Wochengespräch

«Lebewesen dürfen nicht Firmen gehören»

Der Hombrechtiker Peter Kunz züchtet seit 30 Jahren Getreide für die biologische Landwirtschaft. Was auf seinen Feldern gedeiht, wird auch dem Klimawandel standhalten, ist er überzeugt.

Peter Kunz züchtet und entwickelt im Hombrechtiker Ortsteil Feldbach neue Getreidesorten.

Peter Kunz züchtet und entwickelt im Hombrechtiker Ortsteil Feldbach neue Getreidesorten. Bild: Michael Trost

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Sie stellen seit vielen Jahren neue Pflanzensorten her, vorwiegend Weizen. Nach welchen Eigenschaften suchen Sie und Ihr Verein für Kulturpflanzenentwicklung?
Peter Kunz: Wir suchen nach gesunden, robusten und anpassungsfähigen Sorten mit guten Backeigenschaften. Ertragsmässig müssen sie keine Überflieger sein. Es gibt 40 Kriterien, die eine gute Weizensorte erfüllen muss. Wichtig ist zum Beispiel die Architektur einer Weizenpflanze; wie aufrecht sie steht, wie gross sie ist und wie weit entfernt die Ähren vom Blattbereich entfernt sind. In den letzten 30 Jahren haben sich die Weizensorten unseres Vereins zum Standard im Biolandbau gemausert. Aber wir müssen ständig weitere Sorten entwickeln.

Weshalb?
Das Klima verändert sich. Vor 30 Jahren haben wir jeweils am 30. August geerntet, 2018 schon am 1. Juli. Wir brauchen Getreidesorten, die mit dem Klimawandel zurechtkommen. Es ist eine elementar wichtige Aufgabe der Züchter, nicht nur leistungsfähige Sorten zu produzieren, sondern Vielfalt und Anpassungsfähigkeit zu erhalten, damit die Pflanzen Umweltbedingungen standhalten, die sich ständig verändern.

Wie hat sich der besonders heisse Sommer 2018 auf die Ernte ausgewirkt?
In Europa ging der Weizenertrag bis um 40 Prozent zurück, in der Schweiz waren es 20 Prozent. Vor 200 Jahren hätte dieser Mangel an Weizen eine Hungersnot verursacht, heute kann man ihn vom Ausland importieren und den Verlust ausgleichen. Für uns Züchter sind die von der Witterung her extremen Jahre gut. Wir sehen von blossem Auge, ob die Pflanzen etwas taugen oder nicht.

Sie melden jährlich zwei neue Sorten zur Zulassungsprüfung an. Wie lange dauert es, um eine neue Sorte zu züchten?
Zwischen 12 und 15 Jahre. Unsere Pflanzen müssen deshalb mit den klimatischen Bedingungen leben, die 15 oder 20 Jahre später herrschen. Im ersten Jahr wird die Mutterpflanze auf dem Feld in einem Sack mit der Spenderpflanze bestäubt. Die Ernte beläuft sich auf 20 bis 25 Körner. Ein Jahr später kann man schon 100 Gramm ernten. Diesmal bestäuben sich die Pflanzen selbst. In den folgenden vier bis sechs Jahren selektieren wir die besten Pflanzen und vermehren sie - auch unter extremen Bedingungen. Bis die neue Sorte am Schluss die offizielle Zulassung für den Markt erhält, dauert es weitere drei Jahre.

Wie sind Sie Züchter geworden?
Mein Vater war Landwirt und hat Mais angebaut, was damals noch nicht üblich war. Ich habe schon als Zehnjähriger gerne die Bücher meines Vaters übers Maiszüchten gelesen. Jedermann dachte, dass ich in die Fussspuren meines Vaters treten müsse und so absolvierte ich eine landwirtschaftliche Lehre. Später studierte ich an einer Fachhochschule Agronomie und arbeitete in der Agroscope Reckenholz in der Forschung. Ich habe aber keinen grünen Daumen, mich interessieren vor allem Feldkulturen wie die Getreide, wo man säen und ernten muss, sonst nichts. Selbständig wachsende Pflanzen entsprechen mir mehr als Gartenpflanzen oder Reben, die man das ganze Jahr pflegen muss.

Sie züchten nach biologisch-dynamischen Kriterien. Was ist der Unterschied zum konventionellen Getreideanbau?
Wir betrachten die Landwirtschaft ganzheitlich. Das Konzept geht auf die Ideen des Anthroposophen Rudolf Steiner zurück. Wir begleiten die Pflanzen als Teil des Hofkreislaufes in ihrem Wachstum. Die Landwirte, in deren Feldern wir aussäen verwenden weder Stickstoffdünger, noch Pestizide oder Wachstumsregulatoren. Sie fördern einen natürlichen Kreislauf mit dem Dünger aus Kompost oder Gülle und Kuhmist, die aus dem eigenen Betrieb stammen. Dazu beleben sie die Erde mit einer Reihe von mineralischen und pflanzlichen Präparaten.

