Wochengespräch

«Ich helfe den Gefangenen zu hoffen»

Pfarrer Ernst Hörler hat es einen Nachmittag in der Woche mit Gewalttätern, Betrügern und Pädophilen zu tun. Er arbeitet als Seelsorger im Gefängnis Horgen. Egal wie schwer sein Verbrechen – jeder Mensch habe das Recht, dass seine Not angehört werde, sagt er.

Ernst Hörler ist Seelsorger im Gefängnis Horgen. Ihn berührt, wenn sich ein Insasse nichts vormacht über seine Taten und sich dem Schicksal stellt.

Ernst Hörler ist Seelsorger im Gefängnis Horgen. Ihn berührt, wenn sich ein Insasse nichts vormacht über seine Taten und sich dem Schicksal stellt. Bild: Sabine Rock

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Im Gefängnis sitzen Personen, die Verbrechen begangen haben. Beschreiben Sie doch einen typischen Arbeitstag.
Ernst Hörler: Ich treffe um 12 Uhr ein und unterhalte mich beim Mittagesssen, auf dem Hof oder in den Gängen mit den Insassen, bis sie um 14 Uhr arbeiten gehen oder in ihre Zelle zurückgebracht werden. Danach gehe ich zu jenen, die der Gefängnis-Leitung mitgeteilt haben, dass sie mich sehen wollen. Aber ich klopfe auch unaufgefordert an Zellentüren und frage: «Möchten Sie Besuch?»

Wie wird das Angebot aufgenommen?
Es gibt Insassen, die gerne regelmässig besucht werden. Ich habe den Eindruck, dass es vielen gut tut mit jemandem zu reden, der nicht zum System gehört. Das Aufsichtspersonal beobachtet das Verhalten der Insassen genau und hält alles fest. Das Gespräch zwischen dem Insassen und dem Seelsorger hingegen ist vom Seelsorge-Geheimnis geschützt. Ich mache mir keinerlei Notizen darüber, was der Insasse äussert und es hat keinen Einfluss auf eine Verkürzung der Haft.

«In der Seelsorge ist das Vertrauen das höchste Gut und mein einziges Kapital.»

Wie weit geht Ihre Schweigepflicht?
Ich darf nichts preisgeben von den Gesprächen mit den Gefangenen. In der Seelsorge ist das Vertrauen das höchste Gut und mein einziges Kapital.

Was ist, wenn ein Gefangener mit Suizid droht?
Auch darüber darf ich mit niemandem sprechen. Ich finde, dass ein Mensch frei ist in der Entscheidung, ob er sich das Leben nehmen will. Meiner Erfahrung nach ist es jedoch so, dass Personen, die von der Absicht sprechen, Suizid zu begehen, dies gar nicht wirklich tun wollen. Sie sehen keinen Ausweg aus ihrer Situation, aber wenn eine Tür da wäre, die sich öffnen liesse, dann würden sie hindurchgehen. Meine Aufgabe ist es, dass die Probleme der suizidgefährdeten Person gelöst werden und sie Hoffnung schöpfen kann. Dafür setze ich mich ein. Im Gefängnis ist das Problem neben Suizidgefahr aber auch Fremdgefährdung.

Wie sind Sie geschützt, wenn Sie eine Zelle betreten?
Ich habe mein Telefon dabei und einen Pager. Ich brauche nur einen Knopf zu drücken und schon kommt der Aufseher. Eine gefährliche Situation habe ich noch nie erlebt.

«Ich finde es spannend, wie Menschen mit ihrem Schicksal umgehen, gerade dann, wenn es nicht einfach ist.»

Sind Sie informiert, welche Verbrechen ein Insasse begangen hat und wie gefährlich er ist?
Nein, ich habe keine Akteneinsicht und das ist gut so. Die Insassen sollen wissen, dass hier jemand kommt, der sie wegen ihrer Verbrechen nicht vorverurteilt. Manchmal sagen mir die Insassen aber natürlich, weswegen sie einsitzen. Wegen Betrug, wegen Pädophilie.

Wie reagieren Sie auf solche Geständnisse?
Sie machen mich den Opfern gegenüber betroffen. Gleichzeitig lösen sie Interesse aus am Verurteilten. Ich finde es spannend, wie Menschen mit ihrem Schicksal umgehen, gerade dann, wenn es nicht einfach ist. Wenn mir ein Messerstecher erzählt, was er gemacht hat, dann heisse ich das nicht gut. Aber er ist nicht in erster Linie ein Messerstecher, sondern ein Mensch mit Hoffnungen und Zweifeln. Auch er hat das Anrecht darauf, dass jemand da ist, der ihm zuhört.

Hilft es den Gefangnen denn, wenn Sie zuhören?
Ja. Die meisten Menschen erwarten von einem Seelsorger nicht, dass er praktische Hilfe leistet. Meistens ist das auch gar nicht möglich. Aber sie erwarten, dass jemand Anteil nimmt an ihrer Not, dass sie nicht allein sind und jemand da ist, der mit ihnen an ihren Hoffnungen festhält. Das macht ihnen ihr oft schweres Schicksal leichter.

