St. Gallen

«Linthgebiet jammert auf hohem Niveau»

Nach acht Jahren ist Martin Gehrer (CVP) aus dem Regierungsrat zurückgetreten. Als Finanzminister hat er massgeblich dazu beigetragen, den Haushalt des Kantons auszugleichen. Nun wechselt der 58-Jährige vom Staat zurkatholischen Kirche und wird Präsident der St. Galler Landeskirche.

Martin Gehrer zieht Bilanz über sein Wirken in der St.Galler Regierung und hält Ausschau auf seine neuen Aufgaben als Präsident des Administrationsrats, der Exekutive des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St.Gallen.

Martin Gehrer zieht Bilanz über sein Wirken in der St.Galler Regierung und hält Ausschau auf seine neuen Aufgaben als Präsident des Administrationsrats, der Exekutive des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St.Gallen. Bild: Regina Kühne

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Sparpakete schnüren – sind Sie prädestiniert dazu, obwohl Sie gar nicht Protestant sind?
Martin Gehrer: Ich kann auf jeden Fall gut kopfrechnen (lacht). Allerdings zweifle ich daran, dass es ein Finanzminister einfacher hat, wenn er reichlich Geld in der Kasse hat, als wenn er Sparpakete schnüren muss. Möglicherweise ist es gerade umgekehrt.

Wie rutschte der Kanton in die ­finanzielle Schieflage?
Einerseits kam es 2008 zur Finanzkrise, angefangen mit dem Kollaps von Lehman Brothers und dem Betrugsfall Madoff. Dar­aufhin brachen die Steuereinnahmen ein. Hinzu kam, dass die Strukturen im Kanton nicht optimal waren und dringend bereinigt werden mussten.

Hat die Politik versagt, dass es dann gleich drei Sparprogramme brauchte?
Nein. Wir haben das Machbare gemacht. Es ist uns gelungen, bei den Entlastungen nicht nur auf der Ausgabenseite anzusetzen. Wir haben auch Mehreinnahmen – darunter auch zwei Steuererhöhungen – beschlossen. Und zum Teil haben wir auch einzelne Finanzlasten auf die untere Staatsebene und auf Dritte verlagert. Insgesamt waren die Sparpakete gut austariert, und deshalb wurden sie auch akzeptiert.

Geld spielt eine immer grössere Rolle – auch für die Regionen: Was ist der Grund, dass sich das Linthgebiet vom Kanton finanziell stiefmütterlich behandelt fühlt?
So stiefmütterlich wurde das Linthgebiet nicht behandelt. Ich erinnere an die A53, das neue Linth­werk, die Investitionen in die HSR oder auch an das Berufsschulzentrum. Allerdings liegt es wohl in der Natur der Sache, dass sich jede Region über zu wenig Unterstützung des Kantons beklagt. Ich kann dieses Jammern auf hohem Niveau durchaus nachvollziehen, auch wenn es nicht immer der Faktenlage entspricht.

Die Ökonomisierung der Gesellschaft schreitet munter voran. Wie interpretieren Sie den zunehmenden Stellenwert des Geldes?
Eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist in der Tat zu beobachten. Ich führe diesen Trend einerseits auf die Individualisierung in der Gesellschaft zurück, die dazu führt, dass jeder nur noch für sich selber schaut – dementsprechend darbt das Gemeinwesen. Hinzu kommt die Globalisierung, die das Wettbewerbsstreben anheizt und sich zum Kampf um Märkte ausweitet. Aus Angst, vom Wettbewerb abgehängt zu werden, werden die Grenzen immer weiter nach aussen verschoben. Gegen diese Dynamik scheint kein Kraut gewachsen.

Welche Rolle spielt das Geld für Sie, in Ihrem Leben?
Es ist sehr angenehm, wenn man ausreichend Geld und damit ein sorgenloses Leben hat. Der Spruch «Geld macht nicht glücklich» ist deshalb wohl etwas einseitig.

Jetzt wechseln Sie die Seite und werden Präsident der Exekutive der katholischen Kirche. Wie kommt es dazu, dass Sie vom Staat zur Landeskirche gehen?
Ich wollte noch einmal etwas Neues in Angriff nehmen nach acht Jahren in der Regierung und zuvor fast neun Jahren als Staatssekretär. Mit 58 Jahren war hierfür der Zeitpunkt ideal. Mit meinem Entscheid, nicht mehr zur Wiederwahl anzutreten, ergab sich die Gelegenheit bei der katholischen. Kirche. Da ich mich ohnehin auf dem Fundament der Kirche bewege, stellt diese Auf­gabe eine interessante Herausforderung für mich dar.

Der christliche Glaube verdunstet, Esoterik boomt, der Islam ist auf dem Vormarsch. Wohin ­bewegt sich der Katholizismus in unserer Zeit?
Die katholische Kirche muss sich öffnen. Ansätze dazu sind in jüngster Zeit erkennbar. Der Papst ist diesbezüglich – insbesondere, was die Mitwirkung und die Stellung der Frauen in der Kirche betrifft – offener als die Kurie. Es gibt seitens des Papstes ermutigende Zeichen. Allerdings mache ich mir keine Illusionen: Die katholische Kirche ist eine Weltkirche mit Wachstum, vor ­allem in Ländern, in denen der gesellschaftliche Stellenwert der Frauen viel kleiner ist als bei uns. Dementsprechend stören sich dort auch die Menschen weniger daran, dass die Frauen in der Kirche nicht gleichberechtigt sind. Dieses Thema hat dort nicht dieselbe Brisanz wie bei uns.

