Wochengespräch

«Ich bin immer gern zur Schule gegangen»

Sie setzt um, was Bildungspolitiker beschliessen – und dies mit einem Verständnis des Mitwirkens gegenüber Lehrern, Eltern und Schulvertretern: Marion Völger ist Chefin des Volksschulamtes des Kantons Zürich.

Marion Völger, Chefin des kantonalen Volksschulamtes, in der Zürcher Bildungsdirektion.

Marion Völger, Chefin des kantonalen Volksschulamtes, in der Zürcher Bildungsdirektion. Bild: Michael Trost

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Letzte Woche ist im Kanton Zürich für die Kindergärtner und Schüler bis zur 5.Klasse der Lehrplan 21 eingeführt worden. In einem Jahr folgen die weiteren Volksschulklassen. Für Sie war und ist dies wohl eine intensive Zeit.
Die Vorbereitungen waren und sind für die Schulen und das Volksschulamt intensiv, aber die Einführungsphase ist gut und engagiert verlaufen. Nun folgt für die Schulen eine neue, spannende Phase. Es wird kaum alles von Anfang an perfekt sein; das erwarten wir auch nicht. Die Schulen müssen erst Erfahrungen sammeln.

Was war für Sie die grösste Herausforderung?
Eine der grossen Herausforderungen war und ist für alle Beteiligten sicher die Einführung von Medien und Informatik. Es brauchte neue Lehrmittel, Weiterbildungsangebote für die Lehrpersonen, damit diese einen qualitativ guten Unterricht leisten können und teilweise zusätzliche Infrastruktur in den Gemeinden. Diese ganze Organisation, zusammen mit der pädagogischen Hochschule, hat aber auch viel Freude bereitet.

Der neue Lehrplan wurde zum Teil auch heftig kritisiert.
Die Argumente der Lehrplangegner konnten das Stimmvolk nicht überzeugen. Die grossen Diskussionen sind ausgefochten, und jetzt wird pragmatisch umgesetzt. Das ist das Positive an unserer direkten Demokratie: Volksentscheide werden respektiert. Natürlich gibt es aber immer wieder einzelne kritische Stimmen.

Zürich ist nicht der erste Kanton, der den Lehrplan 21 einführt. St. Gallen etwa arbeitet schon seit einem Jahr damit. Wie intensiv war Ihr Erfahrungsaustausch mit anderen Kantonen?
Wir haben einen ständigen Austausch, so auch mit St. Gallen, aber natürlich lässt sich nicht alles eins zu eins übertragen. Jeder Kanton hat die Vorlage des Deutschschweizer Lehrplans 21 seinen Voraussetzungen angepasst.

Die Schule ist auch ein Spiegel der Gesellschaft – mit der entsprechenden Fülle an unterschiedlichsten Themen.
Die Vielfalt der Fragestellungen ist gerade das Spannende an meiner Arbeit. Es geht wirklich querbeet um zahlreiche gesellschaftliche Themen. Aber am direktesten damit zu tun haben natürlich die Lehrpersonen. Meine Aufgabe ist, zu schauen, wie wir sie am besten unterstützen können.

Und wie verschaffen Sie sich den Überblick über alles, was beschäftigt?
Durch regelmässigen Austausch mit den Verbänden im Schulumfeld und mit Schulbesuchen, die wir vom Amt immer wieder in den verschiedenen Regionen durchführen – und natürlich gehen wir auch vorbei, wenn in einer Schule irgendwo der Schuh drückt oder ein neues Unterrichtsmodell erprobt wird. Das ist immer besonders spannend. Und oft denke ich: Hier würde ich gern selber zur Schule gehen! (lacht).

«Heute traut man den Kindern und Jugendlichen mehr zu.»

Was würde Ihnen heute besonders gefallen?
Mir gefällt, dass man den Kindern und Jugendlichen heute mehr zutraut. Ziele und Inhalte des Unterrichts werden ihnen mitgeteilt, sie bearbeiten Aufgaben, welche sie zum Handeln anregen und erhalten regelmässig Rückmeldungen. Zudem setzen die Lehrerinnen und Lehrer verschiedene Unterrichtsmethoden ein und sprechen stärkere und schwächere Lernende auf verschiedenen Niveaus an.

