Im Gespräch

«Ich wurde aufs Muttersein reduziert»

Die Schweizer Gesellschaft muss ihr Rollenbild der Frau erneuern, fordert Andrea Jansen. Auf ihrer Website klärt die langjährige Fernsehmoderatorin auf über die Realität des Mutterseins und überholte Erwartungen.

Vor der Kamera zu stehen fehle ihr nicht, sagt die ehemalige Fernsehmoderatorin Andrea Jansen. Heute betreibt sie eine gut besuchte Website für Eltern.

Vor der Kamera zu stehen fehle ihr nicht, sagt die ehemalige Fernsehmoderatorin Andrea Jansen. Heute betreibt sie eine gut besuchte Website für Eltern. Bild: Sabine Rock

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Sie bezeichnen die Website www.anyworkingmom.com als Ihr viertes Kind. Weshalb haben Sie es in die Welt gesetzt?
Die Idee musste raus! (lacht) Nein, es war mir ein ehrliches Bedürfnis, Klartext zu reden. Die Gesellschaft suggeriert, dass eine Mutter sich nach der Geburt ihrer Kinder zu 100 Prozent in ihren Dienst stellen und dafür dankbar sein soll. Ich selbst hatte eine Karriere, wurde aber, als ich Kinder bekam, vom einen auf den anderen Tag nur noch aufs Muttersein reduziert. Verstehen Sie mich nicht falsch: Mutter zu sein ist wahrscheinlich das Sinnvollste, das ich in meinem Leben mache, aber es ist nicht das einzige. Ich fand nur wenige Texte in den Medien, die mich in meinen Gefühlen abholten. Deshalb entschloss ich mich, selbst eine Plattform für Mütter zu schaffen.

Wie entwickelt sich diese Plattform?
Gut. Das Baby kann schon laufen. Inzwischen habe ich zwei Geschäftspartnerinnen, die mich unterstützen. Wir haben mittlerweile 45 000 Leserinnen und Leser pro Monat. Es war von Anfang an auch mein Plan, die Website von meiner Person zu lösen. Unser Ziel ist, verschiedene Autoren und Autorinnen mit diversen Erfahrungshorizonten zu Wort kommen zu lassen. Ich als privilegierte arbeitende Mutter kann nicht glaubwürdig vom Alltag einer alleinerziehenden Mutter erzählen, ich weiss auch nicht, wie sich ein unerfüllter Kinderwunsch anfühlt. Aber diese Erfahrungen müssen bei uns auch stattfinden.

Welche Ansprüche haben Sie an Ihre Autoren?
Ihr Text soll ihre Erfahrungen abbilden. Wir sagen unseren Autoren jeweils, ihr Text sei erst gut, wenn sie Angst haben, ihn zu veröffentlichen. Diesen Anspruch haben wir auch an uns selbst.

Deshalb lautet Ihr Leitsatz «mal ehrlich».
Genau. «Mal ehrlich» bildet das Dach für unseren Blog, unsere aktuelle Webserie, unseren Webshop und für ein neues Projekt 2020, wo wir Themen abdecken werden, die 20- bis 50-jährige Eltern beschäftigen. Der rote Faden ist die Ehrlichkeit. Und wir sind politischer geworden.

Inwiefern?
Der einfachste Weg in unserem System ist es immer noch, dass der Mann arbeitet und die Frau daheimbleibt. Natürlich gibt es Mittagstisch und Hort, aber das System ist nicht ausgereift. So müssten meine Kinder in der Mittagspause von der Schule an einen anderen Ort laufen, um zu essen und wieder an einen anderen Ort, um den Nachmittag zu verbringen. Es wird immer betont, wie wichtig das Kindeswohl sei, aber man macht man es nicht möglich, dass die Kinder einen Tag lang an einem einzigen Ort sein können. Auf diese Realität wollen wir mit unserer Website aufmerksam machen und aufklären darüber, dass wir es in der Hand hätten, etwas zu ändern.

Sie könnten in die Politik einsteigen.
Ich glaube, dass ich momentan ausserhalb eines Systems mehr bewegen kann. Aber der Gedanke war auch schon da. Er scheitert eher an meiner Zeit.

Wie würde für Sie die ideale Gesellschaft aussehen?
Ich wünsche mir Gleichberechtigung und eine 38-wöchige Elternzeit, wie es die Eidgenössische Kommission für Familienfragen vorschlägt. Momentan liegt die Schweiz bezüglich Elternzeit an hinterster Stelle der europäischen OECD-Länder. Dabei wäre es eine Investition in die Zukunft des Landes und in die Arbeitskraft der Frauen, wenn sie die Möglichkeit hätten, schneller und leichter wieder in ihren Job einzusteigen.

