit, Musik authentisch rüberbringen zu können. Ich habe diese Talente und schaue sie als Geschenke an, die ich nicht ausschlagen wollte. Ein wenig bin ich aber auch gerne ein Showman. Auch das kann nützlich sein. (zsz.ch)

Erstellt: 29.11.2015, 13:35 Uhr

Infobox

Toni Vescoli tritt zusammen mit Rolf Raggenbass, Max Stenz und Larissa Baumann am Freitag, 4. Dezember, in der reformierten Kirche in Küsnacht auf. Konzertbeginn der 2. Country-, Rock- und Gospel-Weihnacht ist um 20 Uhr. Eintritt ist frei (Kollekte).

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