«Ich habe aber keinen grünen Daumen, mich interessieren vor allem Feldkulturen wie die Getreide, wo man säen und ernten muss, sonst nichts.»

Was ist denn verkehrt an Stickstoffdüngern und Wachstumsregulatoren?
Eine Pflanze ist keine Maschine. Wenn man sie mineralisch düngt und mit Hormonen behandelt, belastet man den pflanzlichen Organismus. Die Folge sind Krankheiten und ein schleichender Qualitätsverlust. Stickstoffdünger lässt die Pflanzen zwar schneller wachsen, doch der Wirkungsgrad ist schlecht. In der biologischen Landwirtschaft hingegen soll sich die Pflanze den Boden in aller Ruhe selbst erschliessen. Sie belebt mit den Ausscheidungen aus ihren Wurzeln die nützlichen Bakterien und Pilze und bildet lange Wurzeln, die auch Trockenheit besser standhalten. Die Pflanze wird robuster.

Die Züchtung neuer Sorten ist eine langwierige Arbeit. Schneller ginge es mit gentechnischen Verfahren, wo das Erbgut den Anforderungen entsprechend verändert wird. Fortgeschrittene Forschungsprojekte zu verbesserter Stresstoleranz gibt es etwa bei Reis und Weizen.
Ich bin gegen Gentechnik. Denn wenn man ein Genom im Labor verändert, wirkt sich das im Organismus auf eine ganze Palette an Eigenschaften aus, auch auf solche, die man gar nicht verändern wollte. Die Züchtung aber geschieht unter den realen Lebensbedingungen, deshalb zeigen sich negative Eigenschaften in den neu gezüchteten Pflanzen viel schneller. Das Hauptproblem der Gentechnik ist auch, dass die veränderten Pflanzen patentiert werden. Lebewesen aber dürfen meiner Meinung nach nicht einzelnen Firmen gehören. An der Gentechnik haben bis heute allein die grossen Firmen profitiert.

Die Sorten, die Sie entwickeln, gehören demnach nicht Ihnen oder Ihrem Verein?
Nein. Der Verein für Kulturpflanzenentwicklung ist eine gemeinnützige Institution, die aus den neu gezüchteten Sorten keinen Gewinn schlägt. Wir stellen unsere Züchtungen beispielsweise der Sativa Rheinau AG zur Verfügung, die biologisches Saatgut vermehrt und vermarktet. Vom verkauften Saatgut erhalten wir einen Anteil, der 5 bis 10 Prozent unseres Umsatzes ausmacht. Ansonsten finanzieren wir uns über Spenden von über 300 Privatpersonen, Schenkungen und Beiträge von Stiftungen.

Wie schätzen Sie die Zukunft von biologischem Anbau ein?
Der Biolandbau wird weiterhin wachsen. Langsam, aber kontinuierlich. Man schaue sich nur an, wieviel Energie in Düngemitteln steckt. Die konventionelle Anbauweise ist nicht effizient und belastet die Umwelt zu stark. Die Konsumenten werden sensibler und merken, dass sie mit ihrem Kaufverhalten steuern können, wie in der Schweiz und im Ausland Getreide angebaut wird.

Wie steht es um Ihre persönlichen Zukunftspläne?
Ich bin jetzt 64 Jahre alt werde die Getreidezüchtung bald abgeben. 2019 werden Herbert Völkle und Monika Baumann den Verein für Kulturpflanzenentwicklung in Co-Leitung übernehmen. Dann werde ich mich um den Fonds für Kulturpflanzenentwicklung kümmern können, den ich ins Leben gerufen habe. Das Ziel dieses Fonds wird sein, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und Nachwuchs-Fachleute auszubilden.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.01.2019, 14:06 Uhr

Zur Person

Der 64-jährige Peter Kunz ist in Egg auf einem Bauernbetrieb aufgewachsen. Seit 22 Jahren lebt er mit seiner Frau in Hombrechtikon. Nach einer landwirtschaftlichen Lehre studierte er Agronomie an der Schweizerischen Ingenieurschule für Landwirtschaft. Er forschte zudem in der Forschungsanstalt Agroscope im Reckenholz. Es folgte ein naturwissenschaftliches Studium am Goetheanum in Dornach (D). Ab 1992 arbeitete Kunz als freischaffender Getreidezücher mit eigener Firma. Im Jahr 2000 gründete er den gemeinnützigen Verein für Kulturpflanzenentwicklung und übernahm dessen Leitung. Der Verein züchtet in Feldbach und Rheinau unter anderem Weizen, Dinkel, Triticale, Emmer und Sonnenblumen. rau

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