Wochengespräch

Sein Abfallkübel wurde zum Kultobjekt

2002 entwarf der Designer Werner Zemp für die Stadt Zürich einen Abfallkübel. Heute steht der Abfallhai, wie ein Journalist ihn taufte, auf der ganzen Welt und hat einen Platz im Museum.

Designer und Künstler: Werner Zemp mit zweien seiner Werke in seinem Atelier in Amden.

Designer und Künstler: Werner Zemp mit zweien seiner Werke in seinem Atelier in Amden. Bild: Sabine Rock

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Was ist für Sie gutes Design?

Werner Zemp: Eines, das positiv auf Menschen wirkt. Definiert wird das Design durch die Funktion des Produkts. Dabei ist die Reduktion auf das Wesentliche wichtig. Aber das Produkt muss auch einen gewissen Spirit haben, der die Menschen emotional berührt.

Können Sie ein Beispiel geben?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch ein Warenhaus, sehen beispielsweise eine Früchteschale, und ihr erster Gedanke ist: Die möchte ich meiner Freundin zeigen. Und das, weil das Produkt besser und intelligenter ist als alles, was Sie bisher gesehen haben.

Wie hat sich der Designbegriff in den letzten Jahren gewandelt?

Früher war die Funktion wichtiger. Heute, wo es immer mehr Produkte gibt, erhalten Schönheit und Attraktivität einen höheren Stellenwert.

Wer hat Ihren Weg vom Möbelschreiner zum preisgekrönten Designer besonders beeinflusst?

Da kommt mir vor allen anderen mein Lehrer Walter Zeischegg an der Hochschule für Gestaltung in Ulm in den Sinn. Er forderte und förderte mich sehr, und ich wollte etwas lernen. Vor allem das Thema Wahrnehmung hat mich immer ungeheuer interessiert.

Wie sah diese Förderung aus?

Zeischegg sagte zu mir: Sie sind kein Intellektueller, aber Sie können gut zeichnen und animierte mich zu Naturstudien. In intensiver Beschäftigung lernte ich, eine Pflanze, zum Beispiel die Mohnkapsel, ganz genau zu beobachten und anders wahrzunehmen als üblich. Daraus entwickelte ich dann in meiner praktischen Diplomarbeit vielfältig kombinierbare Schalenelemente für Spielplätze. Das Baukastensystem war in den 1960er Jahren neu und revolutionär.

Sind alle Ihre Designs von Naturphänomenen beeinflusst?

Was die Natur macht und wie sie es macht, darüber staune ich, und es fasziniert mich. Aber die Vorstellung, dass man hingeht, schaut und dann abzeichnet, ist natürlich unzutreffend. Die Umsetzung in ein Produkt erfordert eine gute Zusammenarbeit vieler Beteiligter sowie sehr viel Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen.

Sie haben also nicht einfach ein paar Bilder von einem Hai angeschaut und dann Ihren berühmten Abfallkübel gezeichnet?

Nein, das war umgekehrt. Der Name Abfallhai stammt von einem Journalisten, der vom fertigen Produkt dazu inspiriert wurde.

Wie kamen Sie auf diese spezielle Form?

Den Anfang bildete eine fünfzeilige Notiz in der Zeitung, worin die Stadt Zürich den Auftrag für neue Abfallkübel ausschrieb. Als ich das sah, dachte ich zunächst: Was soll das? Es gibt doch schon genügend Kübel. Dann begann es aber in mir zu rumoren, und ich fragte mich, ob es mir gelingen würde, etwas Neues, Besseres zu schaffen. Ich überlegte mir: Was soll das Produkt? Und vor allem: Was darf es nicht?

Wie lautete Ihre Antwort?

Ein Abfallkübel muss sich in jeden urbanen Kontext integrieren, darf nicht stören und nicht voluminös wirken. Die ideale Form mit minimalem Volumen wäre eine Kugel, aber die ist schwierig herzustellen und alles andere als unauffällig. Die gewählte Zylinderform wirkt schlank. Da es im Bereich hinter dem Abfalleinwurf nicht nutzbares Volumen gibt, kam ich auf die Idee, dieses vorige Volumen abzuschneiden. Damit war die schräge Abdeckung, ein Objekt mit zeichenhafter Erscheinung, geboren.

Trotz anfänglicher Skepsis machten Sie also bei der Zürcher Ausschreibung mit?

Ja. Ich nahm Kontakt mit dem Unternehmer Marcel Strebel auf. Er war sich nicht zu schade, sich mit so einem Alltagsgegenstand zu befassen. Im Gegenteil: Wir wollten das Produkt so sorgfältig und präzise produzieren wie eine Kaffeemaschine. Der anfängliche Zeitdruck war allerdings enorm. In nicht mal einer Woche mussten die Zeichnungen fertig, die Kosten berechnet sein. Nachdem wir unseren Vorschlag eingereicht hatten, hörten wir zwei Monate nichts mehr.

