Wochengespräch

«Kaschmir ist ein vergessener Konflikt»

Roland Meister war ein Jahr lang UN-Militärbeobachter in Indien und Pakistan. Im Gespräch erzählt er von seiner Zeit in Pakistan und Indien und wie er die Schweiz nach seiner Rückkehr wahrnimmt.

Roland Meister :«Wir Militärbeobachter sind nicht dort um den Konflikt zu lösen.»

Roland Meister :«Wir Militärbeobachter sind nicht dort um den Konflikt zu lösen.» Bild: Moritz Hager

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Die wichtigste Aufgabe der UNO ist die Sicherung des Weltfriedens. In den letzten Jahren hat die Zahl der Konflikte aber zugenommen. Kann die UNO auf globaler Ebene überhaupt noch Einfluss nehmen?
Roland Meister: Die UNO ist eine riesige multinationale Organisation. Die Internationalität ist zugleich ein Vor- und Nachteil. Positiv ist, dass unterschiedliche Kulturen Einfluss nehmen können. Es besteht aber auch die Gefahr, dass man sich nicht einig wird.

Die UNO ist also nur so effektiv, wie es die am Konflikt beteiligten Staaten zulassen.
Genau. Eine zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche Friedensmission ist es, dass alle beteiligten Länder das UNO-Mandat anerkennen.

In Kaschmir, wo Sie zwölf Monate als Militärbeobachter im Einsatz waren, ist dies der Fall. Der Konflikt im Grenzgebiet von Indien und Pakistan dauert trotzdem schon 70 Jahre. Gibt es in einem solchen Fall überhaupt die Chance auf eine erfolgreiche Vermittlung?
Wir Militärbeobachter sind nicht dort um den Konflikt zu lösen. Die Vermittlungen sollen auf diplomatischem Weg stattfinden. Unser Auftrag als Peacekeeper ist es, Veränderungen an der Waffenstillstandslinie zu beobachten und zu rapportieren. In einem Protokoll werden Beweise und Zeugenaussagen minutiös aufgeschrieben. Auf dieser Grundlage geben wir Empfehlungen ab, ob es sich um Waffenstillstandsverletzungen handelte oder nicht. Es ist schwierig zu beurteilen, was man da wirklich bewirken kann. Das Wichtigste für mich war, saubere Arbeit zu leisten und so die Grundlage für die politischen Verhandlungen zu schaffen.

Mit welcher Motivation sind Sie nach Kaschmir gereist?
Ich war von 2011 bis 2012 bereits im Einsatz in Syrien auf den Golanhöhen. Nach ein paar Monaten zu Hause habe ich gemerkt, dass ich wieder in den Einsatz gehen möchte. Ich finde es spannend andere Kulturen kennen zu lernen, Gebiete zu sehen, die sonst kaum jemand zu Gesicht bekommt. Man erlebt reale Politik hinter den Kulissen und hat die Möglichkeit einen kleinen Schritt in Richtung Frieden zu gehen.

Wie sah Ihre Arbeit konkret aus?
Wir waren für die Beobachtung der Waffenstillstandslinie zuständig. Dazu gehörten Besuche bei stationierten Truppen, die Erkundung von Strassen oder das Einrichten von Beobachtungsposten. Alle Fakten mussten unabhängig aufgenommen werden. Deshalb haben immer mindestens zwei Personen aus verschiedenen Nationen zusammen gearbeitet.

Die Friedenstruppen der UNO sind multinational. Wodurch zeichnen sich die Schweizer aus?
Die Neutralität und Mehrsprachigkeit der Schweiz sind sicher wichtige Aspekte. Hinzu kommt, dass wir trotz der multikulturellen Landschaft eine langjährige Friedenskultur haben. In Krisenregionen weckt das Vertrauen.

