Zürich

«Ich war nie wirklich ein Exot»

CVP-Stadtrat Gerold Lauber über das Jahrhundertprojekt «Tagesschule» und warum für ihn die SP-Einwände beim Hardturmstadion-Projekt gegen Treu und Glauben verstossen.

CVP-Stadtrat Gerold Lauber verlässt nach zwölf Jahren als Vorsteher des Schul- und Sportdepartementes die Zürcher Exekutive.

CVP-Stadtrat Gerold Lauber verlässt nach zwölf Jahren als Vorsteher des Schul- und Sportdepartementes die Zürcher Exekutive. Bild: Claudio Thoma

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Als Bergler und Walliserdeutsch sprechender Stadtrat gelten Sie als Exot der Stadtzürcher Exekutive. Welche Vorteile zogen Sie daraus?
Gerold Lauber: Das Bild, das der Zürcher vom Walliser hat, ist positiver als umgekehrt. Manchmal war es ein Vorteil, dass man nicht immer verstanden hat, was ich sagte. Ich wurde in der Stadt Zürich und im Stadtrat gut aufgenommen und bin gut integriert. Ich war deshalb auch nie wirklich ein Exot.
Für Sie beginnt bald ein neuer Lebensabschnitt. Auch das Projekt «Tagesschule 2025» ist einen grossen Schritt weiter. Warum hat das so lange gedauert?
Die Volksinitiative «Kinderbetreuung konkret» sowie das neue kantonale Volksschulgesetz garantierten allen Kindern mit Bedarf einen Betreuungsplatz. Die Nachfrage überstieg das Angebot bei weitem. Wir mussten Wartelisten führen und den Ausbau des Betreuungsangebots forcieren. Seit 2006 haben wir die Anzahl der Betreuungsplätze von rund 6300 auf über 17 000 fast ver­dreifacht. Letztlich führten die gesammelten Erfahrungen zur Erkenntnis, dass Schule und Betreuung unter einem Dach im sogenannten «Lebensraum Schule» vereint werden müssen.
Das war aber erst der Anfang der Tagesschulidee.
Der politische Prozess brauchte Zeit. Es musste im Parlament und in den Kommissionen viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Die Einsicht reifte, dass Tagesschulen das Modell der Zukunft sind. Die beiden politischen Vorstösse von SP und FDP haben unserer Strategie natürlich in die Hände gespielt, und das Projekt «Tagesschule 2025» konnte mit Rückendeckung lanciert werden. Nun stehen wir zwei Monate vor der Abstimmung über die zweite Pilotphase des Tagesschulprojektes.
Welche Herausforderungen ­hatten Sie dabei zu bewältigen?
Zunächst mussten wir herausfinden, ob die Idee der Tagesschule von den an der Schule Beteiligten mitgetragen wird. Ferner machte uns die Abmeldequote etwas Sorgen. Denn sollte diese hoch ausfallen, wäre dies ein klares Zeichen der Eltern gegen ein Tagesschulmodell gewesen. Daneben erwiesen sich die konzeptionellen Arbeiten als sehr anspruchsvoll, insbesondere auch im Bereich der Kostenberechnungen. Und letztlich galt es auch noch die infrastrukturellen Fragen zu klären. Denn eine Tagesschule braucht mehr Raum. Viele Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet.
Wie lautet Ihr Fazit?
Das Interesse am Tagesschulmodell war gross. Sowohl vonseiten der Schulen als auch vonseiten der Eltern. Es war kein Problem, die sechs Pilotschulen zu rekrutieren, und die Abmeldequote lag unter 10 Prozent.
Dann ist das Projekt also ein ­Erfolg?
Die Nachfrage zeigt: Der erste Pilot ist gelungen. Und unsere Umfragen zeigen, dass die Tagesschule bei Eltern und Kindern gut ankommt und damit auch den Praxistest erfolgreich bestanden hat. Das Tagesschulprojekt der Stadt Zürich gilt schweizweit als Vorreiter. Beispielsweise lehnt sich nun eine Schule in Wallisellen an unser Modell an. Die entscheidende Hürde aber ist der 10. Juni. Dann geht es um die zweite Pilotphase. Ich bin zuversichtlich, dass das klappt und die Vorlage angenommen wird.
Zeit und Geduld braucht es auch bei der Realisierung des Hardturmstadions. Wo hapert es?
2014 haben wir den wahrscheinlich letzten Versuch gestartet und einen Investorenwettbewerb lanciert, was relativ neu war für ein Projekt dieser Dimension. Das aktuelle Konzept hat bereits einen sehr hohen Reifegrad erreicht. Jetzt aber gibt es Diskussionen rund um das Hardturmprojekt, die mir überhaupt nicht gefallen.
Die wären?
Es geht insbesondere um die Einwände der SP im Gemeinderat, die nun deutlich mehr Genossenschaftswohnungen fordern. Das ist nicht redlich. Die SP hat im Rahmen eines Postulats der GLP rund um den Investorenwettbewerb bereits 2014 erfolgreich auf Genossenschaftswohnungen beharrt. Im aktuellen Konzept haben wir sogar mehr Genossenschaftswohnungen eingeplant, als die SP ursprünglich verlangt hat. Was die Linken jetzt tun, ist, wenn auch nicht im strafrecht­lichen Sinn, erpresserisch. Das geht für mich gegen Treu und Glauben.
