Wochengespräch

«Jedes Kind trägt viel Gutes in sich»

Zu ihm kommen einige der Kinder, für die die Kesb eine Heimplatzierung angeordnet hat: Der 56-jährige Sepp Rölli leitet das Stäfner Kinderheim Lattenberg.

Sepp Rölli leitet seit 1997 das Kinderheim Lattenberg in Stäfa.

Sepp Rölli leitet seit 1997 das Kinderheim Lattenberg in Stäfa. Bild: André Springer

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Jetzt, am Nachmittag, ist das Haus fast leer. Wer wohnt hier im Kinderheim Lattenberg in Stäfa?
Sepp Rölli: Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen. Sie sind im Moment in der Schule oder im Kindergarten in Stäfa. Und sie wohnen hier, weil ihre Eltern in einer schwierigen Situation sind, in der sie fremde Hilfe benötigen und durch die sie nur beschränkt für ihre Kinder sorgen können.

Sind das andere Gründe als vor 21 Jahren, als Sie die Leitung des Kinderheims übernahmen?
Als ich begonnen habe, gab es noch Waisenkinder und mehr Kinder von sucht- und alkoholkranken Eltern. Es war die Zeit der offenen Drogenszenen. Die Suchtprävention zeigt heute ihre Früchte, dafür haben die psychischen Erkrankungen der Eltern zugenommen.

Sie haben hier einen grossen Wechsel erlebt: 2013 löste die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) die Vormundschaftsbehörde ab und weist seitdem die Kinder zu. Wie hat dies Ihre Arbeit verändert?
Wir beziehen seitdem die Eltern vermehrt in die sozialpädagogische Begleitung der Kinder mit ein, fragen nach ihrer Perspektive. Meist wollen sie ja, dass ihr Kind möglichst bald wieder bei ihnen wohnt. Also werden Ziele vereinbart: etwa, dass sie regelmässig eine Therapie besuchen und zu Gesprächen erscheinen, dass sie sich einer Begleitung durch Fachleute verpflichten oder mindestens ein Jahr suchtfrei leben. Die Kontrolle läuft in enger Zusammenarbeit mit der Sozialarbeiterin, die von der Kesb beauftragt ist, mit Zwischenberichten über den Verlauf zu informieren.

«Es gibt immer Eltern, die nicht einverstanden sind mit den Massnahmen der Kesb.»Sepp Rölli

Die Kesb hat nicht das beste Image. Können Sie die Kritik an der Behörde nachvollziehen?
Fachlich nicht, es wurde alles professioneller, und man versucht heute zuerst ambulante Massnahmen, bevor man ein Kind im Heim platziert. Vom Organisatorischen schon; am Anfang ging es oft schleppend, man wartete lange auf einen Entscheid. Mittlerweile sind die Abläufe jedoch effizienter geworden. Trotzdem gibt es natürlich immer Eltern, die nicht einverstanden sind mit den Massnahmen der Kesb und nicht mitarbeiten.

Sie sehen in viele schwere Lebensläufe. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Mein Motto ist: Was diese Kinder erlebt haben, kann ich nicht mehr beeinflussen. Aber ich kann ihnen helfen, ihre Zukunft zu gestalten. Und: Den Kopf durchlüften ist wichtig. Dafür fahre ich oft mit dem Velo den Arbeitsweg von Küsnacht hierher nach Stäfa.

Aber ist es manchmal nicht zum Verzweifeln, immer wieder neue Kinder aus schwierigen Verhältnissen ankommen zu sehen oder mit Eltern zu tun haben, deren Lage sich kaum bessert?
Zum Teil ist es schwierig. Etwa bei psychischen Erkrankungen der Eltern, besonders bei manisch-depressiven Problemen, weil die Zustände oft wechseln. Die Betroffenen können dann oft nicht sehen, dass sie Hilfe brauchen. Man muss ihr Verhalten als Krankheit anschauen und darf nicht alles persönlich nehmen. Und bei den Kindern bin ich überzeugt, dass jedes – trotz seiner Geschichte – Gutes und Liebenswürdiges in sich trägt. Dass jedes viele Ressourcen und Stärken mit sich bringt, die ihm bewusst gemacht und weiterentwickelt werden müssen.