Weshalb hinkt die Schweiz Ihrer Meinung nach hinterher?
Wir haben überalterte Rollenvorstellungen, derer wir uns oft gar nicht bewusst sind. Die meisten Schweizer und Schweizerinnen – auch ich – sind mit dem Bild der selbstlosen, sich aufopfernden Mutter aufgewachsen. Viele Frauen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie diesem Bild nicht gerecht werden.

Wie steht es bei Ihnen mit dem schlechten Gewissen?
Mein Leben stimmt für mich wie es ist. Ich arbeite zurzeit 80 Prozent, aber ich habe nicht das Gefühl, dass meine Kinder mich zu kurz haben. Ob mein Mann zu Hause ist oder ich, das spielt keine Rolle; ich kann nichts, was er nicht auch könnte. Ich habe kein schlechtes Gewissen, denn ich lebe meinen Kindern vor, dass es sich lohnt, Zeit aufzuwenden und sich für das zu begeistern, was einem wichtig ist. Ich will, dass sie mit dem Rollenbild aufwachsen, dass alle alles können.

Krankt die Gleichberechtigung daran, dass Frauen ihren Männern zu wenig zutrauen?
Ich möchte hier kein Urteil fällen. Es gibt die besitzergreifenden Mütter ebenso wie Väter, die vor der ersten Herausforderung kneifen. Solange Mütter und Väter ihre Rollen selbstbestimmt wählen, ist alles wunderbar. Die Verteilung ist dann ein Problem, wenn ein Elternteil in eine Rolle hineingedrängt wird. Das gilt für Mütter und Väter gleichermassen.

Für Ihre Website produzieren Sie Videos, in denen Sie Mütter und Väter übers Elternsein interviewen. Sie fragten Sportmoderatorin Steffi Buchli, wann man eine gute Mutter ist. Wann sind Sie es?
Wenn ich das Gefühl habe, dass ich die Verbindung mit meinen Kindern spüre und sie merken, dass ich sie liebe. Das ist unabhängig von meiner Präsenz oder meinen – laut Tochter – nicht so tollen Kochkünsten. Auch unabhängig davon, ob mein Sohn mich doof findet, weil er die Zähne putzen muss. Wenn das unsichtbare Band weg wäre, das uns verbindet, dann hätte ich ein Problem.

«Ich hatte immer eine Hassliebe zur Prominenz.»Andrea Jansen

In den Interviews für Ihre Website stehen Sie nach langem Unterbruch erstmals wieder vor der Kamera. Haben Sie das vermisst?
Ich hatte immer eine Hassliebe zur Prominenz. Mein Gesicht in die Kamera zu halten, das fehlt mir nicht. Vor der Kamera bin ich immer sehr verletzlich, denn ich bin ja keine Schauspielerin, ich stehe dort als ich. Früher überwog der Ehrgeiz, heute frage ich mich bei jedem Projekt, warum ich es mache und ob es mir guttut. Ich will nicht ausschliessen, dass ich wieder vor der Kamera stehen werde, aber das Format müsste einen Inhalt haben, der es wert ist.

Apropos Prominenz: Werden Sie in Küsnacht auf der Strasse erkannt?
Nein. Oder ich würde es nicht merken, das kann auch sein. Ich bin ja seit fast zehn Jahren nicht mehr beim Fernsehen. Ausserdem falle ich nicht auf.

Wie würden Sie von aussen gerne wahrgenommen werden?
Als ambitionierte Frau, die viele Projekte und Wünsche hat, die aber genauso unperfekt ist wie alle anderen auch. Ich will jemand sein, der andere Leute ermutigt, ihnen sagt, trau dir das zu. Vielen Frauen, die ich treffe, fehlt der Glaube an sich selbst, das tut mir manchmal fast physisch weh. Dann glaube ich ein bisschen mehr ans sie und hoffe, damit etwas zu entzünden.

Erstellt: 26.05.2019, 17:04 Uhr

Zur Person

Andrea Jansen

Andrea Jansen ist 1980 in Bern geboren. Sie lebt mit ihrem Partner und ihren drei Kindern im Alter von 2, 5 und 7 Jahren in Küsnacht. Während ihres Studiums der Medienwissenschaften gewann Jansen 2003 das Casting von SAT1 Schweiz für «Joya rennt». Zwischen 2007 und 2012 war sie als Moderatorin für das Schweizer Fernsehen tätig, unter anderem für «Music Star», «Einfach luxuriös» und «Die grössten Schweizer Talente».

Nachdem ihre Reisesendung «SF unterwegs» 2012 abgesetzt wurde, verfolgte sie eigene Projekte. Im Jahr 2016 rief Andrea Jansen www.anyworkingmom.com ins Leben, eine Internetplattform für Eltern und alle, die es werden wollen. Ende August zieht sie mit ihrer Familie für ein Jahr nach Hawaii.

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