Integration

In der Schule musste sie sich stets beweisen

Lea Vejnovic ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Dennoch hat die 27-Jährige die Regelschule absolviert. Sie wurde zum«Pilotprojekt» der integrativen Förderung.

Lea Vejnovic hat Spinale Muskelatrophie und versucht so autonom wie möglich zu leben: Derzeit studiert die 27-Jährige Architektur an der ETH Zürich.

Lea Vejnovic hat Spinale Muskelatrophie und versucht so autonom wie möglich zu leben: Derzeit studiert die 27-Jährige Architektur an der ETH Zürich.

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Für Lea Vejnovic war es selbstverständlich, dass sie den gleichen Kindergarten und die gleiche Schule besuchen wird wie ihre ältere Schwester. Der Schulpsychologe war allerdings anderer Meinung. Anders als ihre Schwester ist Lea Vejnovic körperlich beeinträchtigt. Wegen eines Gendefekts kann sie ihren Körper nur minim bewegen. Gehen hat sie nie gelernt. Atmen und essen kann sie nicht selbstständig. Die Erkrankung heisst Spinale Muskelatrophie und betrifft eines von 10 000 Neugeborenen.Der Schulpsychologe empfahl Lea Vejnovic, eine Sonderschulklasse zu besuchen. Es sei für sie angenehmer, mit anderen Kindern mit Einschränkungen in der Klasse zu sein. Am Besuchstag in der Sonderschule fühlte sie sich aber fehl am Platz und fragte sich: «Was soll ich hier?»

Treppenlift und Computer

Schon als Kindergärtlerin setzte sie sich durch. Nach intensiven Gesprächen zwischen ihren Eltern, den Lehrern und dem Rektor wurde sie in der Regelschule aufgenommen – als Pilotprojekt, denn die integrative Förderung von Kindern mit Beeinträchtigungen in Regelklassen wurde erst 2004 Gesetz. In Lea Vejnovics Primarschulhaus in der Stadt Zug wurde extra ein Treppenlift installiert, damit sie ins Klassenzimmer im ersten Stock kam. Um nicht alles mühsam von Hand schreiben zu müssen, durfte sie einen Computer am Tisch haben, und während Prüfungen diktierte sie die Antworten zunehmend ihrer Begleiterin.

Die Kinder im Kindergarten und in der Primarschule haben das Mädchen im Rollstuhl schnell akzeptiert. «Ich bin sehr direkt und habe reklamiert, wenn ich während der Pausen alleine im Klassenzimmer blieb, weil ich nicht schnell genug auf den Pausenplatz kam und wieder zurück.» Sie hatte zwei gute Freundinnen, die gerne bei ihr blieben.

Doch unter den Pädagogen blieb die Skepsis: Jedes Jahr wurde neu besprochen, ob sie in der Regelklasse bleiben durfte. In der Primarschule erbrachte sie dieselben Leistungen wie die anderen Kinder – sogar im Schönschreiben wurde sie benotet. Im Gymnasium liess sie die Fächer Französisch, Sport und Wirtschaft aus, da sie Zeit für Arzt- und Physiotherapiebesuche brauchte.

Durch ihre Behinderung fühlt sie sich kritischer beurteilt als die anderen. Respekt und Bestätigung erhielt sie erst durch ausserordentliche schulische Leistungen: «Ich musste mich stets beweisen und gute Noten schreiben, um zu zeigen, dass sich das Pilotprojekt gelohnt hat», sagt Lea Vejnovic und dreht die Augen gegen den Himmel.

Ausser den Gesichtsmuskeln bewegt sie wenig während des Gesprächs. Die Kanüle in der Luftröhre erschwert ihr das Sprechen. Ihre Worte sind anfangs nicht leicht zu verstehen. Aber sie erzählt lebhaft, hebt die Augenbrauen für Nachdruck und schliesst die Lider kurz, wenn sie zustimmt.

Will sie aber ihre Position im Rollstuhl verändern, braucht sie Hilfe. Diese bieten ihr heute Assistentinnen und Assistenten, die sie jeweils während 24 Stunden betreuen. Es sind meist Studenten, die sie selber aussucht, anstellt und entlöhnt. «Ich führe ein Kleinunternehmen. Die Organisation braucht viel Zeit.» Aber die Autonomie, die sie dadurch erlangt, sei den Aufwand wert. Heute wohnt sie alleine in einer Wohnung in Zürich-Wiedikon und kann mithilfe der Assistenten selbstständig einkaufen, studieren und in den Ausgang.

Dass ihr heute Gleichaltrige helfen, sei ein riesiger Vorteil im Vergleich zu früher. Während der Schulzeit organisierten und finanzierten Leas Eltern ihre Betreuung mit. Später erbrachte die Kinderspitex diese Leistung. Die stetige Präsenz einer erwachsenen Person ist während der Pubertät zum Problem geworden: «Die anderen Jugendlichen hatten keine Lust, immer noch jemand Erwachsenen dabei zu haben, wenn sie mit mir zusammen waren.» Sie fühlte sich von ihrer Klasse ausgeschlossen: «Man hat mir nichts Böses getan, aber mich einfach nicht beachtet.» Die soziale Integration ist während des ganzen Gymnasiums ein präsentes und schwieriges Thema geblieben.

Bereit zu kämpfen

Es hat sich Sekret angesammelt bei Lea Vejnovics Trachealkanüle. Ihre Assistentin holt das Gerät zum Absaugen. Heute ist die Geografiestudentin Romina bei ihr. Sie ist zur Freundin geworden und kommt öfters auch spontan vorbei. Romina kontrolliert das Beatmungsgerät und bringt Leas Hand in Position, dass sie mit einem Stift das am elektrischen Rollstuhl befestigte iPhone bedienen kann. So schreibt sie SMS, checkt E-Mails und zeichnet per externe Maus am Computer. Das braucht sie für ihr Architektur-Masterstudium an der ETH Zürich.

Die junge Frau ist stets bereit, zu kämpfen und einen Weg zu suchen, es alleine zu schaffen. Auch wenn sie es anders machen muss als die anderen. Als ihr die Teilnahme an einer Studienreise nach Kuba verwehrt wurde, weil die Dozenten es für zu riskant hielten, die schwer behinderte Studentin mitzunehmen, organisierte sie die Reise kurzerhand selber. «Als ich gleichzeitig wie meine Seminarkollegen auf der Insel war, durfte ich auch anden Veranstaltungen teilnehmen und wurde schnell Teil der Gruppe.»

Rückblickend hätte sie sich für ihre Schullaufbahn gewünscht, dass nicht so klar unterschieden worden wäre zwischen Kindern mit und solchen ohne Beeinträchtigung. «Viel zentraler ist es, Hemmungen und Berührungsängste abzubauen», sagt Lea Vejnovic. Nur so finde sie Anschluss. «Früher war meine Behinderung das Unterscheidungskriterium und stand im Fokus. Heute ist sie Nebensache.» Der Kontakt zu den Menschen sei es, was ihrLeben heute so einzigartig und spannend mache.
Am Mittwoch, 7. März, um 19.30 Uhr findet im Technopark Winterthur ein Podiumsgespräch von Pro Infirmis Zürich zum Thema Integration in der Volksschule statt. Lea Vejnovic wird auch teilnehmen.

Erstellt: 02.03.2018, 23:22 Uhr

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