«Mir gegenüber müssen die Gefangenen nichts vorspielen.»

Welche Sorgen haben die Gefängnisinsassen?
Die fehlende Freiheit ist oft ein Thema. Die Insassen sind von Mauern umgeben, der Tagesablauf ist streng geregelt, ihr Verhalten wird genau registriert. Dazu kommt die fehlende Privatsphäre; viele Insassen teilen sich eine Zelle und auch das WC darin. Wie ich in der Seelsorge sehe, gibt es allerdings auch ausserhalb des Gefängnisses Menschen, die gefangen sind – in unglücklichen Partnerschaften oder in Berufen, die sie nicht mögen.

Welche Themen sind neben der Freiheit noch wichtig?
Belastend für viele ist die Familiensituation. Weil sie ihre Kinder nicht sehen oder nicht wissen, wie die Familie ohne sie finanziell über die Runden kommen soll. Manche der Männer wollen ihren Kindern gar nicht sagen, wo sie sind. Sie stellen sich mir als liebende Väter dar. Vielleicht sind sie es, vielleicht nicht.

Haben Sie den Eindruck, dass die Insassen Ihnen gegenüber ehrlich sind?
Es ist nicht an mir zu beurteilen, ob sie ehrlich sind oder nicht. Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte aus ihrer Sicht stimmt. Aber natürlich neigen Gefängnisinsassen – wie jeder Mensch – dazu, ihre Taten zu beschönigen. Sie können so besser mit ihrer Schuld leben. Mir scheint es wichtig, dass ich sie so nehme, wie sie sich darstellen. Dann sind sie nämlich auch eher bereit hinzuschauen, was sie getan haben.

Reue ist also auch ein Thema.
Ja. Es berührt mich sehr, wenn jemand seine Taten bereut. Dies vor allem deshalb, weil die Gefangenen mir gegenüber nichts vorspielen müssen. Sie wissen, dass ich keinerlei Einfluss darauf habe, ob ihnen wegen Reue ein Teil ihrer Strafe erlassen wird.

«Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas bekommen habe, statt zu geben.»

Gibt es ein Gespräch, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Einmal habe ich mit einem jungen Mann von vielleicht 25 Jahren gesprochen, der schlechte Startchancen hatte und in seinem Leben viel Schlimmes erlebt hat. Ich sah schwarz für seine Zukunft, denn er sollte in ein Land ausgeschafft werden, das ihm fremd war. Was mich beeindruckt hat, ist, dass er sich keinerlei Illusionen hingab über seine Möglichkeiten, aber dennoch an seinen Hoffnungen festhielt und zuversichtlich blieb. Er war bereit, den nächsten Schritt zu tun, obwohl er keine Ahnung hatte, wie dieser aussehen könnte.

Was haben Sie aus diesem Gespräch für sich mitgenommen?
Als ich das Gefängnis verlassen habe dachte ich: Dieser Mensch hat mir an Lebenserfahrung einiges voraus, von ihm kann ich etwas lernen. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas bekommen habe, statt zu geben.

«Es ist verrückt, dass in manchen Fällen ein kurzer Moment, eine einzige falsche Handlung über ein ganzes Leben entscheidet.»

Sie sind sicher mit viel Trauer konfrontiert.
Wenn ich die Gefangenen danach frage, sagen einige, sie weinten nächtelang. Weil ihre Beziehungen kaputtgehen, weil sie einsehen, dass sie ihr Leben zerstört haben. Es ist verrückt, dass in manchen Fällen ein kurzer Moment, eine einzige falsche Handlung über ein ganzes Leben entscheidet. Wie viele da draussen hatten einfach Glück?, frage ich mich manchmal. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bedaure nicht jeden. Leute, die eine hohe kriminelle Energie haben, sind im Gefängnis am richtigen Ort.

Haben Sie keine Mühe, sich abzugrenzen ?
Nein, denn ihre Geschichte ist nicht die meine. Jeder Mensch hat seine Bürde, die er tragen muss. Ich kann die Gefangenen nur ein Stück weit begleiten und ihnen versichern, dass sie für Gott von Wert sind. Und ich kann versuchen, mit ihnen in all dem Schlimmen Positives zu suchen. Welche Lehren sie aus ihrer Verurteilung ziehen, liegt nicht in meinen Händen. Das muss ich Gott und ihrem Tun überlassen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.01.2019, 13:55 Uhr

Zur Person

Ernst Hörler (1960) ist in Langnau aufgewachsen. Bevor er Pfarrer wurde, absolvierte er eine Banklehre. Bald entdeckte er jedoch, dass ihm in diesem Beruf die Substanz fehlte. Er begann, Theologie zu studieren, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, als Pfarrer zu arbeiten. Als er in der Gemeinde Meilen vikarisierte und danach in Adliswil einen Pfarrer vertrat, merkte er jedoch, dass er nicht nur gerne Seelsorger, sondern auch gerne Pfarrer war. Seit 19 Jahren ist er einer von fünf reformierten Pfarrpersonen in Wädenswil, wo er auch wohnt. Seit 2014 ist er zudem Dekan des Pfarrkapitels Horgen. rau

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