Diese zu finden, motiviert Sie stets aufs Neue?
Genau – auch wenn manchmal der Zugang zu den Kindern schwierig ist. Aber sie geben mir täglich ja auch viel zurück. Wie etwa ein ehemaliger Bewohner, der stolz von seinem erfolgreichen Lehrabschluss berichtete – und sich bedankte, dass ich ihm einst geholfen habe. Er hatte sich oft verweigert und viel Aufmerksamkeit gebraucht.

Welche weiteren Ereignisse in Ihrer Zeit als Heimleiter haben Sie geprägt?
Die sich jährlich wiederholenden Anlässe, die guten Erlebnisse, die Zusammenhalt vermitteln, und die Feiern, bei denen zum Teil auch die Eltern dabei sind. Und das Vernetztsein im Dorf, mit Nachbarn und den Lehrern aus den Stäfner Schulen.

Und was bleibt Ihnen negativ in Erinnerung?
Ganz klar, weswegen wir kürzlich in den Medien waren: Die zwei Mädchen, die im März über Nacht verschwunden sind. Das Ereignis hat mit den Presseberichten eine Dynamik entwickelt, die sich erst langsam wieder setzt. Für das ganze Team war es eine grosse Herausforderung. Aber wir wurden von der Polizei gut unterstützt und informiert.

Was haben Eltern Ihrer Meinung nach in ihrer Macht, damit die Erziehung nicht aus dem Ruder läuft?
Sich Zeit nehmen für das Kind. Strukturen und Regeln formulieren, verbindlich bleiben, aber nicht rigide sein. Zudem: Die Kinder altersgerecht in Entscheidungen miteinbeziehen und mehr selber ausprobieren lassen. Das fördert ein gesundes Selbstvertrauen.

Sind die Kinder heute auch überbehütet?
Eindeutig. Doch Kinder müssen lernen, mit Gefahren umzugehen und brauchen dabei die Eltern als Vorbilder: beim Bäche Stauen, im Wald Spielen oder gemeinsamen Velofahren. Heute aber ist die Tendenz, alles abzusichern, die Kinder ständig zu überwachen und ihnen nichts zuzutrauen.

Wo sehen Sie Probleme in der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung?
Im Umgang mit den modernen Medien. Nicht, dass ich grundsätzlich dagegen wäre. Aber wenn man nur noch neben- statt miteinander lebt und dem Handy mehr Zeit widmet als dem Kind, ist das sicher nicht gut.

Erstellt: 10.06.2018, 16:02 Uhr

Zur Person

Sepp Rölli (56)

Er wächst in einer zehnköpfigen Familie in Schötz LU auf. Er lernt Betriebsdisponent bei den SBB. Der Beruf bietet ihm jedoch zu wenig Kontakt mit Menschen. So studiert er Sozialpädagogik, bildet sich zum Heimleiter aus und legt den Master in sozialer Arbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ab. Von 1987 bis 1992 arbeitet er in der Martin-Stiftung Erlenbach, weitere fünf Jahre in der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime in der Jugendsiedlung Heizenholz. Seit 1997 leitet er das Stäfner Heim Lattenberg für sozialpädagogische Begleitung. Rölli lebt in Küsnacht, ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Söhne (27 und 24). Er ist begeisterter Velofahrer und Vorstand im Veloclub Küsnacht. and

Jubiläum

25 Jahre Verein Pro Lattenberg

Seit 1947 existiert auf dem Stäfner Lattenberg ein Kinderheim; seit 1973 gehört die Liegenschaft der Stiftung Lattenberg. Von 1986 an vermietet diese die Häuser der Stadt Zürich für das Schulheim Pestalozziheim Redlikon. 1992 zieht sich die Stadt aus Spargründen zurück– und der damalige Heimleiter, Josef Mattle, gründet den Verein Pro Lattenberg, der seit 1993 das Heim führt. Es wird von Kanton und Bund subventioniert.

Zum 25-Jahr-Vereins­jubiläum findet am Samstag von 11 bis 17 Uhr ein Tag der offenen Tür statt. Lattenbergstrasse 32, Stäfa. and

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