Wie wurden Sie von der lokalen Bevölkerung aufgenommen?
Die Leute sind extrem Gastfreundlich. Wenn man auf sie zugeht und sich mit ihnen unterhält entwickeln sich Freundschaften. Das gilt natürlich auch für die Offiziere aus den anderen Ländern. Wenn man Extremsituationen zusammen erlebt, schweisst einen das zusammen.

Hatten Sie auch mal Angst um Ihre eigene Sicherheit?
Angst nicht, aber ich hatte immer Respekt vor der Situation. Es kann immer vorkommen, dass man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Das gefährlichste sind die Verkehrssituationen. Der Verkehr ist ein bisschen anders als bei uns. (lacht) Es gibt auch immer wieder Erdrutsche und Erdbeben. Das hat mir gezeigt, wie klein wir Menschen im Vergleich zu den Naturgewalten sind.

Die Naturkatastrophen waren also gefährlicher als die menschliche Gewalt?
Es handelt sich nicht um einen offenen Krieg. In Kaschmir sterben aber jährlich mehrere Hundert Personen bei Grenzzwischenfällen oder durch Angriffe. Es ist kein ruhiges Gebiet, aber ein vergessener Konflikt.

Weshalb sprechen wir in der Schweiz so wenig über diesen Konflikt?
Kurzzeitige Aktivitäten überblenden die Geschichte und die Medien beeinflussen stark, was auf die Agenda kommt. Als in New York kürzlich acht Personen durch das Attentat eines Autofahrers getötet wurden, hat das sehr hohe Wellen geworfen. Natürlich ist das schlimm, aber in anderen Konflikten sterben Tausende von Menschen und darüber wird kaum berichtet. Die Konflikte im Gebiet Kaschmir haben zugenommen, es werden öfters Verletzungen des Waffenstillstands rapportiert. Pakistan und Indien besitzen beide Atomwaffen. Sollte das Konfliktpotenzial steigen, wäre das öffentliche Interesse sehr gross. Aber der Konflikt ist 70 Jahre alt. Wenn die Gewalt nicht ständig auflodert, gibt es selten Schlagzeilen.

Ihnen müssen die Probleme, die uns hier beschäftigen, banal vorkommen.
Teilweise schon. Fällt hier etwa der Strom für fünf Minuten aus, ist das schon eine Katastrophe oder wenn das Internet kurz nicht funktioniert, sprechen meine Kinder schon von Terror. So etwas nehme ich jetzt gelassener. Die Probleme hier sind einfach anders als jene in einem Krisengebiet. Auf der Maslowschen Bedürfnispyramide bewegen wir uns auf der mittleren und oberen Stufe, nicht bei den Grundbedürfnissen. Uns beschäftigen Wünsche nach Erfolg und Ansehen. Viele Dinge die wir haben, benötigen wir eigentlich gar nicht.

Wie war es für Sie in die Blase von Frieden und Wohlstand zurückzukehren?
Ich habe mich gefreut, duschen zu gehen, ohne dass ich die Kakerlaken zuerst herausscheuchen musste. (lacht). Eine der Schwierigkeiten nach der Rückkehr ist, dass viele Leute zwar begeistert davon sind, was ich gemacht habe, aber eigentlich kann man die Erlebnisse nur mit jemandem teilen, der Ähnliches erlebt hat. Ich würde auch sagen, dass meine Akzeptanzschwelle gegenüber Belanglosigkeiten gesunken ist. Wenn Leute sich über Banalitäten aufregen, wechsle ich einfach das Thema.

Zieht es Sie schon zum nächsten Einsatz?
Im Moment habe ich andere Aufgaben, die mich stark beanspruchen. Ich habe die Geschäftsführung unseres familiären Schmuck- und Uhrenunternehmens übernommen und schreibe zugleich meine Masterarbeit an der ZHAW zum Thema Kommunikation in der Geiselnahme. Wenn alles klappt, zieht es mich aber sicher wieder in den Einsatz.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.12.2017, 13:59 Uhr

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