Uetikon

Frauenverein Uetikon blickt auf eine wechselvolle Tradition zurück

Von der Kontrolle der Arbeitsschule bis zur Gestaltung eines breiten Freizeitangebots: Dazwischen liegt die 160-jährige Geschichte des Frauenvereins Uetikon – die immer auch ein Spiegel der Zeit war.

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Es muss ein ganz besonderer Moment gewesen sein. Wurde dafür doch das schönste Kleid aus dem Schrank geholt, der Faltenrock oder die weisse Bluse. Gar manche Frau hat sich auch die Perlenkette um den Hals gehängt oder eine Brosche ans Revers geheftet. In solcher Aufmachung ist die Gruppe jüngerer und älterer Uetikerinnen dann im örtlichen Gasthof Krone eingetroffen.

Das zeigt ein Blick in die Archive des Frauenvereins Uetikon und dort eine Fotografie im Schwarzweiss der Vierzigerjahre. Sie bildet die Teilnehmerinnen einer Generalversammlung des Vereins ab. Und dieser nun feiert heuer sein 160-jähriges Jubiläum: Grund für die aktuelle Vereinspräsidentin Lilly Frei-Gräser, die Dokumente und Fotos von einst wieder durchzusehen.

Name ab 1913

Sie zeigt ein weiteres Foto: Darauf sieht man einige – wohlgemerkt ältere Damen im beschriebenen Ausgehstaat – beim munteren Bockspringen während eines Vereinsausflugs. Diese Anlässe «bedeuteten Momente der Freiheit», sagt Frei, «die Frauen waren unter sich, fern ihrer häuslichen Pflichten, und haben das entsprechend zelebriert.»

Schon 1849 formierte sich in Uetikon eine Gruppe von Frauen. Dies, um die Arbeitsschule – die Ausbildung der Mädchen in Handarbeit und Hauswirtschaft – zu kontrollieren. Eine Aufgabe, die den Frauen von den männlichen Schulpflegern zugetragen worden war.

«Sie trauten sich das wohl nicht selber zu», meint Frei. Die Frauen aber gaben sich darein – und zehn Jahre später ihrer Gruppe die offizielle Form als Arbeitsschulverein. «Damit sind wir nachweisbar der älteste Frauenverein im Bezirk», sagt die Präsidentin, «auch wenn die Umbenennung zum Frauenverein erst 1913 erfolgte.»

Die Männer übrigens, die damals zur Entstehung des Arbeitsschulvereins beigetragen hatten, hatten just einen Frauenverein verhindern wollen. «Zu viel weibliches Engagement war ihnen wohl suspekt.»

350 Suppen täglich

Zu Unrecht, sollten sie sich vor politischen Kämpferinnen gefürchtet haben. Denn zwar seien die Vereinsfrauen vielseitig engagiert gewesen, sagt Frei, sie hätten sich aber dagegen gesträubt, für das Frauenstimmrecht Partei zu ergreifen. Das war 1919, notabene, nachdem sie in den Kriegsjahren zu einem grossen Teil die Armenfürsorge gestemmt hatten. «Bis zu 350 Portionen Suppe haben sie täglich an Bedürftige ausgegeben», illustriert Frei. Das entsprach etwa einem Suppenbezüger auf vier Einwohner.

Auch die Tradition der Schulweihnacht entstand damals; der Frauenverein bildete bis 1979 für die Arbeitsschule das Pendant zur heutigen Schulpflege. «Die Frauen organisierten für jedes Kind, was es am Nötigsten brauchte», sagt Frei. Für einige Buben und Mädchen seien das die einzigen Geschenke überhaupt gewesen. Der Brauch war so beliebt, dass er sich noch bis 1968 hielt.

«Die Frauen organisierten für jedes Kind, was es am Nötigsten brauchte.»Lilly Frei-Gräser, Vereinspräsidentin

Vielleicht sei das Frauenstimmrecht kein Thema, weil die Gemeinde dem Frauenverein immer gut geschaut habe, vermutet Frei. Das sei auch heute noch so. «Wenn wir für unsere Lokalitäten mehr als den symbolischen Beitrag zahlen müssten, ginge es nicht.»

Will heissen: die Angebote wie Ludothek oder Sprachkurse, Webatelier oder Kleiderbörse aufrecht zu halten – und vom Ertrag gut einen Viertel an in- und ausländische Hilfsprojekte zu spenden. Und längst freilich habe man sich gegenüber den Männern geöffnet, zähle sie denn auch zu den treuen Helfern.

Grösster Verein

Der gemeinnützige Gedanke blieb dem Verein. Geändert hat sich indes die Ausrichtung hin zu einer Plattform für Kontakte und Freizeitangebote – nicht ohne den jeweiligen Zeitgeist zu widerspiegeln. In den Nachkriegsjahren etwa durch Kurse zur Milchverwertung oder zur Zubereitung der grätenreichen Schwalen.

Gut 20 Jahre später kam der Nachhaltigkeitsgedanke auf, wovon bis heute etwa die Brockenstube zeugt. Die zunehmende Berufstätigkeit der Mütter führte in den Neunzigerjahren zum Mittagstisch, der inzwischen an die Schule überging.

Und heute? «Wir wollen noch sichtbarer werden», sagt Frei, die seit zwei Jahren als Präsidentin amtet. «Dies etwa mit einem überarbeiteten Internetauftritt, aber auch physisch im Dorf.» Zudem würden sie ständig Ideen für neue Kurse und Veranstaltungen sammeln, um auch jüngere Mitglieder zu gewinnen. «Der Frauenverein war schon immer der grösste Verein im Dorf. Wohl, weil er konfessionell und politisch neutral ist.»

Laut Jahresbericht 2018 zählt der Verein 466 Mitglieder. Diese Grösse zu halten sei denn auch die Herausforderung der Zukunft, sagt Frei.

Erstellt: 07.04.2019, 17:52 Uhr

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