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«Ich zeige den Menschen innerhalb von fünf Minuten, wer sie sind»

Paul Kobel ist überzeugt: Er kann den Charakter seines Gegenübers an dessen Gesichtszügen ablesen. Der Physiognom aus Meilen liest Gesichter, «seit er denken kann».

Paul Kobel hatte seine Gabe, den Charakter eines Menschen aus dem Gesicht lesen zu können, bereits als Kind.
Paul Kobel hatte seine Gabe, den Charakter eines Menschen aus dem Gesicht lesen zu können, bereits als Kind.
David Baer

Als Physiognom beschäftigen Sie sich tagein, tagaus mi tvisuellen Merkmalen von Menschen. Was ist für Sie wahre Schönheit?In diesem Bereich musste ich viel lernen. Denn in meinen Jugendjahren war ich viel egomaner und wusste mit meiner Gabe, den Charakter aus den Gesichtszügen eines Menschen lesen zu können, nichts Konkretes anzufangen. Heute ist mein Menschenbild ein komplett anderes. Wahre Schönheit kommt von innen. Das bedeutet, je weniger an einem Menschen operiert wird, desto authentischer wirkt diese Person. Wahre Schönheit ist den Menschen ins Gesicht geschrieben.

Vor ein paar Jahren haben Sie die ungeschminkten Gesichter der Miss-Schweiz-Kandida­tinnen gelesen. Wie viel hat äussere Schönheit mit einem guten Charakter zu tun?So gut wie nichts. Schönheit bedeutet für mich, wenn Augen strahlen oder jemand ein herz­liches Lachen aussendet. Es ist nicht relevant, wie sich jemand die Wimpern schminkt oder die Haare frisiert. Aber ich muss zuge­ben: Mit optischen Mitteln kann das Erscheinungsbild eines Menschen enorm beeinflusst werden. Bei den Miss-Schweiz-Kandidatinnen war ich überrascht. Denn als sie nach dem Ge­sichterlesen wieder geschminkt waren, stand ich komplett anderen Menschen gegenüber. Das fand ich erstaunlich.

Nun einmal konkret: Welche Gesichtszüge lassen auf welche Charaktereigenschaften eines Menschen schliessen?In der Grundausbildung zum Physiognomen lernen wir beispielsweise, was die Länge oder Tiefe der Nasolabialfalte – also die Falte zwischen Mund und ­Nase – bedeutet. Ebenfalls relevant ist, ob die Stirn- oder Leberfalte rechts oder links in einem Gesicht liegt. Ich kann anhand der Gesichtszüge auch sehen, ob jemand Ärger oder Druck verspürt. Oder eine Querfalte über der Nase bedeutet, dass jemand im Lendenwirbelbereich Schmerzen hat. Was ich beim Gesichter­lesen immer auch berücksichtige, ist das Auge. Denn es spricht zu einem, wenn man genau hinschaut. Ich sehe im ­Auge, ob jemand Sehnsucht ­empfindet oder ein schwieriges Leben hatte. Oder, wenn jemand schwermütig ist. Dann hat das Auge einen anderen Glanz, eine andere Durchblutung.

Sie haben regelmässig öffentliche Auftritte, bei denen sich Ihnen unbekannte Menschen das Gesicht lesen lassen. Was denken Sie, ist die Motivation der Menschen für eine Gesichtsdiagnose?Meistens ist es reine Neugier. Während eines öffentlichen Auftritts kann ich bis zu 30 Menschen lesen – bei schätzungsweise 250 Anwesenden. Für eine oberflächliche Analyse zeige ich den Menschen innerhalb von fünf Minuten, wer sie sind, wo ihre Stärken liegen, ob sie ehrgeizig sind oder ob eine Person irgendwo einen Knoten im Leben hat. Ich sehe danach so gut wie immer in vollkommen überraschte Gesichter. Die Menschen flippen aus – im posi­tiven Sinne – und sind ganz platt.

«Im Auge einer Person sehe ich, ob sie ein schwieriges Leben hatte.»