Bei den Schulbesuchen bekommen Sie aber wohl auch Kritik zu hören. Das gehört zu meinem Job. Wobei es oft um politische Entscheide geht, wie etwa bei der Lohnfrage der Kindergarten-Lehrpersonen, der Klassengrösse und so weiter. Diese Dinge entscheidet das Parlament.

Sie sind in einer Sandwichposition zwischen Politik, Schule und Schüler/Eltern. Ist das nicht frustrierend?
Ich würde meine Position eher als Vermittlerin sehen. Dabei muss ich unterscheiden, was auf die Ebene der Politik gehört und was auf die Amtsebene. Es ist natürlich nicht schön, Handlungsbedarf zu sehen, und nichts machen zu können. Wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben und den geeigneten Zeitpunkt zu erkennen.

Haben Sie sich auch schon überlegt, in die Politik einzusteigen, weil Sie dort die Dinge eher ändern könnten?
Nein, dafür bin ich nicht der Typ und habe ich keine Ambitionen. Ich bleibe lieber auf der Stufe der Verwaltung. Da ist man nah am Leben.

Und unterrichten, wie Sie dies bei den Schulbesuchen sehen, würde Sie das reizen?
Und wie! Es fehlt mir sogar sehr. Ich habe ja viele Jahre als Dozentin vor allem an der ZHAW schon unterrichtet und dies sehr spannend gefunden. Es fasziniert mich, Wissen weiterzugeben und dabei gleichzeitig selber viel zu lernen. In der Volksschule, und damit auf einer Stufe zu unterrichten, wo der pädagogische Teil stärkeres Gewicht hat, würde mich auch sehr interessieren.

Waren Ihre eigenen Schulerfahrungen mitentscheidend, dass Sie jetzt Volksschulchefin sind?
Sie waren zumindest nicht hinderlich. Ich bin immer gern zur Schule gegangen, hatte aber nie ein bestimmtes Lieblingsfach. Weil ich sehr vielseitig interessiert bin, habe ich mich fürs Jus-Studium entschieden. Denn damit kann man sich verschiedene Türen offen halten.

«Mir kommt zugute, dass ich sehr ungern streite.»

Nun sind sie auf der Verwaltungsebene für die Volksschule zuständig. Was forderte Sie hier als Juristin zu Beginn am stärksten heraus?
Herauszufinden, wie das Schulumfeld tickt, dessen besondere Kultur kennenzulernen, hat mich schon etwas gefordert. Der Gedanke des Mitwirkens ist im Schulfeld bei vielen Entscheiden wichtig: miteinander, mit Lehrpersonen, Schulvertretern und Eltern, nach der besten Lösung für die Kinder zu suchen. Das braucht natürlich viel psychologisches Geschick, denn oft geht es hoch emotional zu. Dabei kommt mir zugute, dass ich sehr ungern streite. Die Erfahrung zeigt, dass man Probleme in der Schule selten mit dem Gesetz lösen kann.

Dass die Verwaltungsarbeit trocken ist, ist also ein Klischee?
Ich finde schon. Das Faszinierende an der Verwaltung ist, dass man zwischen Staat und Bürger steht: Es gibt klare Regeln, aber innerhalb dieser Regeln auch Spielräume, und diese auszuloten, ist das Interessante. Die Verwaltung widerspiegelt nicht den typisch juristischen Werdegang. Aber ich war schon immer mehr an juristischen Randgebieten interessiert – damit habe ich meinen Traumjob.

Erstellt: 26.08.2018, 13:34 Uhr

Zur Person

Marion Völger (47) stammt aus Wildberg im Zürcher Oberland. Von da zog sie 1991 für das Studium der Rechtswissenschaften nach Zürich. 1997 schloss sie die Ausbildung an der Universität ab und begann im Rechtsdienst der ETH Zürich zu arbeiten. Gleichzeitig absolvierte sie ein Nachdiplomstudium in Angewandter Ethik, und 2004 doktorierte sie im Bereich des Strafrechts. Sie war Professorin und Studiengangleiterin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), bevor sie 2014 in den Rechtsdienst des Zürcher Volksschulamtes wechselte. 2016 ernannte sie der Regierungsrat als Nachfolgerin von Martin Wendelspiess zur Amtschefin. Völger ist verheiratet und lebt in Zumikon. In ihrer Freizeit praktiziert sie Yoga und begeistert sich für Fussball. and

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