Schliesslich gewannen Sie die Ausschreibung?

Es gab ein Submissionsverfahren nach GATT/WTO-Standards. Wir erreichten die höchste Punktzahl. Aber dann folgte erst die eigentliche Herausforderung, das Entwickeln eines Musters. Erst der fünfte Prototyp genügte unseren Ansprüchen.

Was gab es für Probleme?

Beispielsweise lernten wir, dass im Inneren des Kübels absolut nichts vorstehen darf, sonst bleibt der Abfall hängen. Marcel Strebel und ich lernten in dieser Zeit ungeheuer viel voneinander.

Jetzt müssen Sie aber noch erzählen, wie es zum Namen Abfallhai kam.

Es wurden je drei Testmodelle auf fünf Plätzen aufgestellt, und es gab einen Riesenwirbel. Alle Zeitungen waren da, natürlich auch das Fernsehen. Der «Tages-Anzeiger» gab den drei erstplatzierten Entwürfen Namen: Einer hiess Bierbauch wegen seines Volumens, einer Wäschepanne wegen der weissen Lackierung und der unsrige war eben der bissige Hai. Etwas Besseres hätte uns nicht passieren können.

Der Abfallhai heimste zahlreiche Designpreise ein und steht heute in der Sammlung des Zürcher Museums für Gestaltung. Der Erfolg rief sicher auch Neider und Nachahmer auf den Plan?

Es gab zahlreiche Nachahmerprodukte, und wir führten deswegen schon eine Vielzahl von Prozessen. Auch mir selber wurde schon mal vorgeworfen, ich hätte die Form abgeschaut. Und zwar von Mario Bottas Kirche in Mogno im Maggiatal.

Wissen Sie, wieviele Abfallhaie es inzwischen weltweit gibt und wo sie überall stehen?

Die erste Lieferung umfasste 500 Stück. Den zehntausendsten Abfallhai haben wir noch gefeiert. Wieviele es heute genau sind, weiss ich nicht.

Aber der Abfallhai hat Sie reich und berühmt gemacht?

Das Spezielle ist, dass es sich um ein gewöhnliches Produkt handelt, um das sich vorher kaum ein Designer kümmerte. Ausserdem ist es ein äusserst langlebiges Produkt.

Der Abfallhai wurde und wird auch immer noch weiterentwickelt.

Ja, inzwischen gibt es Ausführungen mit Aschenbecher, Beuteldispenser oder mit einer Sperre in der Öffnung, um grosse Abfallmengen zu verhindern. Einen gewöhnlichen Steg wollte ich allerdings nicht, deshalb entwarf ich sie in Form eines Haizahns. Das neuste Produkt ist ein Solarpresshai, der die vier- bis siebenfache Abfallmenge schlucken kann. Die Solarzellen befinden sich auf der drehbaren schrägen Deckfläche. Der Solarpresshai erhielt den deutschen Designpreis 2016.

Die Schweiz hat von Le Corbusier bis Hannes Wettstein immer wieder berühmte Designer hervorgebracht, die Klassiker schufen. Woran liegt das?

Präzises Denken und sorgfältiges Erarbeiten von Details waren schon immer typisch für die Schweizer Industrie und ihr Design. Verständnis und Bereitschaft für unkonventionelle Ideen sind weitere gute Voraussetzungen.

Welchen Gegenstand möchten Sie gerne noch entwerfen?

Vielleicht eine Uhr. Mir schwebt eine Raum-Zeit-Skulptur vor. Man muss verliebt sein in eine Problemstellung, dann entsteht ein gutes Produkt. Bei dieser Idee wäre das der Fall.

Haben Sie schon angefangen?

In den letzten Jahren nehme ich mir mehr Zeit für Zweckfreies, für Kunstobjekte. Auch mit ihnen kann ich Präzision erzielen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.03.2016, 13:17 Uhr

Zur Person

Werner Zemp wurde 1940 geboren. Nach einer Lehre als Möbelschreiner und einer Ausbildung zum Innenarchitekten studierte er Design an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Von 1978 bis 1993 war er Geschäftsführer der Designabteilung der Devico Design AG. Im Technopark Zürich führte er danach mit seiner Frau Margarita bis 2004 das Atelier Zemp und Partner Design. Seit der Übergabe der Firma an die Mitarbeiter widmet sich Zemp dem künstlerischen Schaffen. Er lebt seit 2008 in Amden.

Der Abfallhai von von Werner Zemp. (Bild: Sabine Rock)

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