Thalwil

«Lieberherr ist bei den einen angeeckt und von den anderen vergöttert worden»

Sie war eine prägende Figur der Zürcher Sozialpolitik: Emilie Lieberherr. An das Leben und Wirken der Sozialdemokratin hat am Samstag im Kulturraum Thalwil ihre Biografin Trudi von Fellenberg-Bitzi erinnert.

Die Autorin Trudi von Fellenberg-Bitzi las im Kulturraum aus ihrer Biografie über Emilie Lieberherr.

Die Autorin Trudi von Fellenberg-Bitzi las im Kulturraum aus ihrer Biografie über Emilie Lieberherr. Bild: Manuela Matt

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«Ihr seid nicht nur da, um Milchreis zu kochen!» Dies war einer ihrer kernigen Aussprüche. Gerichtet hat sie ihn an die Frauen in Zürich, in der Schweiz und selbst im Ausland. Die Rede ist von Emilie Lieberherr, Sozialdemokratin, Zürcher Stadträtin von 1970 bis 1994 und Ständerätin von 1978 bis 1983. Vor allem aber: unermüdliche Förderin der Frauen. Eine, deren Spuren noch bis heute in Politik und Gesellschaft nachwirken.

Das hat am Samstagabend im Kulturraum Thalwil die Lesung von Trudi von Fellenberg-Bitzi aufgezeigt. Die Journalistin und Buchautorin hat aus ihrer Biografie gelesen, die sie diesen Frühling über Lieberherr herausgebracht hat. Genauer gesagt, ist das Buch im März erschienen – nicht zufällig.

Berühmter Auftritt auf dem Bundesplatz

Denn, am heurigen 1. März hat sich zum 50. Mal der «Marsch auf Bern» gejährt. Damit ist der Protestzug vor die Tore des Bundeshauses gemeint, mit dem Frauen aus der ganzen Schweiz 1969 für das Frauenstimmrecht demonstrierten. Mitten unter ihnen, in einem roten Mantel – der dadurch Kultstatus erlangen sollte: Emilie Lieberherr. Bis dahin ist sie eher im Hintergrund eine Kämpferin für die Sache. Doch dann tritt sie auf das Rednerpodest – und ihr Leben nimmt eine Wendung.

«Wir sind nicht als Bittende sondern als Fordernde hier», ruft sie in die Menge, die die Polizei mit einsatzbereiten Wasserwerfern umzingelt. Tags darauf ist ihr Auftritt Thema in allen nationalen und vielen internationalen Zeitungen. Und nicht mehr lange dauert es, bis die SP bei der leidenschaftlichen, damals 44-jährigen Frauenrechtlerin vorstellig wird. Dies, um sie als Kandidatin für die Stadtratswahlen zu gewinnen.

Emilie Lieberherr unterrichtet an der Berufsschule, aufgenommen im Januar 1970, einen Tag nach ihrer Nominierung durch die SP zur Kandidatin für den Stadtrat. Bild: Keystone.

92 Schachteln Material

Die Parteiverantwortlichen beissen indes erst auf Granit. «Lieberherr wollte lange frei bleiben», erklärt von Fellenberg den gut 30 Anwesenden. Die Autorin hat für ihr Buch zu einem grossen Teil auf den Nachlass der 2011 verstorbenen Politikerin zurückgegriffen. 92 Schachteln aus dem Stadtarchiv seien das gewesen – voller Briefe, Zeitungsartikel und weiteren Dokumenten. Daneben hätten Interviews mit einstigen Weggefährten das Bild über den Menschen hinter der Politikerin vervollständigt.

Einer davon ist Josef Estermann, Parteigenosse von Lieberherr und Stadtpräsident von 1990 bis 2002. «Sie war platzergreifend», zitiert von Fellenberg seine Erinnerung an die Ratskollegin. Ihre Reden hätten oft lange gedauert.

«Sie hat viel bewirkt»

«Sie hat das Theatralische geliebt und war majestätisch im Auftreten», sagt die Autorin an anderer Stelle über das Naturell der Politikerin, die durchaus polarisiert hat: «Bei den einen ist sie angeeckt, die anderen haben sie vergöttert.» Doch einig seien sich Kritiker wie Anhänger gewesen: «Sie hat viel bewirkt.»

So erwähnt von Fellenberg etwa das neue Eherecht von 1988, den Mutterschaftsurlaub, die Kommission für Frauenfragen oder die Einrichtung von städtischen Krippen als Lieberherrs Errungenschaften. Untrennbar ist deren Name zudem mit der Alterspolitik verbunden. 15 Altersheime eröffnet sie in der Stadt und führt dabei einen zeitgemässen Standard ein.

Platzspitz besucht

Besonders für allein stehende und bedürftige Senioren erhebt Emilie Lieberherr und für die, die sich selber nicht zu wehren vermögen. Das aber gelingt ihr bei einem anderen Thema weniger leicht: zu den Drogenkranken am Platzspitz findet sie erst keinen Zugang. Nur Ausstiegswilligen will sie Hilfe anbieten. Bis sie ein Gespräch mit André Seidenberg, dem Pionier in der Suchtmedizin, radikal umdenken lässt.

Danach ist sie sich nicht zu schade, sich selber ein Bild von den Zuständen des Elends zu machen und mit den Süchtigen zu sprechen. Im Jahr 1991 geht das Viersäulenprinzip aus Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression daraus hervor: Es wird die Drogenpolitik nachhaltig revolutionieren.

Erstellt: 13.10.2019, 17:23 Uhr

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