Glauben Sie daran, dass die Kirche wieder Oberwasser kriegt?
Die Kirche leidet ebenso wie der Staat unter der zunehmenden Individualisierung in unserer Gesellschaft. Was in früheren Zeiten als das Typische der Landeskirche die Menschen anzog, ist heutzutage ausser Mode geraten. Die Spiritualität ist zu einem breiten Feld geraten. Die einen gehen in eine Freikirche, andere interessieren sich für Esoterik, die dritten glauben an gar nichts mehr. In Europa gibt es kein Zurück mehr in jene alten Zeiten, in denen die Kirche ein beherrschender Faktor in der Gesellschaft war.

Was wollen Sie als Präsident ­bewegen und erreichen?
Ich bin Generalist und möchte mich dank meiner politischen ­Erfahrung mit einem Parlament und mit dem Finanz- und Steuerwesen auch in der Landeskirche einbringen. Dabei beschränkt sich die Aufgabe selbstverständlich auf die staatskirchenrechtlichen Aspekte. Was ich als Präsident kaum zu verändern imstande bin, ist der Umstand, dass immer weniger Leute bereit sind, Freiwilligenarbeit in der Kirche zu leisten.

Gibt es keine Möglichkeit, diese Freiwilligenarbeit attraktiver zu machen?
Doch, indem man zum Beispiel diese Arbeit besser bezahlen würde. Nur ginge damit weitgehend der Charakter der Freiwilligen­arbeit verloren, wenn die Entlöhnung der eigentliche Antrieb der Arbeit würde. Freiwilligenarbeit sollte sich für den Einzelnen an sich lohnen und attraktiv sein. Doch die Zeiten sind hart geworden, was die Freiwilligenarbeit betrifft. Davon können auch die Vereine und die Politik ein Lied singen. Die Bereitschaft, diese Arbeit zu machen, nimmt rapide ab.

Werden Sie Fusionen von Kirchgemeinden vorantreiben?
Ich betrachte Vereinigungen von Kirchgemeinden als ein heikles Unterfangen. Da und dort wird sich diese Frage aber stellen, sobald es nicht mehr gelingt, Behörden und Mitarbeitende für die entsprechenden Gremien zu finden. Jedenfalls sollten Fusionen von Kirchgemeinden nicht von oben verordnet werden, sondern wenn schon von der Basis her in Angriff genommen werden.

Immer mehr Stimmen fordern die Trennung von Kirche und Staat. Halten Sie diese Union in den heutigen Zeiten noch für ­opportun?
Ja. Diese Union hat sich sehr bewährt, ich halte sie für ein hervorragendes Modell. Sie führt zu einer grossen Entlastung für den Staat. Falls die Kirche ihre Betreuungsarbeit für Familien, Notleidende und Randständige dem Staat überlassen würde, kämen die Aufgaben den Staat viel teurer zu stehen. Diese Arbeit würde dann nicht einfach verschwinden, sie müsste einfach von anderen Personen in anderer Art und Weise gemacht werden – und gegen höhere Bezahlung.

Was würde die Trennung von Kirche und Staat für die St. Galler Landeskirche bedeuten?
Sie müsste den Unterhalt ihrer Kirchen wie vielerorts im Ausland durch Spenden decken. Sie müsste ohne Kirchensteuern ihren Leistungskatalog empfindlich anpassen. Ich wage zu bezweifeln, ob man das System wie etwa in den USA einfach kopieren könnte: Dort haben etwa Freikirchen eine mächtige Stellung und sind mit der Wirtschaft verbandelt. Das ist in unserem Land ­anders.

Was glauben Sie, wohin bewegt sich die Welt?
Die Globalisierung führt dazu, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht schliessen wird. Ich habe 2015 in Uganda und Ruanda beobachtet, dass junge Leute zwar durchaus gut ausgebildet sind, aber nach der Schule null Perspektiven haben in ihrem Land. Gleichzeitig sind sie dank modernen Medien bestens darüber informiert, wie gut es uns hier in Europa geht. Sie nehmen an, dass in Europa das Heil auf der Strasse liegt. Dies treibt sie geradezu nach Norden. Die Migration wird weiter zunehmen und mit ihr der Druck auf unser Land.

Zurück zu Ihrem Staatsamt: Wie würden Sie Ihre Hinterlassenschaft für den Kanton St. Gallen beschreiben?
Ich kann für mich persönlich eine positive Bilanz ziehen, das Resultat stimmt. Einerseits gelang es, den Haushalt des Kantons zu konsolidieren. Anderseits konnten wir neue Instrumente schaffen, um künftig die Finanzen besser im Lot zu halten. Dass es dar­über hinaus gelang, wichtige Vorlagen, wie etwa die Fusion und Ausfinanzierung der beiden kantonalen Pensionskassen oder die neue Personalgesetzgebung, durchzubringen, zähle ich auch zu den Erfolgen.

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Erstellt: 02.06.2016, 16:18 Uhr

Infobox

Zur Person

Martin Gehrer, geboren am 21. Juni 1957 und aufgewachsen in einer Grossfamilie mit zwölf Kindern, hat Jus studiert und wurde Gemeindammann in Gaiserwald. Anschliessend amtete er als Staatssekretär des Kantons St.?Gallen. Vor acht Jahren wurde Martin Gehrer Regierungsrat des Kantons St.?Gallen und Vorsteher des Finanzdepartementes. 2012/13 war er Regierungspräsident. Als «Lästerzunge» ist Martin Gehrer unterwegs an der St.?Galler Fasnacht. Er ist Velofahrer aus Leidenschaft, reist und liest gerne. Martin Gehrer ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Abtwil.(ml)

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