Paul Kobel, Physiognom

Welche Frage wird Ihnen als Physiognom am meistengestellt?Oft wollen Paare, die sich frisch kennen gelernt haben, von mir wissen, ob sie denn auch zusammenpassen. Dazu kann ich generell festhalten: Wenn jemand eine volle Oberlippe und eine dünne Unterlippe hat und beim Partner ist es umgekehrt, dann könnte es zwischen den beiden schwierig werden. Hmmm, Sie schauen gerade eine wenig skeptisch …

... und das sehe ich als meine journalistische Aufgabe. Könnten Sie sich konkretisieren?Also, je mehr Fülle eine Oberlippe hat – und es geht hierbei nicht um vererbte Merkmale –, desto sinnlicher, emotionaler und spielerischer durfte jemand aufwachsen, und desto weniger Schmerz hatte diese Person. Jemand mit einer schmalen Oberlippe wiederum musste durch harte Zeiten.

Diese Aussagen hören sich wenig differenziert an.Das ist mir schon bewusst. Es fliessen natürlich noch viele andere Faktoren in eine Analyse mit ein. Beispielsweise sagt das Lippenherz, das sogenannte Pallium, aus, wie emotional oder flexibel ein Mensch ist, ob er geradlinig und kopflastig wie ein General oder eher ein kreativer Künstlertyp ist, der wenig greifbar ist. Oder aber das äussere Drittel der Lippen ist ebenfalls aussage­kräftig: Sind die Lippen nach oben geschwungen, dann ist diese Person eher ein schalkiger Typ mit viel Humor und Schlitzohrigkeit. Aber natürlich sagt die Lippe allein nicht genug aus. In der Physiognomie geht es um viel mehr – die Ohrläppchen, Augenbrauen, Stirne oder Falten. Und erst alle diese Faktoren kumuliert ergeben ein Gesamtbild.

Physiognomie ist umstritten und gilt unter Akademikern als Pseudowissenschaft, weil die wissenschaftliche Evidenz fehle. Stört Sie das?Diese Frage ist verstaubt. Physiognomie ist überhaupt nicht umstritten. Auch Adler, Jung und Freud haben in diese Richtung geforscht. Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Erkenntnisse der Physiognomie mit der Erfahrung der Psychologie und dem Wissen der Medizin verquickt. Die Frage ist also schon längst nicht mehr, ob Physiognomie funktioniert. Denn das haben die Wissenschaft und Industrie längst anerkannt. Es ist aber sicherlich so, dass keine Wissenschaft zu 100 Prozent perfekt ist. Es ist lediglich ein Werkzeug. Auf jeden Fall beruht mein Schaffen auf Erfahrungsmedizin.

Aber bei Ihren Gesichtsanalysen machen Sie in erster Linie positive Aussagen zum Charakter einer Person. Also allgemeingültige Aussagen, mit denen sich die Mehrheit der Menschen identifizieren könnten – ähnlich wie bei Horoskopen.Das stimmt nicht. Wenn jemand jahrzehntelang Angst oder Freude erlebt, dann hat ein Mensch eine andere Physiognomie, und so ­etwas prägt ein Gesicht. Das sind die Nerven. So etwas kommt von einer Über- oder Unterdurchblutung. Das ist unumstritten. Und darum kann ich aufgrund eines Gesamtbildes sehr wohl valable Aussagen über einen Menschen machen. Ich habe bei Radio Energy in Zürich vor ein paar Jahren das Gesicht eines Moderators gelesen. Der war ähnlich skeptisch wie Sie. Er sagte mir ebenfalls, ich spiele bei meinen Analysen mit zu allgemeinen Aussagen. Ich sagte ihm dann aber: «Du schläfst mehr auf der rechten Seite.» Und es stimmte. Woher hätte ich das denn sonst wissen sollen.

Nun ja, die Chance ist fifty-fifty.Bei dieser Aussage sind Sie wieder zu kopfgesteuert. Ich habe noch weitere Charakterzüge des Moderators analysiert, und er war danach sehr überzeugt von dem, was ich mache. Ebenso konnte ich die Skepsis von Journalisten des «Blicks», «Beobachter», Radio 24 oder auch des «Tages-Anzeigers» stets in Positive wenden.

Wenn Sie in Ihrem Alltag durch die Welt gehen, analysieren Sie dann die Gesichter der Menschen um Sie herum kontinuierlich?Nein. Ich lese Gesichter, seit ich denken kann. Es ist ja unter anderem eine Gabe. Da gelingt mir zwischenzeitlich die Abgrenzung recht gut. Ich laufe also nicht durch die Gegend und scanne den ganzen Tag die Gesichter meiner Mitmenschen. Ich kann es jedoch nicht immer an- und abschalten.

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