Dann ist das der Grund für die Verzögerung?
Momentan bin ich noch zuversichtlich, dass es mit dem Fussballstadion klappen wird. Aber ja, diese Einwände verzögern den Prozess. Die Investoren haben für die Konzeption bereits viel Geld ausgegeben, das sie bei einem allfälligen Nein des Volkes im Herbst abschreiben müssten.
Das wäre ein Debakel für die Stadt.
So weit würde ich nicht gehen, und es wäre sicher nicht das Ende der Stadt Zürich. Aber sicher würden wir aus sportpolitischer Sicht zu einer Lachnummer für die Schweiz. Wohl zu Recht, wenn die grösste Stadt der Schweiz es während zwanzig Jahren nicht schafft, ein richtiges Fussballstadion zu erstellen. Mit diesem Spott müssten wir dann leben.
Zum CVP-Imageproblem: Mit Ihrer Wahl zog auch die Partei 2006 nach achtjähriger Abwesenheit wieder in den Stadtrat. Nun verschwindet die städtische Mittepartei sogar aus dem Parlament. Wo liegt der Hund begraben?
Das ist bedauerlich. Das kurze Zwischenhoch zu Beginn des neuen Jahrtausends konnte nicht gehalten werden. Dass die CVP nach den Neuwahlen nicht mehr im Stadtrat vertreten ist, war zu befürchten. Dass sie aber auch noch aus dem Parlament ausscheidet, ist unerfreulich.
Was ist das Problem?
Die CVP verzeichnet in der ganzen Schweiz einen anhaltenden Rückgang. Die Partei hat es schwer, sich zwischen den sozial-liberal ausgerichteten urbanen Zentren und den Parteikantonen in der Innerschweiz oder dem Wallis zu positionieren. Das ist ein anspruchsvoller Spagat. Und in der Stadt ist uns die 5-Prozent-Wahlhürde zum Verhängnis geworden. Bei diesem System geht es im Übrigen vor allem um die Machterhaltung der sonst so demokratiebewussten grossen Stadtparteien.
Warum ist die CVP an dieser Hürde gescheitert?
Zwischen links und rechts liegt die Mitte. Und es ist besonders anspruchsvoll, sich dort gekonnt zu positionieren. Gewisse Spannungen muss man in dieser Mitteposition aushalten können. Ich habe mich in dieser Position immer wohl gefühlt und konnte meine Haltung im Gemeinderat erfolgreich vertreten. Meine persönliche Haltung und Einstellung habe ich mir von niemandem verbieten lassen.
Woher kommt Ihre partei­unabhängige Haltung?
Ich kann politisch nur vertreten, was meiner eigenen Überzeugung entspricht. Alles andere ­widerspricht meiner Persönlichkeit. Ich wurde kurze Zeit nach meinem Eintritt in den Gemeinderat zum Fraktionschef ernannt. Hätte mir die Partei vor­geschrieben, was ich zu tun und lassen habe, hätte das kaum funktioniert.
Ihr Herz schlägt aber weiterhin für die CVP?
Viele vermuten ja, dass ich als Walliser quasi mit der CVP-DNA geboren wurde. Dem ist aber nicht so. Ich war viele Jahre völlig apolitisch. Ich wohne seit 35 Jahren in Zürich-Schwamendingen. Als man mich dort in die Kreisschulpflege holte, wurde ich eher zufällig Mitglied der CVP. Bis heute habe ich mich in der CVP immer ganz wohl gefühlt.
2006 wie auch 2018: Rot-Grün ist im Zürcher Stadtrat in der Mehrheit. Ist das ein Fluch oder ein Segen?
Es ist ein Segen, dass wir seit 2006 bis heute einen Stadtrat ­haben, der funktioniert. In den 90er-Jahren war dem nicht so. Das war schwierig. Denn wenn man im Stadtrat gegeneinander arbeitet, blockiert das die gesamte Verwaltung einer Stadt auf teils verheerende Weise. Der Stadtrat ist ein Kollegium, das gemeinsam entscheidet und dies nach aussen auch so vertreten muss. Allen ­Unkenrufen zum Trotz: Der Stadt Zürich geht es gut, und es ist nicht zuletzt das Verdienst ebendieses links-grünen Stadtrates.
2006 lautete Ihr Wahlmotto «senkrecht – kantig – wetterfest». Mit welchem starten Sie in den neuen Lebensabschnitt?
Bliib gsund!

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 13.04.2018, 21:52 Uhr

Zur Person

Gerold Lauber

Der 62-jährige Jurist war bis 1999 Präsident der CVP Schwamendingen und Mitglied der Kreisschulpflege. Danach sass Lauber im Gemeinderat der Stadt Zürich, wo der Walliser ab 2002 die CVP/EVP-Fraktion präsidierte. 2006 zog er dann als Nachfolger der parteilosen ­Monika Weber in den Zürcher Stadtrat ein, wo er während zwölf Jahren als Vorsteher des Schul- und Sportdepartementes amtete. Lauber wohnt mit seiner Familie seit 35 Jahren in Zürich-Schwamendingen. giu

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